UKGM

Uniklinik: Pfleger leiden – Patienten auch?

Es sind besorgniserregende Zustände, die die beiden Pfleger aus dem Gießener Uniklinikum schildern. Und es ist nicht das erste Mal.
08. September 2017, 20:44 Uhr
Patienten werden immer pflegebedürftiger. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum sich Pfleger überlastet fühlen. (Archivfoto: dpa)

Peter Müller ist Krankenpfleger im Uniklinikum. Station IMC, Innere Medizin. Müller heißt in Wirklichkeit anders, seinen echten Namen zu nennen, würde ihn aber vermutlich den Job kosten. Trotzdem will er reden. Die Missstände im Pflegebereich der Klinik seien zu erheblich, als dass er sie totschweigen könnte. »Wir sind so überlastet, dass wir den Tag kaum überstehen. Wir können uns nur um die wichtigsten Dinge kümmern. Das führt dazu, dass der Patient eben mal nicht gewaschen, der Verband nicht gewechselt wird. Die Hygiene kommt zu kurz.« Müller hält kurz inne. Dann fügt er hinzu: »Wir machen Sachen, wodurch Patienten zu Schaden kommen könnten.«

Aussagen mit Sprengkraft. Und sie sind nicht neu: Bereits im Dezember hatte diese Zeitung über die Problematik berichtet. Die Geschäftsleitung teilte seinerzeit mit, dass sie schon seit zwei Jahren im Dialog mit der Gewerkschaft Verdi zu Fragen der Arbeitsbedingungen in Kontakt stehe. 2015 habe es eine Mitarbeiterbefragung zu psychischen und physischen Belastungen gegeben. Nach der Auswertung habe man mit ersten Veränderungsschritten begonnen.

Doch davon scheinen die Mitarbeiter nichts zu merken. Im Gegenteil: »Es wird immer schlimmer«, sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Rainer Burger. Als Beleg führt er die gestiegene Zahl der Überlastungsanzeigen an. »In den vergangenen drei Jahren hat sich die Zahl fast verdoppelt. In diesem Jahr werden es wohl deutlich über 500 sein.« Überlastungsanzeigen sind gesetzlich vorgeschriebene Formulare, in denen Mitarbeiter auf Probleme am Arbeitsplatz hinweisen können. Dieser Zeitung wurden 16 solcher Bögen anonym zugespielt. Allesamt stammen aus der Station IMC, Innere Medizin. Allesamt haben ein Häkchen im Feld »Personalmangel« gesetzt. Alle Anzeigen haben den gleichen Tenor: »Ich kann meine Arbeit nicht ordnungsgemäß machen und meine Patienten adäquat versorgen.«

Vermutlich wären es noch viel mehr Anzeigen, wenn die Pflegekräfte nicht schon völlig desillusioniert wären. »Sie zeigen längst nicht mehr jeden Missstand an, sondern nur noch, wenn sie sich über längeren Zeitraum häufen«, sagt Burger. Müller nickt zustimmend. »Wir glauben nicht mehr daran, dass sich dadurch etwas bessert. Wir füllen die Bögen nur noch aus, um uns juristisch abzusichern.« Denn andernfalls könnte das Personal bei einer durch eine Überlastung herbeigeführte Schädigung des Patienten haftbar gemacht werden.

Der Pflegenotstand ist kein exklusives Problem der Gießener Uniklinik. In vielen Krankenhäusern des Landes klagen Mitarbeiter über Personalmangel, zu große Belastungen und zu wenig Zeit, um sich um die Patienten zu kümmern. Im europaweiten Vergleich des Patienten/Pfleger-Verhältnisses ist Deutschland laut Burger sogar Schlusslicht.

Und trotzdem habe das UKGM ein Alleinstellungsmerkmal, sagt er. Demnach erhalte die Klinik zwar Zuschüsse von Bund und Land für Forschung und Ausbildung, jedoch nicht für Neubauten, Instandsetzungen oder Investitionen in die Ausstattung. »Das ist deutschlandweit einmalig«, sagt Burger und führt die Besonderheit auf den Privatisierungsprozess zurück, der 2006 abgeschlossen wurde. Burger sagt, der heutige Betreiber, die Rhön-Klinikum AG, habe seinerzeit auf die Zuschüsse verzichtet. »Vermutlich, um sich im Bieterwettbewerb einen Vorteil zu verschaffen. Die heutigen Verantwortlichen würden die Vereinbarung vermutlich liebend gerne rückgängig machen.« Durch die fehlenden Subventionen herrsche ein besonders hoher Kostendruck, sagt Burger. Die Folge: Durch die Patientenversorgung müsse genügend Geld eingenommen werden, um auch die anderen Ausgaben zu finanzieren.

Derzeit kämen auf der IMC Station sechs bis zehn Patienten auf einen Pfleger. Burger: »Besser wären zwei bis drei.«

Nicht verwunderlich, dass auch die Pfleger leiden. Müller erzählt, dass er regelmäßig auf seine Pause verzichte, um auch nur annähernd die Aufgaben bewältigen zu können. »Wir haben immer mehr ältere und schwer kranke Patienten zu versorgen. Da ist der Pflegeaufwand deutlich höher. Wir schaffen die Arbeit wenn überhaupt nur, wenn wir uns selber ausbeuten.« Das sagt auch Arno Wagner, der wie Müller im wirklichen Leben anders heißt. Im Gegensatz zu seinem Kollegen übt er den Beruf aber noch nicht sehr lange aus. »Trotzdem bin ich schon desillusioniert. Die Bedingungen und der Zeitdruck lassen nicht zu, dass man sich so um die Patienten kümmert, wie man es möchte.« Da er den Frust nicht an den Patienten auslassen wolle, fresse er ihn in sich hinein. »Manchmal lässt man ihn dann abends an den Familienangehörigen aus.« Ob der den Beruf auch in 30 Jahren noch ausüben will? Wagner überlegt einen Moment. »Ich glaube nicht, dass ich das durchhalte.«

Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Burger kann das nachvollziehen. »Wir erhalten immer mehr Anfragen von Mitarbeitern, die sich über die Kündigungsbedingungen informieren.« Auch Müller spricht von einer großen Fluktuation, besonders bei den jungen Kollegen. Er kann es ihnen nicht verdenken: »Wir Älteren haben überhaupt keine Zeit, sie einzuarbeiten. Sie werden ins kalte Wasser geworfen und sind überfordert. Die jungen Leute werden verheizt.« Wenn das so weitergehe, werde sich der Fachkräftemangel radikal verschärfen, ist der Pfleger überzeugt. »Das tut sich doch keiner mehr an.«

Die beiden Pfleger betonen mehrfach, dass sie ihre Arbeit eigentlich sehr gerne ausüben. Umso belastender sei es für sie zu wissen, dass sie die Patienten nicht so versorgen können, wie sie es gerne täten. »Das geht den meisten so«, sagt auch Burger. »Sie gehen mit einem schlechten Gewissen nach Hause.«

Müller und Wagner haben den Beruf des Pflegers gewählt, weil sie anderen Menschen helfen wollten. Momentan scheinen sie es zu sein, die Hilfe benötigen.

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