Topfwärmer aus Afghanistan

Frauen aus sechs Nationen treffen sich jeden Freitag zum gemeinsamen Nähen in der Jugendwerkstatt. Hier können sie nicht nur Kontakte mit anderen Bewohnerinnen des Viertels knüpfen, sondern auch gleich noch ihre Sprachkenntnisse verbessern.
01. November 2017, 21:41 Uhr
Najia Azami aus Afghanistan (l.) und Wanya Bomanga aus dem Kongo gemeinsam an der Nähmaschine. (Foto: Schepp)

Im Obergeschoss der Jugendwerkstatt geht es zu wie im Bienenstock. Nähmaschinen surren, Frauen beratschlagen an großen Tischen, wie sie die bunten Stoffe zuschneiden wollen, und zwischendurch schaut der kleine Omar aus der Kinderbetreuung kurz bei seiner Mutter vorbei. »Die Frauen treffen sich hier einmal wöchentlich zum gemeinsamen Nähen«, erläutert Sozialpädagogin Ulrike Ess von der Gemeinwesenarbeit Gießen-West. Seit September letzten Jahres bietet das Diakonische Werk das Projekt »Neue Zuwanderung in unseren Stadtteil« an, das sich gezielt an neue Mitbewohner des Stadtteils richtet und Raum zum Kennenlernen und für gemeinsame Aktivitäten bietet. Mit finanzieller Unterstützung des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration gehört dazu auch ein Näh-Workshop für Frauen – der einmal wöchentlich in Kooperation mit der Jugendwerkstatt stattfindet.

Frauen als Multiplikatoren

Jeden Freitagnachmittag treffen sich seit April ein Dutzend Frauen im Leihgesterner Weg, um gemeinsam zu nähen. Die Teilnehmerinnen kommen aus sechs Ländern: aus Eritrea, Kongo, Afghanistan, Syrien, Marokko und Deutschland. Sie bringen ganz unterschiedliche Voraussetzungen im Hinblick auf Sprach- und Nähkenntnisse mit. Und so sitzt neben einer gelernten Schneiderin aus Syrien auch Wanya Bomanga aus dem Kongo, die vorher noch nie etwas mit einer Nähmaschine zu tun hatte. »Wenn die Hose meiner Tochter kaputt war, hat mein Mann sie genäht. Jetzt kann ich das«, erzählt sie voller Stolz. Sie will im Näh-Workshop aber nicht nur Grundkenntnisse für das Schneidern bekommen, sondern auf jeden Fall noch weiter darüber hinaus lernen. »Vielleicht kann ich das mal zu meinem Job machen«, hofft sie. Bis dahin ist es sicher noch ein langer Weg. Aber immerhin hat die Kongolesin mit der Zöpfchenfrisur schon ein paar Topflappen und zwei Taschen genäht.

Und auch Morjana Ahrani aus Marokko und ihre Kursfreundin Najia Azami aus Afghanistan haben in der Jugendwerkstatt nicht nur Spaß am Nähen gefunden. »Das Nähen interessiert mich. Und es hilft mir auch«, sagt Morjana, deren Familie sie bei ihrer neuen Beschäftigung unterstützt. Sie kann nun in der Gruppe ihre Kenntnisse erweitern und auch Kontakte mit anderen Frauen aus ihrem Viertel knüpfen. »Es geht darum, etwas gemeinsam zu tun und ganz nebenbei auch weiter die Sprache zu lernen«, erzählt Sozialpädagogin Ess. Sie hat gemeinsam mit Sozialarbeiterin Nicole Linnenberg den Kurs ins Leben gerufen. Schließlich sind die Frauen Multiplikatoren, wenn es um die Integration von Zugewanderten im Viertel geht. Und vielleicht bekommt sogar die eine oder andere so Mut, eines der weiterführenden Qualifizierungsangebote der Gemeinwesenarbeit Gießen-West wahrzunehmen, nachdem der aktuelle NähWorkshop Ende dieses Monats ausläuft.

Die Jugendwerkstatt stellt neben den Nähmaschinen auch gespendete Textilien und Stoffe als Arbeitsmaterial zur Verfügung. »Es gibt hier alle Stoffe: Baumwolle, Leinen, aber auch Seide«, erzählt Najia, die gerade einen Rock schneidert. Was die Frauen nähen, dürfen sie auch behalten. »Gardinen sind der Renner«, hat Ulrike Ess beobachtet. Aber auch Bettwäsche, Kinderkleidung, eine Kollektion von Barbie-Kleidchen oder jede Menge Topflappen seien so entstanden. Und alle profitieren auch von den Ideen der anderen. Topfwärmerüberzüge aus Afghanistan oder Hitzeschutzhandschuhe mit durchgehendem Schutzstreifen gegen heiße Ofenbleche sind so schon entstanden – genäht aus ehemaligen Bettbezügen.

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