Tausende demonstrieren gegen NPD-Aufmarsch

Gießen (mö). Rund 2000 Menschen empfangen 130 Teilnehmer der NPD-Demonstration am Samstag Mittag mit Sprechchören. Gießen protestiert lautstark aber friedlich gegen die Neonazis. Festnahmen gibt es allerdings nach den Randalen in der Licher Straße.
17. Juli 2011, 21:45 Uhr
Tausende protestierten in Gießen gegen die Demonstranten der NPD. Foto: Schepp

»Nazis raus, Nazis raus, haut ab, haut ab«! Es ist der seit Jahren größte Sprechchor Gießens, der am Samstagmittag hinter einer Dreifachsperre aus Gittern, Polizeibeamten und Mannschaftswagen am Oswaldsgarten in der prallen Sonne steht. Zusammen sind es etwa 2000 Menschen, die im Kreuzungsbereich und hinter einer weiteren Polizeisperre in der Neustadt die gut 130 Teilnehmer einer Demonstration der rechtsextremen NPD mit einem kollektiven Schrei der Empörung empfangen. Eskortiert von Bereitschaftspolizei ziehen die Neonazis über die Westanlage zur Sachsenhäuser Brücke, wo sie eine Kundgebung abhalten und ihre Tiraden gegen das Gesellschaftssystem der Bundesrepublik mit ohrenbetäubendem Lautsprecherlärm verbreiten. Näher werden sich die in ihrer Mehrheit glatzköpfigen Rechten und ihre Gegner an diesem Tag nicht mehr kommen.

Es sind Tausende von Menschen, die an diesem Samstag friedlich gegen den Aufmarsch der Hessen-NPD protestieren. Während es am Rand deren Route bis zu 3000 Personen sein dürften, werden die ungebetenen Gäste zeitgleich beim Straßenfest »Gießen bleibt bunt« von weiteren 1500 Menschen sozusagen aus der Stadt hinaus gefeiert (Seite 17).

Auch die Polizei spricht in ihrer Bilanz von einem »überwiegend friedlichen« Verlauf,. Neben den bei Massenveranstaltungen üblichen Personalienfeststellungen und Platzverweisen wird das positive Gesamtbild allerdings durch einen Vorfall in der Licher Straße getrübt. Dorthin hat sich gegen 13.45 Uhr eine Gruppe Vermummter begeben, die an dem Haus der Studentenverbindung »Chattia« und der Volksbank-Filiale schwere Sachbeschädigungen anrichtet. Unter anderem werden ein Geldautomat zerstört und Fensterscheiben mit massiven Steinen eingeworfen. Im Haus der Studentenverbindung soll sich zum Zeitpunkt des Vorfalls eine Putzhilfe aufgehalten haben, die aber unverletzt bleibt. Der Gesamtschaden wird von der Polizei auf 150 000 Euro geschätzt. Vor der Bankfiliale streuen die Täter sogenannte Krallenfüße aus. Im Zusammenhang mit dieser Randale werden später fünf Personen aus dem Frankfurter Raum im Alter zwischen 21 und 24 festgenommen.

Die hat in den Morgenstunden ein Großaufgebot in der westlichen und nördlichen Innenstadt sowie im Bahnhofsbereich zusammengezogen, darunter Einheiten aus vier Bundesländern und der Bundespolizei. Bereits ab sieben Uhr sind ganze Bereiche der Stadt gesperrt, darunter die beiden Lahnbrücken. An den Sperren lässt die Polizei nach einer Personenkontrolle nur Anwohner passieren.

Leidtragende dieser Begleiterscheinungen des Demo-Samstags sind die Händler in der Innenstadt und die Beschicker des Wochenmarkts, die deutliche weniger Kundschaft haben als sonst. Wie es am Samstag heißt, wollen Stadt und Stadtmarketing GmbH mit einem zusätzlichen verkaufsoffenen Sonntag den Handel, der sich bei »Gießen bleibt bunt« stark engagiert hatte, entschädigen.

Das eigentliche Demonstrationsgeschehen beginnt nach 9.30 Uhr am Bahnhof, als die ersten Züge mit Gegendemonstranten und Teilnehmern der NPD-Demo eintreffen. Auf den Gleisen 1,2 und 4 werden von der Polizei Hunderte Personen zunächst aufgehalten, um sie dann aus dem Bahnhof zu führen; die Neonazis über die Fußgängerbrücke zur Lahnstraße, die Gegendemonstranten, darunter viele Mitglieder von Antifa-Gruppen aus Marburg und Südhessen, via Bahnhofstraße in die Innenstadt. Bis auf kleine Rangeleien funktioniert der Abmarsch reibungslos, allerdings muss der Zugverkehr zeitweise angehalten werden, weil Personen versuchen, über die Gleise auf andere Bahnsteige zu gelangen.

Während sich die Rechten, darunter mit Holger Apfel, dem Vorsitzenden der NPD im sächsischen Landtag, einer der bundesweit führenden Köpfe der Neonazi-Partei, auf dem Parkplatz der Stadtwerke sammeln und sich später auf ihren Zug durch den Westen Gießens begeben, strömen immer mehr Gegendemonstranten zum Oswaldsgarten. Auf der anderen Lahnseite haben sich etwa 200 Mitglieder des Aktionsbündnisses »Gießen bleibt nazifrei« an der Rodheimer Straße selbst vom Hauptgeschehen isoliert. Ihr Vorhaben, den NPD-Vormarsch zu blockieren, ist angesichts des massiven Aufgebots der Polizei, die auch taktisch klug operiert, zu keinem Zeitpunkt umsetzbar. Etwa 200 Personen stark ist die angemeldete Demonstration der VVN/BDA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten), die durch die Nordstadt zieht.

Der Aufzug der NPD dauert etwa zwei Stunden, ehe die Rechtsextremisten über die Lahnstraße wieder zurück zum Bahnhof eskortiert werden. Gleichzeitig formiert sich aus der Innenstadt heraus eine größere Gegendemonstration, die die Bahnhofsstraße hochzieht, um die Rechten zu stellen. Doch daraus wird nichts. An der Ecke Liebigstraße macht die Polizei alle Schotten dicht. Einige Beamte einer Einheit aus Thüringen gehen dabei durchaus rustikal zur Sache, als einzelne Gegendemonstranten ihren Anweisungen nicht sofort Folge leisten. Zum Bahnhofsvorplatz kommen nur etwa 50 Gegendemonstranten durch, die die Rechtsextremisten im Stil von Fußballfans mit Schmähgesängen wie »Ihr habt den Krieg verloren« oder »ohne Verfassungsschutz wärt ihr nur zu zweit« aus Gießen verabschieden.

Nachdem die Züge mit den Neonazis abgefahren sind und dies die Polizei an der Ecke Liebigstraße/Bahnhofstraße bekannt gibt, brandet sogar Beifall auf. Antwort aus dem Lautsprecher der Polizei: »Wir danken Ihnen für Ihr friedliches Verhalten.« Was dann noch folgt, sind einige Straßenbesetzungen, unter anderem an der Ecke Westanlage/Gabelsberger Straße, die sich aber rasch auflösen. Später sieht man etliche der jungen Demonstranten am Kirchenplatz, wo sie am Stadtfest »Gießen bleibt bunt« teilnehmen und zur Livemusik tanzen. Die Band spielt gerade Herbert Grönemeyers »Männer«.

Live-Ticker zur NPD-Demonstration in Gießen Gießen am Samstag im Ausnahmezustand SWG und VGO ändern Samstag die Buslinienführung »Gießen bleibt bunt«: Eröffnung um 10.30 Uhr »Gießen bleibt bunt« über Dächern der Stadt

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