Suche nach dem »Heiligen Gral«

Dass am Kirchenplatz der Hessischen Rundfunk residiert, weiß fast jeder Gießener. Dagegen wissen nur wenige, dass dort eine weitere Institution ihren Sitz hat, die mindestens genauso wichtig ist wie das HR-Hörfunkstudio: Das Regionalmanagement Mittelhessen. Warum eine Stadt wie Gießen die Region braucht, warum der Beitritt von Stadt und Kreis zur FrankfurtRheinMain GmbH für das Regionalmanagement kein Problem ist und warum Geschäftsführer Jens Ihle den »Heiligen Gral« noch nicht gefunden hat, erklärt er im »Interview der Woche«.
05. Oktober 2017, 19:53 Uhr
Hier ist Mittelhessen: Jens Ihle, Chef des Regionalmanagements, vermarktet die Region. (Foto: Schepp)

Herr Ihle, was antworten Sie einem Freund, den Sie lange nicht mehr getroffen haben und der Sie fragt, was Sie beruflich machen?

Jens Ihle: Das passiert tatsächlich häufiger. Wenn ich es in zwei Sätzen erklären soll, würde ich sagen, wir machen die Region bekannter, wir vernetzen Akteure in Mittelhessen für eine bessere Kooperationskultur und wir bringen Menschen durch Projekte und Zusammenarbeit auf eine vertrauensvollere Basis. Wenn die Leute mehr Zeit haben, erzähle ich von unserer Rolle als regionaler Wirtschaftsförderer und unseren Schwerpunktthemen Bildung, Infrastruktur und Fachkräftebeschaffung.

Wer Sie im Internet sucht und Regionalmanagement eingibt, bekommt eine ganze Latte von Regionen genannt. Alle machen das. Warum geht es nicht mehr ohne?

Ihle: Für Mittelhessen kann ich es ziemlich einfach erklären: Mittelhessen ist die jüngste Region in Hessen, historisch nicht gewachsen und verfügt über keine komplementären Strukturen, aber ganz viele Schnittstellen. Nur ein Beispiel: Es gibt im Regierungsbezirk Gießen vier Industrie- und Handelskammern und zwei Handwerkskammern, es gibt im Bereich Bildung sieben Schulträger und drei Schulämter. Diese Liste ließe sich unendlich weiterführen. Es gibt also so gut wie keine bedeutenden Institutionen außer dem Regierungspräsidium, die deckungsgleich mit der Region Mittelhessen sind. Wenn du so viele Schnittstellen mit anderen Gebieten hast, dann brauchst du eine Organisation, die als Netzwerk kooperativ agiert. Wir setzen Leute aus der Region, die eine gemeinsame Herausforderung haben, an einen Tisch und suchen eine gemeinsame Lösung.

Das klingt fast so, als war zuerst das Regionalmanagement da, das jetzt erst die Region schafft.

Ihle: Da ist etwas dran. Gegründet wurde die Region als »Regierungsbezirk Gießen« 1981, und danach ist ganz lange Zeit nichts passiert. Mittelhessen als regionale Marke ist ja im Grunde erst durch die Gründungen des Vereins Mittelhessen im Jahr 2003 und dann 2013 durch die Regionalmanagement GmbH verstärkt zu einem Begriff geworden. Unsere Aufgabe ist es auch, Geschichten zu erzählen, die verbinden und regionale Identität stiften können. Zum Beispiel bei einem Weltunternehmen wie Buderus, das in Laubach angefangen und sich in ganz Mittelhessen verbreitet hat und heute zu Bosch Thermotechnik gehört. Die Volksbank Mittelhessen, die TH Mittelhessen und zuletzt der Forschungscampus Mittelhessen der drei Hochschulen haben sich ganz alleine so benannt, hilfreich ist das aber schon.

In den Oberzentren und speziell in Gießen scheint das Denken in regionalen Kategorien nach wie vor nicht sehr ausgeprägt zu sein. Gerade weil die Stadt momentan prosperiert. Wie nehmen Sie das wahr?

Ihle: Wir sind ja so etwas wie die Marketingabteilung von Mittelhessen. Diese Dachmarke funktioniert aber nicht ohne starke Performance von Gießen, Wetzlar, Marburg, Limburg und den fünf Landkreisen. Die produzieren den Inhalt, den wir kommunizieren. Ohne die boomende Immobilienwirtschaft gerade in Gießen, aber auch in Marburg, Wetzlar oder Limburg, hätten wir keinen so starken Stand auf der Expo Real in München. Da treffen die sich alle und verabreden sich. Dass das Parkhaus am Bahnhof in Gießen von der Albert Weil AG aus Limburg gebaut wurde, war zum Beispiel ein Ergebnis dieser Messepräsenz. Es war doch vor 15 Jahren noch undenkbar, dass ein Limburger Investor in Gießen ein größeres Projekt verwirklicht. Klar gibt es Themen, die die Städte alleine klären müssen, aber es gibt auch welche, die machen eher kooperativ Sinn. Da bieten wir die Kommunikations-Plattform. Warum soll denn nicht eine gute Idee des Limburger Stadtmarketings nach Gießen oder Marburg transferiert werden? Das geht, denn bei uns sitzen die Leiter der örtlichen Marketinggesellschaften an einem Tisch.

Der Begriff Mittelhessen ist historisch vor allem belastet durch die Zwangsheirat von Gießen und Wetzlar. Stoßen Sie noch immer auf solche Vorbehalte?

Ihle: Natürlich hören wir das immer noch: Da werden keine Limburger Interessen vertreten, sondern Weilburger, heißt es dann. Mit Alsfeld und Lauterbach, mit Marburg und Biedenkopf ist es ähnlich, dann fängt einer wieder mit den Altkreisen und der Lahnstadt an. Dazu haben wir eine klaren Standpunkt: Haken dranmachen, nach vorne blicken. Wir müssen es verstehen, aber es darf es uns nicht interessieren. Vieles ist eine Frage der Perspektive: Wenn sich ein Gesprächspartner im Vogelsberg beklagt, warum haben wir keine Hochschule, antworte ich: Ihr habt sogar drei!

Konterkariert das Regionalmanagement den Wettbewerb der Kommunen, der ja auch manchmal seltsame Blüten treibt?

Ihle: Eines will ich deutlich sagen: Wir wollen keinen Wettbewerb ausschalten in Mittelhessen. Im Gegenteil: Wettbewerb sorgt für Qualität und Dynamik. Kooperation und Austausch ist aber dann angesagt, wenn man im Wettbewerb mit anderen steht. Wir stehen im Wettbewerb mit Rhein-Main um Arbeitskräfte. Für den Alsfelder Unternehmer ist nicht Gießen der Wettbewerber, sondern Frankfurt. Ich zitiere mal sinngemäß einen Geschäftsführer aus dem Industriepark Höchst, der sagt: Was sind wir froh, dass wir unsere jungen Leute aus Vogelsberg und Westerwald haben, weil die nicht bei jedem Schnupfen zu Hause bleiben. Wir müssen dafür sorgen, dass diese jungen Leute, die morgens im Stau auf der A5 stehen, ihre Chance bei Firmen in Mittelhessen sehen. Dafür müssen wir in der Region zusammenarbeiten, da sind wir eine Zweckgemeinschaft.

Wie wirbt man um Fachkräfte?

Ihle: Indem man das vorhandene Image, Mittelhessen sei als urbaner Lebensort nicht attraktiv, aus den Köpfen kriegt. Wir bieten den Leuten, die vielleicht ein Jobangebot aus Gießen haben, die ganze Region. Jeder ist anders: Für den einen sind Gastronomie und Kulturangebote wichtig, der andere ist naturverbunden. Vielleicht fährt der Ingenieur, der einen neuen Job sucht, gerne Mountainbike. Dem können wir zeigen: Wir haben fünf Mittelgebirge, da kannst du dich austoben. Wenn man das sieht und Perspektiven erweitert, dann hat man mehr Angebote.

Als ich vor 25 Jahren in Gießen als Lokaljournalist angefangen habe, war an eine Kooperation zwischen Gießen und Wetzlar oder den Unis in Gießen und Marburg nicht zu denken. Das hat sich verändert. Was ist Ihr Anteil daran?

Ihle: Auf das Regionalmanagement bezogen gibt es drei Ebenen: Die eine ist der Aufsichtsrat: Bei uns sitzen qua Satzung nur die Spitzen der Oberzentren, Kreise, IHKs, HWKs und Hochschulen und tauschen sich dreimal im Jahr aus. 19 Institutionen haben sich für die GmbH zusammengetan. Da werden strategische Fragen erörtert, zum Beispiel, wie wir mit der regionalen Entwicklung, zum Beispiel der Beziehung zum Rhein-Main-Gebiet umgehen. Die operative Ebene bilden unsere Netzwerke zu Themen wie Digitalisierung und Breitbandausbau, Qualifizierung von Flüchtlingen, Berufsschulstandorte. Auch auf dieser Ebene führen wir die Akteure regelmäßig zusammen, insgesamt engagieren sich dort rund 500 Menschen! Die dritte Ebene sind die Beziehungen, die wir in und für die Region aufbauen, ein Beispiel: wir laden neue Arbeitnehmer zu kostenfreien »Newcomer Days« ein, die besuchen gemeinsam mit ihrer Familie das Gießener Stadttheater oder die Grube Fortuna. Sowohl zwischen den Newcomern als auch zu uns entsteht da viel Nutzen daraus. Messen lässt sich das halt nicht.

Ihre Internetadresse endet nicht mit de, sondern mit eu. Das deutet auch auf eine internationale Ausrichtung hin. Nun haben sich die Stadt und der Landkreis Gießen, die bei Ihnen Gesellschafter sind, mit Blick auf die internationale Vermarktung der Region entschlossen, der FrankfurtRheinMain GmbH (FRM) beizutreten. Ist das ein Problem für Sie?

Ihle: Als das in der Zeitung stand, wurde ich von vielen Menschen gefragt, habt ihr jetzt einen Wettbewerber aus der Rhein-Main-Region? Das sehe ich nicht so, denn man muss die unterschiedlichen Rollen sehen. Der große Unterschied zu uns ist, dass FRM eine Standort-Vertriebsorganisation mit einem weltweiten Netzwerk ist, mit über 25 Mitarbeitern, Büros in Singapur, Chicago und bald London. FRM macht in Asien und Nordamerika aktiv Werbung für den Wirtschaftsstandort Rhein-Main. Das könnten wir unseren Ressourcen gar nicht leisten. Das heißt aber nicht, dass wir kein internationales Marketing machen. Das machen wir, zum Beispiel in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsförderung des Landes »Hessen Trade & Invest« (HTAI) und eben auch mit FRM im Rahmen einer Kooperationsvereinbarung. Kann FRM zum Beispiel eine Investorenanfrage nicht bedienen, geben sie die an uns weiter. Und umgekehrt. Ist beides schon passiert und wir holen internationale Delegationen nach Mittelhessen. Wir haben aber auch einen anderen Auftrag, betreiben im Schwerpunkt Binnenmarketing und bewegen mit fünf Mitarbeitern rund 500 Menschen aus der Region Mittelhessen in unseren Netzwerken. Wir sehen das mit FRM momentan als Komplementärentwicklung.

Warum ist Mittelhessen für eine global agierende Gesellschaft wie die FRM interessant?

Ihle: Die Metropolregion Frankfurt-Rhein-Main steht im Wettbewerb mit London, Paris, Moskau oder Amsterdam. Schauen Sie sich die Kernstädte dort an, dagegen ist Frankfurt ein Dorf. Deshalb braucht FRM für das Marketing und den Vertrieb von Firmenansiedlungen den Großraum.

Wir haben jetzt eigentlich nur über Wirtschaft gesprochen. Identität hat doch auch viel mit Emotion zu tun. Frankfurt hat die »Eintracht« und den Äppelwoi, Kassel die Documenta, Fulda viel Barock und einen Bischof. Was hat Mittelhessen?

Ihle: Mit der Frage haben Sie ins Mark getroffen. Wir suchen eigentlich nach dem »Heiligen Gral«. Es gibt Regionalmanagements, die haben es da einfacher. Nehmen Sie die Bodensee-Region. Die haben den See als verbindendes Element. Der Vereinsgründer und frühere Regierungspräsident Wilfried Schmied hat immer gesagt: Wir müssten die Lahn umleiten, damit sie auch noch durch den Vogelsberg fließt, dann wäre die Lahn unser verbindendes Element. Die Frankfurter tragen auf der Expo Real einen kleinen Bembel als Anstecker. So ein Symbol haben wir halt nicht. Für uns ist es wichtig, dass hinter der Marke Mittelhessen Menschen stehen, die unsere Leuchttürme wie das duale Angebot StudiumPlus, den industriellen Mittelstand und die Hochschulen verkörpern. Wir haben viele Familienunternehmer in der Region, die starke mittelhessische Bezüge haben und auch als Botschafter für die Region werben.

Wo steht Mittelhessen denn voraussichtlich im Jahr 2030?

Ihle: Man muss sich keine Sorgen um Mittelhessen machen. Wir haben alle Voraussetzungen, um eine prosperierende Region zu bleiben. Bildung und Wissen sind unser Öl, unsere Naturschätze. Wir haben die beste Hochschulinfrastruktur, einen hochinnovativen Mittelstand aus Industrie und Handwerk und eine sensationelle Lage mit Anbindung an die Welt durch die Nähe zu Frankfurt. Man wird Mittelhessen im Jahr 2030 in vielen Rankings in Deutschland im oberen Drittel finden.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Buderus AG
  • Familienunternehmer
  • Hessischer Rundfunk
  • Interviews
  • Mittelstand
  • Regierungsbezirk Gießen
  • Schnittstellen
  • Stadttheater Gießen
  • Volksbank Mittelhessen
  • Weltausstellungen
  • Burkhard Möller
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.