Hänel-Prozess

Solidarität mit »unserer Tina Hänel«

Noch bevor die Gießener Ärztin Kristina Hänel im Amtsgericht verurteilt wurde, versammelte sich eine vielfältige Schar zur Unterstützung. Karen Werner und Burkhard Möller haben sich umgehört.
24. November 2017, 21:38 Uhr

Kein Regentropfen fällt, doch drei Gießenerinnen haben ihre Schirme aufgepannt. Sie wollen die eigens aufgesprühten Frauenzeichen präsentieren. Einen Schirm hält Kerstin Pfeiffer hoch. »Ich finde es unglaublich, dass die Paragrafen 218 und 219 immer noch existieren«, sagt die 51-Jährige. Mit einem Schild »Her body, her choice« ist Moritz Jungeblodt aus Marburg angereist. Für ihn sei es »selbstverständlich, für die Menschenrechte einzutreten«.

Jung und Alt, Männer und Frauen, arrivierte Politiker und »Antifa«-Aktive: Es ist eine bemerkenswert vielfältige Schar, die sich am Freitagmorgen vor dem Amtsgericht versammelt hat. Rund 300 Menschen wollen die Gießener Ärztin Kristina Hänel solidarisch in ihr Verfahren begleiten. Redner warnen, es sei kein Zufall, dass die Freiheiten der Frauen derzeit wieder verstärkt infrage gestellt würden: Fundamentalismus und rechte Gesinnung nähmen zu.

 

Augen geöffnet für »Hasskampagne«

 

Etliche sind von weither angereist. Etwa Kersten Artus, Vorsitzende von Pro Familia Hamburg, die die Kundgebung angemeldet hat. Aus ganz Deutschland kommen auch die zahlreichen Journalisten und Fernsehteams.

Dutzende von Interviews hat Hänel in den letzten Wochen gegeben. Jetzt schweigt die schmale 61-Jährige. Ihrem Gesicht ist die Anspannung anzusehen. Zugleich ist deutlich, wie gut ihr Zuspruch und Dank tun.

In 30 Jahren Engagement habe die Ärztin »Gießen frauenfreundlicher gemacht«, sagt Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, die als Privatperson gekommen ist. »Wir stehen hier für alle Ärzte, die Anfeindungen ausgesetzt sind.« Die ehemalige Kreisfrauenbeauftragte Elisabeth Faber geißelt Einschüchterungsversuche gegen »unsere Tina Hänel«. Als Christin sei sie erschrocken über die Angriffe radikaler »Lebensschützer«.

 

Veränderungen gefordert

 

Erst dank Hänels Zivilcourage werde das Ausmaß der Hasskampagnen deutlich, sagt die Ärztin Nora Szasz aus Kassel. Auch sie erhielt kürzlich eine Anzeige. Auch ihr riet die Staatsanwaltschaft, das Wort »Schwangerschaftsabbruch« von der Internetseite zu löschen. Sie werde das nicht tun, erklärt Szasz unter Applaus. »Die Zeit ist reif für Veränderung.« Die Buseckerin Brigitte Ende, die den Deutschen Ärztinnenbund vertritt, bekräftigt: Hänel sei »mit einem scheinbar individuellen Problem an die Öffentlichkeit gegangen und hat uns klargemacht: Es handelt sich um unser aller Problem«.

Zwei Bundestagsabgeordnete berichten von Initiativen ihrer Parteien zur Abschaffung des Paragrafen 219a. »Es geht um zentrale Errungenschaften der Frauenbewegung«, unterstreicht die Grüne Ulla Schauws. Cornelia Möhring von der Linken betont, die Politik habe die »außerparlamentarische Bewegung« als Anstoß gebraucht. Das erschwerte Informationsrecht zum Schwangerschaftsabbruch treffe besonders benachteiligte Frauen, ergänzt Christine Buchholz, die für die Linke im Landtag sitzt.

 

Zwei Busecker mit anderer Meinung

 

Neithard Dahlen vom Freundeskreis der Auschwitzer nennt den Vergleich von Schwangerschaftsabbruch und Holocaust »zynisch«: Damit verhöhnten »Lebensschützer« das Leid der Nazi-Opfer. Matthias Körner, Vorsitzender des Gewerkschaftsbunds Mittelhessen, sagt: »Dieselben Leute fordern, dass Kinder im Mittelmeer ersaufen.«

Von Abtreibungsgegnern ist zunächst nichts zu sehen. Kurz vor Beginn des Prozesses taucht ein Ehepaar auf. Er trägt ein Schild mit dem Foto eines Babys und dem Schriftzug »1 Stimme für die Ungefragten.« Schnell ist das Paar von Linksautonomen umringt, die das Schild verdecken. Dann indes entwickelt sich ein ernsthaftes Gespräch zwischen Hänel-Unterstützern und dem Ehepaar aus Buseck. »Uns geht es um die Kinder, nicht um die Frauen«, sagt der Mann, der Abtreibung als »Ermordung« bezeichnet.

Verteidigerin Prof. Monika Frommel wird vor Gericht sagen, niemand wolle am Kompromiss zum Paragrafen 218 – verboten, aber straffrei – oder dem grundsätzlichen Werbeverbot rütteln. Das sehen etliche Unterstützer anders. Mit Sprechchören wie »Ob Kinder oder keine, entscheiden wir alleine« ziehen etwa 40 junge Demonstranten nach dem Urteil durch die Innenstadt.

 

AfD-Vertreter gibt schnell auf

 

Eine weitere kleine Auseinandersetzung gibt es am Nachmittag. Klaus Sydow vom Bundesvorstand Christen in der AfD verteilt vor McDonald’s Flugblätter, auf denen das Urteil begrüßt wird. »Werbung für Tötung« dürfe nicht ungestraft bleiben, sagt der AfD-Kreistagabgeordnete aus dem Lahn-Dill-Kreis. Den Tisch für seinen geplanten InfoStand entwenden einige der rund 30 Gegendemonstranten, während andere ihn in eine hitzige Diskussion verwickeln. Nach einer Viertelstunde gibt Sydow auf.

Ulrich Weyel, ehemaliger Koordinator der Aktion Helfen statt Töten der Evangelischen Allianz Gießen, äußert in einer Stellungnahme Unverständnis über Hänel. Wie könne eine Ärztin gegen die Minimalforderung im Paragrafen 219a sein? Weyel schlägt vor, den Volkstrauertag 2018 »dem Gedenken des Todes der ungeborenen Kinder zu widmen«. Und er fordert einen nationalen Fonds zur Hilfe für ungewollt schwangere Frauen.

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