Schadstoff-Belastung

So dick ist die Gießener Luft wirklich

Die Umweltzone ist in Gießen vom Tisch. Für die Stadt hat nun der Ausbau des Busnetzes Priorität. So steht es derweil um den Grenzwert in Gießen.
14. November 2017, 11:00 Uhr
Zur Entlastung der Innenstadt von Verkehr und Schadstoffen wünscht sich die Stadt an der Grünberger Straße einen Ringanschluss Süd (rechte Fahrspuren). Aber der wird allenfalls langfristig kommen. (Foto: Schepp)

Sehen die die Kaumgummiflecken auf den Dächern ringsum?«, fragte der Professor. Ja, man konnte die hellen Flecken beim Blick aus einem der THM-Hochhäuser gut erkennen. Es handelte sich um Flechten. Die unscheinbaren Gewächse dienen als Bioindikatoren für die Luftgüte. Faustformel: Je geringer ihr Aufkommen, desto höher ist die Schadstoffbelastung der Luft.

Zwischen 50 und 60 Arten hatte Prof. Ulrich Kirschbaum in Gießen und Wetzlar, wo es drei Jahrzehnte zuvor weniger als fünf gab, im Rahmen einer Langzeitbeobachtung gezählt. »Die Luftqualität hat sich dramatisch verbessert«, stellte der Wissenschaftler fest. Das war im März 2006. Die GAZ schrieb damals über das Pressegespräch, dass Kirschbaums Befund so gar nicht passe »zur aktuellen und aufgeregten Debatte um Feinstaubgefahren, um Luftreinhaltepläne oder die City-Maut«.

Knapp über dem Grenzwert

Die Parallelen zur heutigen Situation sind verblüffend. Ihren Höhepunkt erreichte die aktuelle Debatte Anfang Oktober rund um den Diesel-Gipfel zwischen Autoindustrie und Politik. Da dessen Beschlüsse laut Umweltbundesamt nicht ausreichen, um in Städten wie Gießen die Stickoxidbelastung unter den Grenzwert zu drücken, drohten Umweltschutzorganisationen mit Klagen gegen die für die Luftreinhaltepläne zuständigen Bundesländer.

In Gießen liegt die Belastung beim gesundheitsschädlichen Stickstoffdioxid schon länger drei bis fünf Mikrogramm über dem Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft (Jahreswert). Der sogenannte gleitende Jahresmittelwert für 2017 lag Ende September bei 43 Mikrogramm. Auch dieses Jahr wird die Belastung wohl wieder knapp über dem Grenzwert liegen.

Luftschadtstoffe auf dem Rückzug

Dazu muss man wissen, dass die hiesige Messstelle an der Westanlage vom Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie (HLUG) als »Verkehrsschwerpunkt« eingestuft ist – mit einer entsprechend hohen Schadstoffbelastung durch den Straßenverkehr. Ein paar Meter weiter bietet sich ein anderes Bild: In der Johannette-Lein-Gasse, wo das HLUG ein Messgerät zur Ermittlung der sogenannten Stickoxid-Hintergrundbelastung in Gießen anbringen ließ, lag der Jahresmittelwert 2016 bei nur 26 Mikrogramm und damit weit unter dem Grenzwert. Schaut man sich zudem die Daten des HLUG über einen längeren Zeitraum an (1997-2015), wird deutlich, dass die Luftschadstoffe überall in Hessen auf dem Rückzug sind.

Gleichwohl ist es angesichts der Vorgaben das Ziel des Magistrats, die Stickoxidbelastung unter die Marke von 40 zu drücken. Nachdem die bereits im Luftreinhalteplan 2011 angekündigten Maßnahmen wie Tempo-30-Zonen ausweisen, Busflotte der Stadtwerke auf emissionsarme Antriebe umrüsten und Fernwärme ausbauen ausgereizt sind, setzt der Magistrat auf den Ausbau des ÖPNV. »Der hat jetzt absolute Priorität«, betont Umweltdezernentin Gerda Weigel-Greilich (Grüne).

Linie 10 soll häufiger fahren

Veränderungen werde es bereits zum Fahrplanwechsel Mitte Dezember bei der Unilinie 10 mit mehr Fahrten in den Abenstunden und an den Wochenenden geben. Im kommenden Jahr kämen dann die Linien 5, die 1 und 801/802 an die Reihe. Beobachten müsse die Stadt, ob das Jobticket für die Landesbediensteten ab dem kommenden Jahr zu noch höheren Fahrgastzahlen führen werde,. Auch der Ausbau der Fahrrad-Abstellanlagen an den Schulen soll forciert werden, zudem werde die Stadt der Uni eine Fläche hinter der Neuen Post überlassen, um dort einen Standort für das Fahrrad-Leihsystem einzurichten.

Im vom Land aufgestellten Luftreinhalteplan für Gießen 2011 werden auch die beiden Autobahnanschlüsse Oberhof und Grünberger Straße Süd als Maßnahmen zur Entlastung der Innenstadt von Schadstoffen genannt. Die werden bislang aus Gründen der Verkehrssicherheit aber abgelehnt. »Zur Entlastung der Innenstadt bräuchten wir beide Anschlüsse«, erklärte die Bürgermeisterin, aber mittelfristig rechnet sie nicht mit einer Realisierung.

Zusatzinfo

Feinstaub kein Thema mehr

Aktuell ist das Stickstoffdioxid der »Luftschadstoff der Stunde«. Vor einigen Jahren war das noch der Feinstaub, der die umweltpolitischen Debatten bestimmte. Nicht nur in Gießen ist er – außer an Silvester, wenn die Werte durch das Feuerwerk hochgehen – fast kein Thema mehr. Der Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft wurde in Gießen in diesem Jahr bislang an acht Tagen überschritten, erlaubt sind maximal 35 Tage mit Überschreitungen. 2016 zählt das HLUG keinen einzigen Tag mit einer Überschreitung.

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