Aufklärung

Sexualität und Behinderung

In Gießen unterstützt die »Aktion Mensch« Pro Familia bei der sexualpädagogischen Beratung von Menschen mit geistiger Behinderung/Lernschwierigkeiten.
02. Januar 2018, 11:00 Uhr
Eine Sexualpädagogin erklärt mit einer Gebärmutter aus Stoff wie Sexualberatung für Menschen mit Behinderung ablaufen kann. (dpa)

Können die das denn? Ihr solltet keine Kinder bekommen! Reden Sie mal über Verhütung, bevor etwas schiefgeht!« – Solche Fragen und Aussagen über Sexualität und den Kinderwunsch von Menschen mit Lernschwierigkeiten hat Anke Bäumker schon gehört. Sie ist Sexualpädagogin und Beraterin auch für Menschen mit Lernschwierigkeiten bei Pro Familia in Gießen und Friedberg. Um diesen Menschen das Thema Sexualität auszureden, lässt sich Bäumker aber nicht engagieren. »Wir stehen bei Pro Familia für sexuelle und reproduktive Rechte«, erklärt sie.

 

Behindertenrechtskonvention

 

Das ist auch rechtens, denn Artikel 23 der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen verpflichtet alle Vertragsstaaten dazu, Maßnahmen zu treffen, um Diskriminierung von Menschen mit Behinderung zu verhindern. Auf der Grundlage der Gleichberechtigung sollen sie sich frei dafür entscheiden können eine Partnerschaft und Ehe einzugehen, sowie Eltern zu werden und eine Familie zu gründen. Dazu müssen Menschen mit Behinderung den Zugang zu altersgemäßer Information und Aufklärung haben.

Bei dieser Aufklärungsarbeit wird der hiesige Pro-Familia-Ortsverband seit knapp zwei Jahren und noch bis Ende Januar 2019 von der »Aktion Mensch« unterstützt. Mithilfe einer Finanzspritze von 80 000 Euro, konnten ab Februar 2016 ein Jahr lang alle Beratungen für diesen Personenkreis kostenlos angeboten werden. Abgesehen vom geförderten Projekt, ist für Minderjährige die Beratung immer kostenfrei, für Erwachsene bemisst sich die Gebühr normalerweise am Einkommen. Seit Februar 2017 zahlen Volljährige mit Lernschwierigkeiten fünf Euro für die Beratung. »Während dieses Projektabschnitts versuchen wir zudem eine Finanzierung zu organisieren, die über das Projekt hinaus andauert. Da sind wir gerade dran«, informiert Bäumker, die mit Benjamin Stock diese Aufgabe übernommen hat.

 

Puppe als Babysimulator

 

Eine Idee ist es, Paaren mit Kinderwunsch eine Woche einen Babysimulator zur Verfügung zu stellen. Diese Puppe simuliert den Tagesablauf eines Säuglings, der schreit, gewickelt und gefüttert werden muss. Dabei wird mit einem Chip-Armband registriert, wie sich um das Baby gekümmert wird. 200 Euro koste die Miete inklusive Betreuung und Beratung. Bäumker kümmert sich um die Finanzierung.

Schon seit 2013 arbeitet Pro Familia an barrierefreien Zugängen zu ihrem Beratungsangebot. »Auf Landesebene lief dazu schon ein Inklusionsprojekt«, weiß die Sexualpädagogin. Dazu wurden etwa Flyer überarbeitet und in Großdruck, sowie in leichter Sprache herausgegeben. Das große Ziel sei, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten nicht nur über Betreuer oder Angehörige vom Beratungsangebot hören, sondern sich selbstständig informieren können. Häufig seien es nämlich Fachkräfte oder Eltern, die sich bei Pro Familia melden, um sich über die Angebote zu informieren. »Wir erklären dann die Herangehensweise und freuen uns, wenn sich auch die Bezugspersonen von uns beraten lassen«, sagt Bäumker. »Wenn sie sich darauf einlassen, ist das sehr hilfreich. Dann kann der Kampf gegen die Sexualität aufhören und fachliche Arbeit beginnen.«

 

Verschiedene Beratungsangebote

 

Die Beratungen an sich seien sehr unterschiedlich. Zum Angebot zählen Gruppenangebote, aber auch Einzelgespräche und Paarberatungen. »Wir gehen auch in Einrichtungen und bieten dort Workshops zu Themen an, die die Sexualität betreffen«, sagt die 45-Jährige. Oftmals seien es ganz grundlegende Aspekte, die dort behandelt würden, wie etwa Körperteile benennen und wo sie sich befinden. Auch Fragen rund um Flirten und Verhütung sind Teil der Gespräche. »Die Herausforderungen sind häufig die gleichen wie bei Menschen ohne Lernschwierigkeiten«, sagt Bäumker. »Ob jemand schüchtern ist oder sich selbstbewusst auf Partnersuche macht, ob jemand konstruktv mit Konflikten umgeht, wie jemand den eigenen Körper und Lust kennt. Gerade beim Kinderwunsch ist es wichtig darüber zu reden, welche Fähigkeiten und Möglichkeiten vorhanden sind und welche Hilfen die Menschen brauchen.«

Im dritten Förderjahr, das im Februar beginnt, sollen Finanzierungen über die jeweiligen Träger geklärt werden. Dazu ist ein »Werkstattgespräch« mit den Einrichtungen der Behindertenhilfe, dem Kreis und weiteren Trägern geplant. (Foto: kgg)

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