Schutz statt Väterrechte

26. April 2017, 20:27 Uhr

Von Karen Werner , 13 Kommentare
Das Gesetz fordert: Nach der Trennung soll ein Kind zu beiden Eltern Kontakt halten. Wird eine Gewalt-Vorgeschichte dabei zu wenig berücksichtigt? (Foto: dpa)

Vor ihrem gewalttätigen Mann war die Frau mit ihrer Tochter nach Berlin geflüchtet. Er bewegte eine Richterin, sich sofort mit seinem Wunsch zu befassen, seine Tochter zu sehen. Sie ließ Mutter und Kind kommen, sah das Mädchen jubelnd auf den Papa zulaufen und verfügte, dass beide Kontakt haben sollten. Wenige Tage später war die Sechsjährige tot – erwürgt vom Vater, der sein Versprechen an seine Frau wahrmachte: »Du bekommst das Kind nicht.«

Dieser »Fall Gloria« machte vor 17 Jahren Schlagzeilen. Er sei ein drastisches Beispiel, »was alles passieren kann«, sagte Rechtsanwältin Mareike Sander bei einem Vortrag auf Einladung des Frauenhauses. Viel zu »hektisch und übereilt« müsse die Justiz seit acht Jahren über das Umgangsrecht entscheiden, nämlich innerhalb eines Monat nach Antrag eines Elternteils. Bei Familien mit Gewalt-Vorgeschichte sei mehr Zeit nötig. »Ich rufe Sie auf: Kämpfen Sie mit!«

»Sicherheit hat Vorrang! – Für einen konsequenten Schutz von gewaltbetroffenen Frauen und Kindern in Sorgerechts- und Umgangsverfahren« hieß die Veranstaltung zum 40-jährigen Bestehen des autonomen Frauenhauses Gießen. Wenig beworben und dünn besucht, wurde sie kurzerhand zur Gesprächsrunde. Fachfrauen von der Anwältin über die Frauenhaus-Aktive bis zur Frauenbeauftragten bestätigten: Auch in Gießen sorge die Vier-Wochen-Regelung für erhebliche Probleme. Gerichte seien ebenso überlastet wie eigens geschaffene Beratungsstellen, wo es Wartezeiten bis zu acht Wochen gebe. Gewalterfahrungen würden oft zu wenig berücksichtigt oder ernst genommen.

Antifeminismus »ganz offen«

Zwei Gesetzesänderungen zur »Stärkung der Väterrechte« hätten vielen Frauen das Leben schwerer gemacht und gefährdeten im Extremfall ihr Leben und das ihrer Kinder. In Kraft traten sie 1998 und 2009. Grundsätzlich gewünscht wird seitdem die »gemeinsame Elternverantwortung« und der Kontakt der Kinder mit beiden, erklärte die Familienrechts-Expertin Sander. Richter meinten oft, die Paare sollten »nach vorn schauen«. Über die Vergangenheit wollten sie nichts hören und versuchten, die Fälle »wegzuverwalten von den Gerichten hin zu Beratungsstellen«. Dabei wäre es »wichtig, genau hinzuschauen«; doch dafür fehle die Zeit.

Etliche Männer »wollen gar nicht ihre Kinder sehen. Sie wollen die Frau kontrollieren«, berichtete eine langjährige Frauenhaus-Mitarbeiterin. Über das Umgangsrecht-Verfahren bekämen etliche die Adresse des Frauenhauses. »Manche Frauen müssen deshalb sofort die Stadt verlassen.«

Durchgesetzt wurden die Gesetze laut der Referentin von Netzwerken wie dem »Väteraufbruch«. Deren Verfechter säßen etwa in Beratergremien von Bundesministerien und hätten effektive Lobbyarbeit betrieben. Nun sei »Frauenpower« gefragt. »Wir alle sind aufgerufen mitzuwirken, dass dieser Wahnsinn aufhört.« Nötig seien eigentlich nur überschaubare Änderungen der Gesetze; vor allem ein zeitlicher Aufschub in den Fällen, in denen Gewaltvorwürfe im Raum stehen.

Eine Initiative, der man sich anschließen kann, gebe es indes nicht. Ute Bechtum vom Frauenhaus berichtete vom bisher vergeblichen Protest der Zentralen Informationsstelle der autonomen Frauenhäuser. Die ZIF habe schon vorab gewarnt und sich jüngst wieder an alle Parteien gewandt.

Die Väterlobby sei nicht mehr so öffentlich aktiv, sagte Sander auf Nachfrage. Männer fänden im Internet aber Anleitungen, wie sie ihre geflüchtete Frau unter Druck setzen können. Der »Antifeminismus« sei »eine Bewegung geworden, die überhaupt nicht mehr verdeckt agiert«, ergänzte Friederike Stibane, Frauenbeauftragte der Stadt. »Manche Männer denken, sie könnten Frauen wieder auf übelste Weise niedermachen und bedrohen – ganz offen.«

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