Kegel-Veteranen

Mit Kind zum Kegeln

Das Kegeln lassen sich die Senioren des Pudelclubs 57 trotz ihres hohen Alters nicht nehmen – auch wenn es dafür eine merkwürdige Holzapparatur bedarf.
03. September 2017, 09:00 Uhr
Dank der Rutsche rollt die Kugel auch bei Ewald noch. (Foto: chh)

Ewald hat es mit dem Rücken. Kein Wunder, der Mann ist über 80. »Vergess’ dei Krügge net«, schallt es daher über die Kegelbahn des Gasthauses Weller in Wieseck, als der Senior vortritt. Er muss selber lachen, aber die Aufforderung ist durchaus ernst gemeint. Neben den aufgereihten Kugeln liegt eine Holzapparatur, quasi eine Rutsche, die es dem Senior trotz seines Rückenleidens erlaubt, noch regelmäßig zu kegeln. Unter dem Gejohle seiner Mitstreiter schickt er die Kugel auf die Reise. Als sie auf das Holz trifft, brandet Jubel auf. Zehn Männer, die meisten davon über 80, freuen sich wie kleine Kinder.

Vor 60. Jahren gegründet


Eine halbe Stunde zuvor: Ewald, Erwin, Hannes, Helmuth, Adolf, Ulrich, Wolfgang, Klaus, Thomas und Rudi vom »Pudelclub 57« sitzen am Biertisch. »Vornamen reichen aus«, sagt Ewald. Die anderen nicken. Bloß nicht zu förmlich. Dabei hat die Zusammenkunft durchaus festlichen Charakter. Der Club feiert seinen 60. Geburtstag. Und gegründet haben ihn Ewald und Rudi.


Als der erste VW Käfer vom band lief


Es sind die 50er Jahre: Deutschland wird Fußball-Weltmeister, der erste VW Käfer läuft vom Band, das Fernsehen nimmt seinen Sendebetrieb auf. Es ist ein gutes Jahrzehnt für die Deutschen, auch wirtschaftlich, die Löhne steigen, die Arbeitszeiten sinken. Und vor allem: Nach den Entbehrungen des Krieges lechzt die Gesellschaft nach einer neuen Leichtigkeit. Sie findet sie in Tanzcafés, in Lichtspielhäusern – und auf den Kegelbahnen.


Geselliger Charakter ohne Turniere

Ewald erinnert sich noch genau an den Tag, an dem er und ein paar Freunde den Pudelclub aus der Taufe gehoben haben. »Der Ski- und Kanuverein hatte zu einem Kegelabend eingeladen. Es waren aber so viele Leute gekommen, dass wir jungen kaum zum spielen kamen. Also haben wir einen eigenen Club gegründet.« Ewald greift nach dem Kegelbuch, das vor ihm auf dem Tisch liegt. Es ist das Original aus 1957, auf der ersten Seite sind die Namen der Gründungsmitglieder aufgelistet. Auch Rudis Name ist darin zu finden. »Wir haben uns Pudelclub genannt, weil wir damals so viele Pudel geworfen haben«, sagt der Senior und lacht. Pudel bedeutet, die Kugel ist in der Rinne gelandet, es ist der schlechteste Wurf beim Kegeln. »Mit der Zeit wurden wir aber besser.« Trotzdem blieb es beim geselligen Charakter, Turniere haben sie nie gespielt. Der Pudelclub als Stammtisch? Wolfgang grinst: »Manchmal ist das so.«
 


Harter Kern seit 1960 zusammen


Vielleicht ist das auch der Grund, warum so viele Mitglieder schon so lange dabei sind. »In den ersten drei Jahren gab es ein wenig Fluktuation. Ab 1960 aber ist der harte Kern von acht bis zehn Leuten immer zusammen geblieben«, sagt Ewald und betont, dass sie seit der Gründung auch jedes Jahr einen Ausflug auf die Beine gestellt haben. Bei der Organisation helfen die Söhne mit, der ein oder andere ist auch Mitglied im Club. Die Senioren gehen also mit den Kindern zum Kegeln, auch wenn diese längst erwachsen sind. Ewald: »Ohne sie würde es uns vermutlich gar nicht mehr geben.«
 

Nachwuchsmangel

So geht es vielen Clubs und Vereinen, der Nachwuchsmangel macht ihnen zu schaffen. Das weiß auch Rudi: »Früher war Kegeln sehr beliebt, man hat kaum eine Bahn bekommen. Heute sind die Gastwirte froh, wenn die Bahnen überhaupt mal gebucht werden.« Klar: Wenn selbst Fußballclubs Probleme haben, wie schwer müssen es erst weitaus unpopulärere Sportarten wie Keglern haben?

Umso glücklicher sind Ewald, Rudi, Wolfgang und die anderen Clubmitglieder, dass sie in Wieseck ihre Anlaufstelle haben. So können sich auch weiterhin in geselliger Runde eine ruhige Kugel schieben. Kranz oder Pudel? Das ist an diesen Abenden zweitrangig.

Info

Wussten Sie, dass

Kegeln eine der ältesten Sportarten der Welt ist? Vorläufer gab es bereits im antiken Ägypten. Bei archäologischen Ausgrabungen fand Forscher Teile eines Kinderkegelspiels aus der Zeit um 3500 vor unserer Zeitrechnung und Wandreliefs in Grabstätten, die Spielszenen darstellen.

Kegeln oft illegal war? Vor allem im Mittelalter stand meist nicht der sportliche Aspekt, sondern das Wetten im Vordergrund. Das Spiel wurde daher häufig verboten, zum Beispiel in England unter Richard II.

Deutsche Dichtergrößen gerne gekegelt haben? Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe zum Beispiel waren begeisterte Anhänger des Kegelsports.

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