Trinkwasser

Lebensmittel Nummer eins in der Imagekrise

Es ist günstig und gesund: Wasser zapft man zu Hause direkt aus der Leitung. Doch das Lebensmittel Nummer eins befindet sich auch in Gießen in einer Imagekrise.
09. November 2017, 11:00 Uhr
Ein Bild mit Seltenheitswert: Früher war es üblich, Wasser direkt aus dem Hahn zu trinken, heute bevorzugen viele Menschen Mineralwasser. (Foto: Schepp)

Eigentlich ist es eine ganz einfache Rechnung. Für 1000 Liter Wasser aus dem Hahn zahlt der Verbraucher inklusive Abwassergebühren maximal fünf Euro. Für diesen Betrag erhält man im Supermarkt – je nach Marke – eine Kiste Mineralwasser. »Unser Trinkwasser ist sauber und gesund«, macht Karl-Heinz Schäfer Werbung in eigener Sache. Der Geschäftsführer des Zweckverbandes Mittelhessische Wasserwerke (ZMW) belegt seine Aussage umgehend mit Zahlen. »Wir überprüfen unser Wasser jedes Jahr mit 4800 Analysen.« Das können die Mineralwasserunternehmen nicht unbedingt von sich behaupten. »Es gibt einen Produzenten, der Wasser von 30 verschiedenen Herstellern erwirbt, alles zusammenkippt und dann den Liter für 50 Cent verkauft«, berichtet Schäfer, stellt aber sofort klar: »Wir wollen uns nicht in einen Wettbewerb mit Mineralwasserfirmen oder Fruchtsaftherstellern begeben.«

Dem ZMW geht es um die Wertschätzung und die bewusste Nutzung des Trinkwassers. Mit dem Ziel, zu diesem Thema wissenschaftliche und praktisch verwertbare Ergebnisse zu erhalten, gibt es seit Beginn des Jahres eine Kooperation zwischen dem Wasserversorger und dem TransMit-Projektbereich für sozialwissenschaftliche Trinkwasserforschung.

Prof. Herbert Willems vom JLU-Institut für Soziologie hat als Leiter des Projektbereichs schon mehrere studentische Untersuchungen zum Thema Trinkwasser angestoßen und betreut. Die Verzahnung von Wissenschaft und wirtschaftlicher Praxis komme bei den Studenten sehr gut an, vielleicht auch deshalb, »weil es sich um ein globales Thema handelt, das uns lokal auf die Füße fällt und eine hohe gesellschaftliche Relevanz besitzt«. Denn obwohl die Mehrzahl der Verbraucher die Qualität von Leitungswasser positiv bewertet, ist die Wertschätzung für das Lebensmittel gering ausgeprägt. Zudem beobachtet Willems eine deutliche Zunahme beim Konsum von Mineralwasser.

»Alles, was für Menschen selbstverständlich ist, stufen wir nicht als hochwertig ein«, nennt der Soziologe ein Imageproblem des Wassers. Mineralwasser dagegen werde als etwas »Edles« empfunden, »etwas, das man sich leisten kann«, bringt Willems das Motiv der sozialen Abgrenzung ins Spiel, die mitunter wider besseres Wissen funktioniert. Wasser aus der Leitung schneide in Sachen Qualität oft besser ab als so manches Mineralwasser, ergänzt Werner Loew. »Die Königin der Tafelwasser hat zu viel Nitrat«, erklärt der Hauptabteilungsleiter Wasserversorgung des ZMW, dennoch hätten solche Unternehmen beim Kunden häufig einen guten Ruf. Hier spiele der Einfluss der Werbung eine große Rolle, sagt Willems. Leitungswasser werde dagegen öffentlich kaum wahrgenommen. Ausnahme: Wenn zu hohe Nitratwerte oder Colibakterien im Wasser festgestellt werden, mache sich die Bevölkerung Gedanken über die Qualität des Wassers.

Um das Wasser und dessen positive Eigenschaften stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken, empfiehlt Willems mehr Trinkwasser-Angebote im öffentlichen Raum. »Warum gibt es in den Mensen der Universität nur einen Wasserspender?«, fragt der Soziologe. Auch die in Italien oder Österreich verbreitete Angewohnheit, im Restaurant zum Kaffee ein Glas Leitungswasser zu reichen, sei in Deutschland nur schwach ausgeprägt.

Das ZMW will versuchen, das Bewusstsein für den Wert und die Nutzung von Trinkwasser frühzeitig zu wecken. Derzeit verhandle man mit den Landkreisen Gießen, Lahn-Dill, Marburg-Biedenkopf und Wetterau über die flächendeckende Aufstellung von Wasserspendern in Kindertagesstätten und Grundschulen, erklärt Schäfer.

Infokasten

Zahlen zum Zweckverband

Eine Länge von 1600 Kilometern hat das Wasserleitungsnetz im Gebiet des Zweckverbandes Mittelhessische Wasserwerke (ZMW), dem die Landkreise Gießen, Lahn-Dill und Marburg-Biedenkopf sowie 27 Städte und Gemeinden angehören. Den etwa 500 000 Menschen im Verbandsgebiet werden in diesem Jahr rund 20 Milliarden Liter Wasser geliefert. Im Schnitt werden im ZMW-Bereich 114 Liter Wasser pro Person und Tag verbraucht, berichtet Geschäftsführer Schäfer.

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