Klinikum bietet Therapiehilfe für Menschen mit Pädophilie

Gießen (si). »Kein Täter werden« heißt ein Präventionsprojekt, das an der Berliner Charité entwickelt wurde und sich an Menschen mit pädophiler Neigung richtet. Partner des Netzwerks in Gießen ist die Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Uniklinikums. Deren Direktor Prof. Johannes Kruse leitet zugleich das Hilfsangebot.
03. Dezember 2013, 19:58 Uhr
So wirbt das Klinikum für das Gesprächsangebot, das sich direkt an pädophile Männer richtet. (Foto: Schepp)

Etwa ein Prozent der Männer gelten als pädophil. Ihre Sexualität ist auf Kinder gerichtet – im engen Sinne auf Kinder vor der Pubertät, für Ältere oder gar für Erwachsene interessieren sie sich nicht. Es sind Männer jeden Alters und aus jeder sozialen Schicht. Manager sind genauso darunter wie ungelernte Arbeiter.

Hochgerechnet dürfte es in Deutschland etwa 250 000 Pädophile geben – etwa genauso viele wie Menschen mit Parkinson. Darüber nüchtern zu sprechen, ist allerdings schwer und oft unmöglich. Die Öffentlichkeit hört »pädophil« und folgert »Kinderschänder«. Das war es dann. Gespräch beendet.

Die Wissenschaft weiß, dass es komplizierter ist. Es gibt Pädophile, die Kinder schwer missbrauchen und für das ganze Leben traumatisieren. Aber längst nicht alle Pädophile setzen ihre Fantasien in kriminelle Handlungen um. Viele leiden unter ihrer »Neigung«. Denn sie wissen: Das, was sie sich sexuell wirklich wünschen, werden sie niemals ausleben können. Es sei denn, sie zerstören Kinderseelen.

An diese Männer richtet sich ein Präventionsprojekt, das an der Berliner Charitè entwickelt worden ist und das es dort nun schon seit acht Jahren gibt. Es heißt »Kein Täter werden«, und der Name ist Programm. Es bietet Menschen mit pädophilen Neigungen therapeutische Hilfe; anonym und für die Ratsuchenden kostenfrei. Knapp 1800 Männer – ganz vereinzelt auch Frauen – haben sich dort seither gemeldet. Inzwischen sind bundesweit sechs weitere Standorte dazugekommen, seit gestern ist Hessen vertreten. Das Universitätsklinikum Gießen wird, zunächst befristet auf zwei Jahre, Partner im Netzwerk.

In Gießen ist die Stelle an die Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie angegliedert, ihr Direktor Prof. Johannes Kruse ist zugleich Leiter des Präventionsprojektes. Finanziell unterstützt wird es von der Landesregierung. Sie hat dafür gesorgt, dass eine hohe Geldauflage aus einem Wirtschaftsstrafverfahren hierher geflossen ist. Damit werden unter anderem die zwei halben Stellen für die Psychologinnen bezahlt, die erste Ansprechpartner für die Ratsuchenden sind. Sie können sich anonym melden »und werden anonym bleiben«, versicherte Kruse. Weil auch Behandlungskosten über die Anschubfinanzierung abgesichert sind, muss nicht einmal die Krankenkasse einschaltet werden. Beratung und gegebenenfalls die Therapie werden diskret in einem abgetrennten Raum im Klinikum durchgeführt.

»Du bist nicht schuld an Deinen sexuellen Gefühlen. Aber du bist verantwortlich für Dein sexuelles Verhalten. Es gibt Hilfe! Werde kein Täter!« – das ist laut Kruse der therapeutische Ansatz. So wird auch in Anzeigen und TV-Spots geworben.

Dass die Adressaten dafür erreichbar sind, bekräftigte am Dienstag beim Pressegespräch Prof. Klaus Beier, Direktor des Instituts für Sozialwissenschaft und Sexualmedizin an der Charitè und Sprecher des Netzwerkes. Dort durchlaufen Klienten, wie in Gießen geplant, eine bis zu einjährige verhaltensorientierte Gesprächstherapie; im Einzelfall und mit Einwilligung der Betroffenen ergänzend mit Medikamenten. Ziel sind unter anderem die Stärkung der Motivation, das eigenen Verhalten dauerhaft kontrollieren zu können, die Übernahme von Verantwortung, aber auch der Aufbau von sozialen Netzen, um sich begleitend oder nach der Therapie Hilfe zu holen. Die bisherigen Erfahrungen zeigten, dass die Behandlung sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche verhindern könne. Dies sei entscheidend, sagte Beier.

Unterstützt wird die Initiative von der Kinderschutzstiftung »Hänsel + Gretel«, die gestern mit ihrer Vorsitzenden, der früheren baden-württembergischen Sozialministerin Barbara Schäfer-Wiegand, beim Gespräch vertreten war. Vorbeugende Therapien seien der beste Kinderschutz, sagte sie. »Dies gilt ganz besonders für potenzielle pädophile Täter«. Ausgeschlossen vom Programm sind Männer, gegen die strafrechtliche Ermittlungen laufen oder die vor kurzem wegen eines Sexualdelikts (Kinderpornografie eingeschlossen) verurteilt wurden.

Personen, die auf Kinder gerichtete sexuelle Fantasien bei sich feststellen und keinesfalls Übergriffe begehen wollen, können sich ab sofort in der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums melden: Unter Telefon (0641) 985-45 111 oder per Mail unter praevention@psycho.med.uni-giessen.de.

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