Kabarett Elephant toilet mit »Die Rollen sind verteilt«

Das Medizinerkabarett elephant toilet begeisterte mit seinem mittlerweile dritten Bühnenprogramm »Die Rollen sind verteilt« im Kultursaal des Rathauses das Publikum. Die weiteren Vorstellungen sind bereits ausverkauft.
17. Januar 2013, 17:43 Uhr
Der teuflische Chefarzt (Marius Rohde) und sein Knecht, der Radiologe (Hans Voigtmann). (Foto: nf)

Wir schreiben das Jahr 2058. Dr. Macheath ist der Don des illegalen Organhandels. Mit Grabesstimme macht er verzweifelten Menschen Angebote, die sie nicht ablehnen können. René Rechtschaffen ist völlig gesund, als er den Don konsultiert. Nur der medizinische Fortschritt, der ihn in Form eines Briefs heimsucht, der die ihm bevorstehenden Erkrankungen auf den Tag genau vorhersagt, ermöglicht ihm, noch in quietschfidelem Zustand Todesängste zu durchleben. Rechtschaffen benötigt ein Spenderherz, und der teuflische Pakt lautet: Rechtschaffen bekommt das Herz, Dr. Macheath den Rest des Spenders. Moralisch und persönlich hin- und hergerissen fragt Rechenschaffen sich: »Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein?«, also spielt die Band in der folgenden Umbaupause eben diesen Teil der Melodie aus »Jein« von Fettes Brot. Ohne Text, versteht sich – die subtile Rechnung ist mit den Zuschauern gemacht und geht voll auf.

Ein dramaturgisches Meisterwerk ist dieses Mini-Musical von Hans Voigtmann, das den Abschluss des dritten Bühnenprogramms des Gießener Medizinerkabaretts elephant toilet bildet. Und es bestätigt den Eindruck, dass im Vergleich zu früheren Programmen eine Akzentverschiebung stattgefunden hat, denn das Musical ist nicht der einzige Bestandteil der Show, der nicht auf schnelle Lacher aus ist, sondern Größeres im Sinn hat: »Und so ist diese Geschichte eine Frage der Moral. Doch so einfach ist sie nur im Musical.«

Auch die ebenfalls hervorragenden »Deutschen Meisterschaften im Burn-out« aus der Feder des auch mimisch ausgezeichneten Oliver Vogelbusch machen trotz großer Komik nachdenklich. Moderator Matthias und Studiogast Franz Seelenzerstäuber, Bundestrainer der Burn-out-Nationalmannschaft, berichten live von dem Wettkampf, »bei dem der Suizid den finalen Sieg bedeuten kann«. Unverkennbar an ARD-Sportschau-Moderator Matthias Opdenhövel sowie den Dauergast Franz Beckenbauer angelehnt, palavern sich die beiden durch die Sendung. Debil dauerlächelnd stellen sie begeistert fest: »Laut einer Studie fühlt sich ein Drittel aller Schulkinder der zweiten und dritten Klasse gestresst. Da wächst vielversprechender Nachwuchs heran!«

Regelrecht verstörend verläuft die »Morgenbesprechung«. Den mit strengem Seitenscheitel und schwarzen Handschuhen ausgestatteten Chefarzt Prof. Brinkmann spielt Marius Rohde als psychopathischen Choleriker. Als er seinen »Haus- und Hofradiologen« hereinholt, werden unweigerlich Bilder aus Quentin-Tarantinos »Pulp Fiction« wach: Auf allen Vieren kriecht eine devote Kreatur in den Raum, deren Hals und Handgelenke von Lederbändern umschlossen sind, die in einer Eisenkette zusammenlaufen. Das Krankenhaus als Ort von Diktatur und Sklaventreiberei – Übertreibung ist des Kabarettisten Einmaleins, doch ein Funken Wahrheit stets sein Ausgangspunkt.

Zum Brüllen komisch verlaufen auch die »UKGM-News«: Vor den übergroß projizierten Logos des Klinikums sowie des Betreibers Rhön AG verlesen drei Sprecher im Anschluss an die per Blockflöte selbst eingespielte charakteristische Tagesschau-Melodie die aktuellen Meldungen. Neben lebenspraktischen Informationen – »Kantine: Schnitzel, Schnitzel, Schnitzel« und »Wetter: Betriebsklima weiterhin schlecht« – wird auch ein Führungswechsel verkündet: »Roland Koch ist neuer Vorsitzender des UKGM. Jetzt haben wir wieder die schwarze Null.«

Landarztmangel, Famulieren im Ausland, eine Zahnarztgeliebte, die sich aus ihrer Beziehung »extrahiert«, weil er sich zum Abendessen ein Zahnarztlätzchen umlegt und immer nur über die Arbeit redet – all das findet Platz in diesem vielfältigen Programm, das nach einem leicht schleppenden Beginn zur Mitte der ersten Hälfte Fahrt aufnimmt und im zweiten Teil mit Vollgas in Großhirn, Herz und Zwerchfell rast.

Die Band ist eine Ohrenweide, die Texte größtenteils sehr pointiert, Spiel und Gesang weitestgehend ausgezeichnet. Schade, dass weitere Aufführungen am 25. und 26. Januar bereits vor der Premiere ausverkauft waren. Nikolai Fritzsche

Schlagworte in diesem Artikel

  • Blockflöte
  • Franz Beckenbauer
  • Führungswechsel
  • Handschuhe
  • Kabarettistinnen und Kabarettisten
  • Matthias Opdenhövel
  • Musical
  • Quentin Tarantino
  • Roland Koch
  • Schnitzel
  • Selbstmord
  • Universitätsklinikum Gießen und Marburg
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 43 - 10: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.