Wertvoller Papyrus

Juwel und Denkanstoß

1800 Jahre alt, lückenhaft, von einem Wieseck-Hochwasser gezeichnet. Die Constitutio Antoniana, vor kurzem ins Weltdokumentenerbe der Unesco aufgenommen, hat viel zu sagen.
07. Dezember 2017, 19:00 Uhr
Großes Medieninteresse weckt die Vorstellung des Bürgerrechts-Erlasses in einer Spezialvitrine. Der Zerstörung durch Feuer im Bombenkrieg ist der Papyrus entkommen, aber durch Wasser wurde er beschädigt. Dabei barst die ihn schützende Glasscheibe. (Foto: Friedrich)

Das macht der doch nur, um mehr Steuern einzunehmen. Schon vor 1800 Jahren ernteten Politiker misstrauische Kommentare, wenn sie Wohltaten verteilten. Wahrscheinlich wollte der römische Kaiser Caracalla das Volk enger an seinen riesigen Vielvölkerstaat binden, als er Bürgerrechte an alle verlieh. Ein Papyrus mit diesem Erlass gehört der Stadt Gießen und ist kürzlich ins Weltdokumentenerbe der Unesco aufgenommen worden. Die sogenannte Constitutio Antoniniana, aufbewahrt in der Bibliothek der Justus-Liebig-Universität, gehöre zu den wichtigsten historischen Schriftstücken zum Thema Menschenrechte, sagte Prof. Joachim Felix Leonhard am Mittwoch in der UB.

Erstmals stellten Stadt und Universität das Original in einer klimatisierten Hightech-Vitrine der Presse vor. Im nächsten Sommer werden alle Interessierten es einige Tage lang besichtigen können. Rund um den offiziellen Festakt soll es ausgestellt werden, sagte Uni-Vizepräsident Prof. Peter Winker. Ein Termin stehe noch nicht fest, anvisiert ist der Juni.
 


Krieg im Tresor überstanden

Bräunlich, brüchig, lückenhaft und an gesprungenen Glasscheiben festgeklebt: Dass der Papyrus vieles überstanden hat, ist ihm anzusehen. Er hätte indes auch leicht zerstört werden können. Daran erinnerte beim Pressegespräch Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz. Es sei ein Glücksfall gewesen, dass die Stadt diesen Teil der Gailschen Sammlung 1930 in Obhut der Universität gab, die im Bombenkrieg ihre wertvollsten Stücke wiederum im Tresor der Dresdner Bank lagerte. So verbrannten sie nicht, als die Innenstadt vor 63 Jahren in Schutt und Asche fiel. Pech war es, dass das Schriftstück bei einem Wieseck-Hochwasser feucht wurde und das lange unentdeckt blieb. Schimmel wuchs, eine Scheibe barst.

Grabe-Bolz würdigte die erfolgreiche Unesco-Bewerbung als »Paradebeispiel für das gute Zusammenwirken von Stadt und Universität«. Der Text der Constitutio gebe »Anlass zu Diskussionen zu Menschenrechten über nationale Grenzen hinweg«.

Neue Rechte: Erben und heiraten

Leonhard, Vorsitzender des deutschen Nominierungskommitees der Unesco für »Memory oft he World«, hob hervor, das Programm wolle die Vielfalt von Kulturen, Völkerfreundschaft und Frieden fördern. Die Verleihung der Bürgerrechte sei im dritten Jahrhundert »ein globales Ereignis« gewesen. Mit der Auszeichnung des »Überraschungsfunds« verbunden sei die Verpflichtung, für den Erhalt zu sorgen und das Dokument zugänglich zu machen. Digital steht es – wie die gesamte Papyrussammlung – jedem zur Verfügung.

Als »besonderes Juwel unter unseren reichhaltigen Schätzen« bezeichnete UB-Direktor Dr. Peter Reuter die Constitutio Antoniniana. Zwar ist sie nicht das älteste: Die Universität beherbergt syrische Keilschriften, die 1800 vor Christi Geburt verfasst wurden. Doch das bedeutende Stück ist auch international gefragt. Beispielsweise wird es in französischen Schulbüchern abgebildet.

Unterhaltsam schilderte die Althistorikerin Prof. Karen Piepenbrink die Zeitumstände und Wirkung des Erlasses. Caracalla habe zuvor seinen Bruder und Mitkaiser »aus dem Weg geräumt« mit der Begründung, dieser habe die Alleinherrschaft angestrebt. Für die überstandene Gefahr danke er den Göttern, hielt er nun fest. Deshalb verleihe er allen freien Bewohnern im Gebiet des Römischen Reichs – von Nordengland bis Nordafrika, von Portugal bis zum Kaspischen Meer – das Bürgerrecht. Die Rechte ihrer Stadt und Region durften sie behalten.

Neue Privilegien

Bis dahin hatte es Bewohner zweiter Klasse gegeben, die nun neue Privilegien genossen: Sie durften heiraten, erben (und dafür Erbschaftssteuer zahlen) und hatten Anspruch auf ein Verfahren vor Gericht, wenn ihnen eine Straftat vorgeworfen wurde. Seltener als zuvor drohte ihnen die Todesstrafe, und einige Arten der Hinrichtung kamen nicht mehr in Frage, etwa öffentliches Kreuzigen oder den Löwen in der Arena Vorwerfen. Die großzügige Geste hätten Forscher lange für ein unüberlegtes Geschenk gehalten – dafür sei der Kaiser berüchtigt gewesen. In Wirklichkeit habe Caracalla den Erlass wohl als »effektives Instrument zur Romanisierung« gesehen, so Piepenbrink.

Ihr Kollege Prof. Peter von Möllendorff ergänzte: Der Papyrus zeige die »historische Tiefe« der »Fragen, mit denen wir uns heute beschäftigen«, etwa zu Europa. »Das sollte bekannter werden.«

Zusatzinfo

Aus Ägypten nach Gießen

Vermutlich im Jahr 212 nach Christi Geburt verlieh Kaiser Marcus Aurelius Severus Antoninus Eusebes, genannt Caracalla, die Bürgerrechte an alle freien Bewohner des Römischen Reichs. Der Papyrus mit dem – für die vielen nicht Latein sprechenden Untertanen – ins Griechische übersetzten Erlass gelangte 1901/02 nach Gießen. Er gehört zu den ersten 150 Schriftstücken, die der Gießener Althistoriker Ernst Kornemann in Ägypten kaufte, um eine Sammlung zu begründen. Mäzen war der Industrielle Wilhelm Gail. Die Constitutio Antoniniana, der Papyrus Giessensis 40, wird in der Universitätsbibliothek aufbewahrt und wurde 2009 mit Unterstützung der Sparkassen-Stiftung restauriert.

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