»Graf Öderland«: Alles nur geträumt?

Ein Mann steigt aus. Heutzutage gar nicht so selten, geben doch Horst Köhler und Roland Koch prominente Beispiele in jüngster Zeit. Bei Max Frisch ist es ein Staatsanwalt, der plötzlich an seine Grenzen gerät, weil er kein Motiv für den Mord eines bis dahin unbescholtenen Bankangestellten an dem Hauswart finden kann.
09. Januar 2011, 19:18 Uhr
Die Paare treffen sich (v. l.): Elsa, die Gattin des Staatsanwaltes (Kyra Lippler), hat sich mit Doktor Hahn (Roman Kurtz) getröstet. Graf Öderland (Christian Fries) zieht nun eine attraktive Blondine (Irina Ries) vor. (Fotos: Rolf K. Wegst)

Gleich zu Beginn der Premiere am Samstag macht Regisseur Dirk Schulz deutlich: Dieser Mann des Gesetzes ist einer von uns, sitzt er doch bei seinem ersten Auftritt mitten in den Zuschauerreihen im Großen Haus des Stadttheaters. Zudem sind die Bühnenwände mit unzähligen, verfremdeten Porträts von Besuchern der langen Theaternacht im November tapeziert.

Um es gleich vorwegzunehmen: Max Frisch hat zugänglichere Werke geschrieben. Seine Stücke »Andorra« oder »Biedermann und die Brandstifter« sind Pflichtlektüre für Generationen von Abiturienten. »Graf Öderland« gilt als sein »Schmerzenskind«, war der Schweizer Autor zeitlebens doch nie mit der szenischen Umsetzung auf der Bühne zufrieden. In Gießen hat man nun dieses »Stück Sperrgut«, wie Schauspieldirektor Matthias Schubert es nennt, rechtzeitig zum 100. Geburtstages des Schriftstellers am 15. Mai zutage gefördert. Trotz des sorgfältigen Umgangs mit dem Text vonseiten der Regie kann auch die Gießener Inszenierung den Inhalt nicht wirklich erhellen, bleibt besonders der zweite Teil nach der Pause seltsam konfus und befremdlich. Es hat schon seine berechtigten Gründe, warum dieser Graf in den vergangenen Jahrzehnten - Frisch schrieb die erste Fassung 1951 und seine dritte, hier gezeigte Version 1961 - nur selten die Axt auf deutschsprachigen Bühnen schwang.

Die alles entscheidende Frage - alles nur geträumt? - muss sich dabei jeder Zuschauer selbst beantworten. Denn der Befreiungsschlag des Staatsanwaltes mündet in einen Albtraum. Eigentlich will er nur leben, ist dies doch bislang bei seiner arbeitsreichen Pflichterfüllung viel zu kurz gekommen. Mit der Axt in der Aktenmappe wandelt er sich zur sagenumwobenen Gestalt, von dem der Kinderreim sagt: »Graf Öderland geht mit der Axt in der Hand, Graf Öderland geht um die Welt.« Sein Ziel heißt Santorin, hierhin will er mit einer Jacht und einer schönen jungen Frau segeln - und landet schließlich als Kopf einer Revolution im Untergrund. »Ich will nicht die Macht«, bilanziert er zum Schluss, als man ihm das Präsidentenamt anbietet. Denn Macht bedeutet nur neue Verpflichtungen und der Verlust von Freiheit, die er sich so sehr ersehnt.

Mit einem 25 Meter langen weißen Steg gelingt Ausstatter Bernhard Niechotz der vielfältige Wandel der Location: vom Arbeitszimmer des Staatsanwaltes zur gleißenden Köhlerhütte im Wald, von dort zum Hotel, ins Gefängnis oder in die Kanalisation. Niechotz kreiert surreale Bilderwelten, für die Fabian Kühlein geschickte Überleitungen aus Worten, Geräuschen und Musik schafft. Einmal sogar ist Max Frisch selbst im O-Ton zu hören.

Christian Fries zeichnet den Staatsanwalt sehr feinnervig. Sein filigranes Fingerspiel in der Luft spricht Bände, glaubhaft verwandelt er sich vom korrekten Beamten, dem Zweifel kommen, in den Lebemann, der nach jungen Frauen lechzt. Als unfreiwilliger Chef der Rebellion züngelt er wie Mephistopholes und konstatiert: »Man kann nur mit der Axt in der Mappe verhandeln.« Mit Marilyn-Monroe-Charme verkörpert Irina Ries die drei Gespielinnen des Aussteigers, allesamt in unschuldigem Weiß gekleidet. Kyra Lippler macht als Gattin des Staatsanwaltes eine gestrenge Figur. Längst hat sie sich mit dem Anwaltskollegen Doktor Hahn getröstet, den Roman Kurtz in bewährter Weise solide präsentiert.

Und dann gibt es noch den Mörder in diesem absurden Spiel. Mit stoischer Miene beteuert Rainer Hustedt immer wieder die Schuld des Bankangestellten, der - vielleicht aus Langeweile? - den Hausmeister erschlagen hat, einfach nur so. Eine graue Maus, der die Arbeit keinen Spaß macht, die den Alltag nur erträgt, bis sie eines Tages durch ihre Bluttat die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Als der standhafte Mörder begnadigt wird, weiß er mit seiner Freiheit nichts anzufangen. Eigentlich eine bedauernswerte Person.

Insgesamt 26 Figuren hat Frisch für seine »Moritat« vorgesehen. Das bringt es mit sich, das Petra Soltau, Carolin Weber, Milan Pesl, Harald Pfeiffer, Corbinian Deller und Rainer Domke gleich mehrere Rollen übernehmen müssen, die sie allesamt sehr sauber zeichnen.

Es gibt durchaus einiges zum Schmunzeln, wenn der Autor seine Zeitgenossen mit spitzer Feder skizziert, ihre kleinen und großen Macken aufdeckt. Aber Frisch, stets ein politisch Denkender, will zuviel. Wenn er die menschliche Ebene verlässt, um die Grenzen der Freiheit auf der großen Weltenbühne auszuloten, ist der Bruch nicht mehr nachzuvollziehen. Bleibt die immer interessante Frage, inwieweit sich jeder von uns einmischen darf und soll.

Marion Schwarzmann

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