Sprachpolizist

Gerhard Merz feiert die »Papyrrhussiege II«

Der Gießener Landtagsabgeordnete Gerhard Merz kennt sich aus mit »furchtbarem Geschwätz« und hat die schlimmsten Stilblüten in seinem neuen Buch zusammengetragen.
07. Januar 2018, 14:00 Uhr
Autor mit Zwerchfell-Lektüre. (Foto: Schepp)

Gerhard Merz hat es weit gebracht – nicht nur als Politiker, sondern vor allem auch als Autor und Satiriker. Die Zahl der Menschen, die nicht mehr wissen oder länger überlegen müssen, wie der Papyrrhussieg richtig heißt, soll in den letzten Jahren vor allem im Hessenland stetig gewachsen sein. Das wird wohl nicht besser werden, denn nun hat der SPD-Landtagsabgeordnete dem ersten Papyrrhussieg über das »furchtbare Geschwätz« einen zweiten folgen lassen. Auf fast 150 Seiten zündet der frühere Gießener SPD-Chef ein wahres Stilblüten und Phrasen-Feuerwerk, wobei das Feuerwerk dabei sogar noch fehlt.

Schon der Untertitel lässt dem designierten Leser das Wasser im Zwerchfell zusammenlaufen, wenn Merz eine Reise durch die Protokolle von Landtagsdebatten, Parteitagen und Fraktionssitzungen ankündigt, die »Vom Rubikon nach Waterloo« führt.

 

1740 Sprachunfälle

 

Stilblüten und Phrasen sammelt der Sozialdemokrat schon seit fast 15 Jahren. »Am Anfang habe es gemacht, um mich zu amüsieren, dann um Bekannte zu unterhalten«, erzählt Merz bei der Buchvorstellung im Henriette-Fürth-Haus der SPD, das damit für eine Stunde zum Mekka der Sprachkritik wird. Denn in den »Papyrrhussiegen II« geht die Reise von Waterloo weiter nach Canossa und auf die arabische Halbinsel. »Mekka ist praktisch überall«, hat Merz festgestellt. Es gibt eines der Ponyzüchter, des Zimmerhandwerks, des Slow Foods und sogar der Islamophobie, Dresden nämlich. Beweiskräftig legt Merz auch dar, dass Vertreter der Politikerzunft bereits aus geringen Anlässen den Rubikon überschritten sehen, um sich aus noch nichtigerem Anlass ihr Waterloo zu bereiten. Im Trend lägen die Militärbegriffe aber nicht mehr. »Die Fußball-Metaphern haben die militärischen abgelöst«, weiß Merz und verweist auf seine Kolumne »Steilvorlage ins Abseits«. Grantig wird der Sprachpolizist bei anderen Begriffen. Der Narrativ« und der Generalverdacht, der Querdenker und die Erfolgsgeschichte, der Flickenteppich und die Schockstarre bringen ihn auf die Palme. Denn die auf 1740 Sprachunfälle und 2000 »hässliche Wörter« angewachsene Sammlung, wobei Merz bei Talkshows nicht einmal mithört, hat natürlich einen ernsten Hintergrund. Sie dokumentiert »den Zustand der politischen Kommunikation, die teilweise aus einem furchtbaren Geschwätz besteht und sich in einer Plastiksprache ausdrückt«. Es werde zwar niemand gezwungen, »Unsinn zu reden«, aber es gebe heutzutage eben »viel mehr Gelegenheiten, Politisches abzusondern«, lautet seine Erklärung.

 

»Steilvorlage ins Abseits«

 

Dass Merz selbst davor nicht gefeit ist, ist dem Buch zu entnehmen, in dem auch Freunde nicht verschont werden. Diese sozialdemokratische Erzählung über einen Parteifreund (»Du kannst Maschinenraum, und Du kannst Horizont«) könnte glatt vom Europabgeordneten Udo Bullmann stammen.

»Pappyrrhussiege II« ist jedenfalls jeden Pfifferling des Papiers wert, auf dem es gedruckt wurde. Oder um es mit den Worten des Vogelsberger SPD-Chefs Sven Bastian zu sagen: »Sahnehäubchen eines tollen Heringsessens.«

*

Gerhard Merz »Papyrrhussiege II«, erschienen bei VAS, 146 Seiten, 12.50 Euro.

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