Gerhard Merz: »Gießen ist meine Kragenweite«

Gießen (mö). Fast 50 Jahre lang aktiv in der Politik, in Gießen viele Jahre an den Schaltstellen der ersten rot-grünen Koalition: Gerhard Merz zieht sich langsam aus der Stadtpolitik zurück. Am Samstag gibt der 64-Jährige nach 15 Jahren den Parteivorsitz der Gießener SPD an einen Jüngeren ab. Höchste Zeit, eine Bilanz zu ziehen.
24. November 2016, 18:27 Uhr
(Foto: Oliver Schepp)

Welche Rolle spielt die Familie bei der Entscheidung, in der Kommunalpolitik kürzer zu treten?

Merz: Eine ganz entscheidende. Meine beiden Töchter hatten in den letzten Jahren nicht sehr viel von mir. Die eine ist jetzt 15, die andere zwölf. Da bleibt dann nicht mehr so viel Zeit, um ein Familienleben im klassischen Sinne zu führen. Das ist in den letzten Jahren viel zu kurz gekommen.

Was gehört für Sie dazu?

Merz: Dass man zum Beispiel abends gemeinsam am Tisch sitzt, miteinander spricht und nicht gleich wieder abhaut zum nächsten Termin. Ein weiterer Faktor ist auch, dass ich schon mein Alter merke. Ich werde ungeduldiger, und nicht selten ertappe ich mich gerade bei Abendsitzungen in Ausschüssen oder im Stadtparlament bei dem Gedanken: Das könnte jetzt alles ein bisschen schneller gehen, und das könnte es auch wirklich.

[...]

Sie haben es über einen längeren Zeitraum geschafft, die Gießener SPD bei Wahlen vom Negativtrend vor allem der Bundespartei abzukoppeln. Wie erklären Sie das?

Merz: Ich glaube, dass hängt auch damit zusammen, dass doch viele in der Partei und auch Führungsleute wie ich oder Dietlind in der Gießener Bevölkerung gut verwurzelt und sehr präsent sind, von Theos Worschtbud bis zur IHK. Ich erlebe das bis heute, dass ich von vielen Leuten, wenn ich in der Stadt unterwegs bin, gegrüßt oder angesprochen werde. Wenn viele in einer Partei im Laufe der Jahre Vertrauenskapital angesammelt haben, dann merkt man das auch bei einer Kommunalwahl.

Ist Gießen noch klein genug, dass diese persönlichen Kontakte eine so große Rolle spielen?

Merz: Das ist so. Deshalb lebe ich auch gerne hier. Die Stadt ist groß genug, um sich auch mal zurückziehen zu können, und sie ist überschaubar genug, um mit persönlichem Einsatz etwas zu bewirken, auch bei Wahlen. Gießen war immer meine Kragenweite.

[...]

Sie sind ein entschiedener Verteidiger der repräsentativen Demokratie und scheuen auch Konflikte mit Bürgerinitiativen und den sogenannten Wutbürgern nicht. Warum mit dieser Vehemenz?

Merz: Weil es um die Zukunft unseres doch erfolgreichen Demokratiemodells geht. Wenn wir nicht ganz sauber und klar trennen, wer wofür verantwortlich ist und was die Rolle von Bürgerbeteiligung im Verhältnis zu den demokratisch durch Wahl legitimierten Gremien ist, dann wird das ziemlich schiefgehen.

Machen Sie sich Sorgen?

Merz: An der Stelle schon. Gerade die Leute aus der saturierten Mittelschicht sollten sich überlegen, was sie anrichten, wenn sie gewählten Vertretern quasi die Legitimation absprechen, Dinge zu beurteilen und zu entscheiden. Das trägt zu der Stimmung bei: Die Politiker haben keine Ahnung, die hören nicht aufs Volk, machen doch eh, was sie wollen, im Zweifelsfall machen sie sich die Taschen voll und so weiter. Für die Demokratie kann das auf Dauer nicht gut sein.

+++ Das komplette Interview lesen Sie am Freitag in der Gießener Allgemeinen Zeitung.

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