»Mr. Seltersweg«

GAZ-Gesicht Jürgen Dirnagel ist tot

Drei Jahrzehnte war Jürgen Dirnagel das Gesicht der Gießener Allgemeinen Zeitung. Völlig überraschend ist der 78-Jährige in der Nacht zum Donnerstag gestorben. Ein Nachruf.
26. Oktober 2017, 17:55 Uhr
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Von Guido Tamme , 2 Kommentare
So bleibt »Mister Seltersweg« Jürgen Dirnagel in Erinnerung. (Foto: Schepp)

Daaarf ich Ihnen eine Gießener Allgemeine Zeitung schenken?« Diesen legendären Satz von »Mr. Seltersweg«, immer freundlich und unaufdringlich gesprochen, kennen wohl alle Gießener. Auch in dieser Woche sprach Jürgen Dirnagel wie gewohnt die Passanten an und wurde vielfach gegrüßt. Aber das war sein letzter Einsatz: In der Nacht zum Donnerstag ist der Rentner verstorben.

Rund drei Jahrzehnte lang stand Jürgen Dirnagel täglich zwischen 9.30 und 16 Uhr mit seinem kleinen GAZ-Stand in der Fußgängerzone. Nicht nur als Werber für Zeitungsabonnements. Sondern für Passanten und Geschäftsleute in der City auch als Informationsbüro, Beichtvater und feste Anlaufstelle. Und auch als Aushilfspädagoge: Oft rückte er Nachfragern die Gratiszeitung erst heraus, nachdem er ihnen das Zauberwort »bitte« entlockt hatte.

Ständiger Beobachter

Der Standort wechselte zweimal: Von 1985 bis 1998 war Dirnagel an der Ecke Seltersweg/Goethestraße anzutreffen, dann gegenüber vor dem Modehaus Jeunesse an der Ecke Löwengasse und seit 2004 am DER-Reisebüro an der Ecke Teufelslustgärtchen. Mit Freude erlebte er so im Laufe der Zeit hautnah die Aufwertung der Fußgängerzone mit: einheitliche Pflasterung und Möblierung, Einbeziehung von Neuenweg und Plockstraße, verstärkte Außenbewirtschaftung in Löwengasse und Plockstraße. Der ständige Beobachter litt aber auch mit dem Innenstadthandel mit, dem die Internet-Konkurrenz zunehmend Sorgen bereitet.

Dass der eingefleischte Fan von Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt in der Fußgängerzone nicht nur bekannt, sondern auch beliebt war, zeigte sich an mancherlei kleinen Gesten: Oft brachten ihm Verkäuferinnen aus der Umgebung ein Stück selbstgebackenen Kuchen oder etwas Obst aus ihrem Garten mit, im Winter gab es eine Tasse Tee oder Kaffee zum Aufwärmen.

Gießener Original

Mit Stolz trug Dirnagel den Ehrentitel »Mister Seltersweg«, den ihm schon 1997 der damalige Talkshow-Moderator Dieter Schormann verpasst hatte. Gefreut hat das Gießener Original natürlich auch, dass es vor ein paar Jahren in ein Fernsehporträt von Gießen einbezogen wurde. Und geschmeichelt hat dem GAZ-Repräsentanten, dass ihm 2005 eine Porträtbüste gewidmet wurde, die auf dem Wochenmarkt enthüllt wurde und dann im Schaufenster hinter seinem Stand zu bewundern war.

Wegen einer schweren Herzerkrankung hatte der frühere Berufssoldat zwischendurch drei Jahre pausieren müssen, ehe er im Rentenalter als freier Mitarbeiter auf eigenen Wunsch den Job wieder übernahm, der ihm auf den Leib geschnitten war. Ganz gesund war Dirnagel allerdings seitdem nicht mehr geworden, erst Anfang 2017 hatte das Gesicht dieser Zeitung eine Notoperation nur knapp überstanden.

Seit 1985 bei der GAZ

Der gebürtige Breslauer war 1957 mit seinen Eltern nach Gießen gekommen. Nach Abitur und einer Lehre bei der Firma Schaffstaedt war er für sieben Jahre zur Bundeswehr gegangen. Danach war er im Außendienst tätig, erst für Versicherungen und dann ab 1985 für die GAZ.

Seinen lange gehegten Traum, einmal die legendäre Route 66 in den USA abzufahren, hat sich Jürgen Dirnagel nicht mehr erfüllen können. Er hinterlässt Ehefrau, zwei Töchter, zwei Stiefkinder und drei Enkel. Mit der Familie des Verstorbenen trauert auch der Verlag der Gießener Allgemeinen Zeitung, der abrupt sein Aushängeschild in der Innenstadt verloren hat.

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