Freigeist für die Ewigkeit

Sein »Deutsches Requiem« hat Johannes Brahms 1865 komponiert. Musik und Text verschmelzen darin bis heute zur unvergänglichen Einheit. Wie die Aufführung vom Dienstag im Stadttheater beweist.
15. November 2017, 22:11 Uhr
Konzentration und Einfühlungsvermögen: Jan Hoffmann am Pult. (Foto: Regel)

Manchmal ist es die Erwartung, die zusätzlich für Spannung sorgt. Wenn der Hörer weiß, im sechsten und vorletzten Satz wird die Dramatik ihren Höhepunkt erreichen, fiebert er diesem Punkt gebannt entgegen. Fiebern die Akteure auf der Bühne mit, indem sie von Beginn an das Feuer legen, das Emotionen schürt, kann großer Kunstgenuss entstehen.

Genau das ist dem stellvertretenden Generalmusikdirektor Jan Hoffmann am Dienstag im Sinfoniekonzert mit seinem Philharmonischen Orchester Gießen und einer mächtigen Sängerschar gelungen. Sie besteht aus dem Chor und Extrachor des Stadttheaters, der Wetzlarer Singakademie und dem Gießener Konzertverein, der heuer sein 225-jähriges Bestehen feiert. »Ein deutsches Requiem« hat Johannes Brahms in der Mitte der 1860er Jahre sein erstes großes Werk überschrieben, dem Hoffmann im Stadttheater zu einem romantischen Höhenflug verhilft. Als Solisten bürgen Bariton Kay Stiefermann und Sopranistin Dorothea Maria Marx, die im Dezember in der Strauss-Oper »Ariadne auf Naxos« die Titelpartie verkörpern wird, für Qualität. Stiefermann singt mit großer Textverständlichkeit, Marx verfügt über diesen formschönen Sopran, der Lyrik und Dramatik miteinander verbindet und Eis zum Schmelzen bringt.

Brahms spendet in den sieben Sätzen seines epochalen Werks Trost, doch der Name Christus wird von dem Freigeist, der zwar täglich in der Bibel gelesen haben soll, aber kein gläubiger Mensch im tradierten Sinne war, nicht ein einziges Mal erwähnt. Und ein Strafgericht, ein »Dies irae«, das bei Mozart 75 Jahre zuvor noch alles Dagewesene zornig pulverisiert hatte, gibt es ebenfalls nicht. Obschon die Posaunen in eben diesem sechsten Satz mächtig auftrumpfen, ehe eine schweißtreibende Fuge das Regiment übernimmt, um in der Offenbarung des Johannes zu münden: »...durch deinen Willen haben sie das Wesen und sind geschaffen.«

Im finalen siebten Satz lässt es der Komponist dann ruhig angehen, versöhnlich gewissermaßen und rückblickend auf den ersten ebenso weitläufigen Chorsatz, den Musiker und Sänger sensitiv anlegen. Wenn dann das Ende des Requiems mit seinen thematisch nicht zusammenhängenden Bibeltexten den Ausklang des ersten Satzes wiederholt, schließt sich der Kreis. Und Johannes lässt wissen: »Selig sind die Toten... denn ihre Werke folgen ihnen nach.« Danach herrscht Stille im ausverkauften Großen Haus, ehe der Applaus losbrandet.

Hoffmann schöpft den romantischen Duktus des Werks voll aus. Er lässt das Orchester weiträumig agieren, setzt auf dezente Fermaten, gibt dem Sound Zeit, auszuschwingen, nachzuhallen. Brahms hätte seine Freude gehabt. Der mächtige Chor mit seinen gut 120 Stimmen hält die Spannung, intoniert mit der Gewissheit, hier alles richtig zu machen. Im Piano wird fein formuliert, um jede Nuance auszukosten, im Forte findet Nachdruck seinen Platz, ohne zu deklamieren. Die durch Krankheit etwas dezimierten Männer müssen sich dennoch ins Zeug legen, um der geballten Frauenpower die Stirn zu bieten. Selten singt der Alt so intensiv und gefühlvoll wie an diesem Abend. Es ist nicht das Aufbrausende, das der Dirigent hier schafft, es ist das Streben hin zum unvergänglichen Arrangement von Wort und Musik.

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