Walldorf gegen Walldorf

Familienzoff zum Weihnachtsmarkt

Ein wenig unbedarft ist die Stadt bisher bei der Vergabe von Standplätzen verfahren. Damit soll bald Schluss sein. Streit gibt es zudem in der Schaustellerfamilie Walldorf.
02. Dezember 2017, 09:00 Uhr
Der Schein trügt: Hinter den Kulissen der Weihnachtsmarktidylle im Katharinenviertel gibt es Streit bei Familie Walldorf. (Foto: Schepp)

Andreas Walldorf ist der mächtigste Lobbyist der Gießener Schausteller. Egal ob Frühjahrs- oder Herbstmesse, Stadtfest oder Weihnachtsmarkt: An den vom Publikum am meisten frequentierten Standorten ist auf Fahrgeschäften und an Ständen fast immer der Name Walldorf zu lesen. Nicht umsonst engagiert der erfolgreiche Geschäftsmann sich auch bei der Gießener Fassenachts-Vereinigung, bei Gießen aktiv und im Restverein des BID Katharinenviertel.

Welchen Einfluss der Weststädter hat, zeigt sich auch wieder beim aktuellen Weihnachtsmarkt. Für den Teilbereich Katharinenviertel hat sich Andreas Walldorf als Geschäftsführer der A.& P. Walldorf GmbH wie gewohnt von der Stadt als Generalpächter einsetzen lassen. Die Vorgabe der Gießen Marketing GmbH war dabei, dass keine neuen Imbisse zugelassen werden. Trotzdem steht seit Mittwoch am Katharinenplatz ein Verpflegungsstand der Schaustellerbetriebe Walldorf, den es bisher nicht gab. Dazu kommt eine mit dem Veranstalter nicht abgesprochene Vergrößerung eines weiteren Imbissstandes der Familie im Seltersweg.

Auch im Sommer beim Stadtfest hatte die Walldorf GmbH als Generalpächter für das Gebiet um den Katharinenplatz fungiert. Allerdings sind Patrick und Andreas Walldorf, die beiden gleichberechtigten Geschäftsführer dieses Unternehmens, die lange gemeinsam gute Geschäfte gemacht hatten, seit einiger Zeit hoffnungslos zerstritten. Die Folge ist, dass beim Stadtfest nicht die GmbH die Verträge mit Unterpächtern abschloss, sondern Andreas Walldorf für seinen eigenen Betrieb. Der war auch an mehreren Standplätzen präsent – mit Geschäften, die er der GmbH abgekauft hatte.

Die Stadt nimmt diese Auseinandersetzung zum Anlass, die Vergabe der Plätze künftig nach klaren Kriterien transparent vorzunehmen, betont Stadtrat Peter Neidel. Das sei ohnehin erforderlich, um das Vergabewesen einer veränderten Rechtssprechung anzupassen. Ziel sei auch eine stärkere Rotation bei der Verteilung der Standplätze. Diese Umstellung hat Neidel zufolge eigentlich schon beim diesjährigen Weihnachtsmarkt beginnen sollen. Dies ist aber an den frühen Bewerbungsfristen gescheitert. Generalpacht-Verträge könne es durchaus auch künftig geben, doch würden sie eindeutige Richtlinien enthalten, »damit die Stadt ihren Einfluss behält«. Damit soll der Möglichkeit, dass ein einzelner über die Vergabe von Standplätzen und die Höhe der Pachtgebühr entscheiden kann, offenbar ein Riegel vorgeschoben werden.

Weil die Walldorf-GmbH inzwischen praktisch keine Umsätze mehr verzeichnet, hat Geschäftsführer Patrick Walldorf einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht gestellt. Er wirft seinem Cousin vor, die Firma gezielt in Zahlungsschwierigkeiten gebracht zu haben, und hat mehrere Strafanzeigen erstattet, darunter wegen Verdachts der Untreue und Urkundenfälschung. Auf Anfrage hat die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass unter anderem wegen Untreue gegen Andreas Walldorf ermittelt wird. Ob an dieser Unterstellung etwas dran ist, wird sich zeigen, wenn der Gießener Insolvenzexperte Dr. Jörg Laudenbach für das Amtsgericht sein Gutachten über das Geschäftsgebaren der A. & P. Walldorf GmbH fertiggestellt hat.

»Er will meinen guten Namen zerstören«, entgegnet Andreas Walldorf auf die Vorwürfe seines Cousins. Er persönlich habe kein Interesse daran, dass die GmbH in eine Insolvenz hineingezogen wird, »weil ich dafür mit meinem Geld zur Kasse gebeten werde«. Im Februar sei es mit seinem Cousin Patrick zum »großen Krach« gekommen, erklärte Andreas Walldorf. Bei der Gesellschafterversammlung der A. & P. Walldorf GmbH im Juli sei Patrick Walldorf als Geschäftsführer abgesetzt worden, habe aber gegen diese Entscheidung geklagt. Die Kneipe »Walldorf’s Bierhaus« werde von Patrick weitergeführt. »Wo die Einnahmen hingehen, weiß ich nicht«, sagt der Schausteller. Zu weiteren Details, insbesondere den staatsanwaltlichen Ermittlungen, wolle er keinen Kommentar abgeben, da es sich um ein schwebendes Verfahren handele. Bestätigt hat Andreas Walldorf allerdings, dass der Insolvenzverwalter der A. & P. Walldorf GmbH untersagt hat, den Weihnachtsmarkt im Katharinenviertel auszurichten. Nun lasse er Buden und Fahrgeschäfte auf seinen eigenen Namen laufen.

Die Stadt möchte sich aus diesem Familienstreit heraushalten: »Das muss intern geklärt werden«, merkt Stadtrat Neidel an. Der Magistrat nehme aber zur Kenntnis, »dass die GmbH ihre Verpflichtungen uns gegenüber nicht mehr erfüllen kann«. Auch deshalb sei ein transparentes Vergabeverfahren unumgänglich. Er rechnet aber nicht damit, dass das geänderte Verfahren Eifersucht und Beschwerden ganz verstummen lassen. »Am liebsten wollen alle vollständige Standplatzsicherheit; jedes Jahr eine Zusage und immer an derselben Stelle«, weiß der CDU-Politiker. Noch mehr als bisher zu spüren bekommen dürfte das dann vor allem Tilman Bucher, Event-Manager und designierter Geschäftsführer der Gießen Marketing GmbH.

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