»Eine unvorstellbare Dimension des Grauens«

Gießen (agl). Ein kleines Stück Fenster gewährt einen Blick in das Licht des Lebens draußen. Drinnen in den Waggons ist es eher düster und stickig. Nachempfinden kann man es nicht, was Menschen im dunkelsten Kapitel der Geschichte angetan wurde - zu unbegreiflich das Leid. Aber gedenken kann man. So wie am Mittwoch, als der »Zug der Erinnerung« für einen Tag im Bahnhof hielt. Die Ausstellung setzt sich mit dem Leben, dem Leid und dem Sterben von Kindern und Jugendlichen auseinander, die mit Zügen während des Dritten Reiches in die Vernichtung deportiert wurden.
22. Mai 2008, 23:42 Uhr
Blumen waren außen am »Zug der Erinnerung« und auch im Inneren der Waggons befestigt. Die Ausstellung zu Kindern, die während des Dritten Reiches in die Vernichtung deportiert wurden, machte gestern für einen Tag auf Gleis 1 des Gießener Bahnhofs Station. (Foto: Schepp)

»Mein liebstes Nettchen, die letzte Abschiedskarte bekommst Du aus dem Zug... Wir sitzen hier mit vierzig Menschen und Gepäck, und es ist sehr stickig in dem Viehwaggon. Wir sind voll guter Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen in unserem geliebten kleinen Holland. Leb wohl, ein Kuß, Hertha.« So lauten die letzten überlieferten Zeilen von Hertha Aussen, die sie 1943 an eine Freundin schrieb. Die Ausstellung, die der Deutsche Gewerkschaftsbund und vor Ort auch Stadt und Landkreis Gießen sowie die Stadt Wetzlar unterstützen, wirkt auch durch ihre Kontraste: Der Junge, der einen Schulranzen auf dem Rücken trägt und eine Tafel in der Hand hält, die Mutter, die ihrer lächelnden Tochter Inge die Hände auf die Schultern legt - Unbeschwertheit des Kindlichen. Daneben die Schilderung unvorstellbar unmenschlicher Verbrechen. Bilder von Opfern sind zu sehen, an Lebens- und Leidensstationen wird erinnert, etwa an die von Inge Katzmann und ihrer Familie, die nach vier Monaten Gefangenschaft im KZ Theresienstadt nach Auschwitz abtransportiert wurden: »Von dort kehren weder Inge noch ihre Eltern zurück.«

Gegensätze auch in der Thematik: Opfer und Täter sind im gleichen Zug zu sehen. Täter wie der Adjutant des SS-Leiters Heinrich Himmler, Karl Wolff, der im Jahre 1964 wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen angeklagt und zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde, 1971 Haftverschonung erhielt. Wieder ein Kontrast: der zwischen Ausmaß der begangenen Verbrechen und der Strafen. Es sind auch Zahlen, die betroffen machen. Auf eine Million werde die Zahl der ermordeten Kinder und Jugendlichen geschätzt, heißt es allein für Polen.

Im letzten Waggon wird deutlich, wie sehr sich junge Menschen mit dem Thema beschäftigen: Schüler haben gebastelt und geschrieben, ihre Werke dem Zug mit auf die Reise gegeben.

Im vergangenen Jahr hatte die Fahrt der rollenden Ausstellung zu der Gedenkstätte in Auschwitz, dem heutigen Oswiecim in Polen, begonnen. Gießen war Station bei der Rückfahrt. »Eine unvorstellbare Dimension des Grauens«, beschreibt ein Schüler der Max-Weber-Schule das, was ihm am Ende seines Besuchs in den Waggons durch den Kopf geht.

Die Ausstellung habe auf sie »sehr stark gewirkt«, erklärt Annette Tegethoff, Lehrerin an der Friedrich-Feld-Schule. Im Unterricht habe es keine spezielle Vorbereitung auf den »Zug der Erinnerung« gegeben, dafür habe erst zu kurzfristig festgestanden, dass der Zug in Gießen hält. Eine Nachschau werde es geben.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Das dritte Reich
  • Deportationen
  • Elend
  • Heinrich Himmler
  • Karl Wolff
  • Züge
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 - 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.