NS-Zeit

Der portugiesische Schindler

Der portugiesische Diplomat Aristides de Sousa Mendes hat im Zweiten Weltkrieg Zehntausenden das Leben gerettet. Eine Ausstellung in der Unibibliothek gibt ab 29. Mai Einblick in sein Leben.
18. Mai 2017, 17:30 Uhr
Mit dem Ausstellen von Visa hat der portugiesische Diplomat Aristides de Sousa Mendes Zehntausende vor den Vernichtungslagern der Nazis bewahrt. (Foto: pm)

Ein Hain mit 10 000 Bäumen erinnert in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem an den einstigen portugiesischen Diplomaten Aristides de Sousa Mendes. Er wird als einer der »Gerechten unter den Völkern« geehrt. Jeder Baum steht für einen Juden, dem der frühere Generalkonsul von Bordeaux im Juni 1940, als die deutsche Wehrmacht Frankreich besetzte, mit dem eigenmächtigen Ausstellen von Visa das Leben gerettet hat. Insgesamt konnte er 30 000 Menschen zur Flucht vor den Nationalsozialisten verhelfen und ihnen so das Leben retten. In der Universitätsbibliothek erinnert vom 29. Mai bis 30. Juni eine Ausstellung an den außergewöhnlich couragierten Mann. Es ist die erste Ausstellung in Deutschland überhaupt über Sousa Mendes, der auch als »portugiesischer Schindler« bezeichnet wird.

Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt

Aus dem Talmud

Sousa wurde 1885 als Spross einer aristokratischen Familie geboren. Sein Zwillingsbruder Cesar war 1932/33 Außenminister der Salazar-Regierung, sein Vater Richter am Obersten Gerichtshof. Aristides, der in Coimbra Jura studiert hatte und 1908 seine Jugendliebe und Cousine Maria Angelina Ribeiro heiratete, trat in den diplomatischen Dienst ein. Britisch-Guayana, Sansibar, Brasilien und die USA waren Stationen seiner Laufbahn, bevor er 1929 Generalkonsul in Antwerpen und später in Bordeaux wurde.


Visa »ungeachtet der Nationalität, Rasse oder Religion«

Als Sousa im August 1939 seinen Dienst in Bordeaux antrat und Deutschland mit seinem Überfall auf die Völker Europas begann, verbot Portugals Regierung das Ausstellen von Visa an Ausländer mit unbestimmter Nationalität, Staatenlose und vertriebene Juden. Doch Sousa hielt sich nicht daran. Als Mitte 1940 immer mehr Menschen in den unbesetzten Teil Frankreichs strömten, half er mit der Ausstellung von Visa wo er nur konnte. Als das mit der Salazar-Regierung verbündete Spanien im Juni 1940 seinen Status offiziell als »nicht Krieg führend« angab, verschärfte sich die Situation erheblich. Sousa sah nur noch einen Ausweg: Am 17. Juni fasste er den Entschluss, allen Flüchtlingen die notwendigen Papiere zu geben. Er ließ bekannt geben, dass er ausnahmslos jedem ein Visum erteilen werde, »ungeachtet der Nationalität, Rasse oder Religion«. Im Akkord wurden die Dokumente bearbeitet, Pässe säckeweise abgestempelt und unterzeichnet. Wer keinen Pass hatte, bekam sein Visum auf einem Blatt Papier. So konnten die Flüchtlinge über den einzigen von Spaniern genehmigten Fluchtweg die portugiesischen Häfen erreichen und von dort weiter nach Übersee fliehen. Sousa folgte dem Flüchtlingsstrom nach Bayonne, wo schon 25 000 Menschen das kleine portugiesische Konsulat umringten.

Als Frankreich die Waffenstillstandsbedingungen der Deutschen akzeptiert hatte, brach Panik unter den Flüchtigen aus. Sousa verteilte Visa auf den Straßen und öffnete eigenhändig die Schranke am Grenzübergang.

Ein "Gerechter unter den Völkern"

Sousa hat zahllosen Menschen das Leben gerettet. Zurückgekehrt nach Portugal fiel er jedoch wegen seines Ungehorsams in Ungnade und wurde aus dem diplomatischen Dienst entfernt. Der Familienbesitz wurde versteigert, die Familie lebte verarmt in Lissabon. Miete und Essen bezahlte die Hebrew Immigrant Aid Society. Sousa starb 1954.

Obwohl er 1966 als »Gerechter unter den Völkern« geehrt worden war, begannen erst 1986 in Portugal die Bemühungen um Sousas Rehabilitierung. 1988 ließ das Parlament alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe fallen. Er wurde posthum wieder in das diplomatische Corps aufgenommen und mit dem höchsten Orden des Landes ausgezeichnet.

Zur Information

Vernissage am 29. Mai

Die Ausstellung wird am Montag, 29. Mai, um 19 Uhr im Ausstellungsraum der Universitätsbibliothek eröffnet. Zur Einführung sprechen die Romanistin und JLU-Vizepräsidentin Verena Dolle, Uni-Bibliotheksleiter Peter Reuter und Markus Roth von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur. Auch die Ausstellungsmacher Katharina Stillisch und Sven Wieskalla vom Verein »ViVer« – Vision und Verantwortung« nehmen teil. Die Ausstellung ist bei freiem Eintritt bis 30. Juni täglich (außer an Feiertagen) von 7.30 bis 23 Uhr zu besichtigen.

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