Adoption: »Schwierig, mit Halbwissen zu leben«

Beate Kuhn arbeitet seit über 30 Jahren beim städtischen Jugendamt, seit 28 Jahren vermittelt sie Kinder an neue Familien – In den zurückliegenden Jahren hat sich vieles verändert, sagt die heutige Abteilungsleiterin im AZ-Gespräch.
30. Juli 2012, 19:30 Uhr

Gießen (kw). 102 Frauen, die ein Kind zur Welt gebracht und sich entschieden haben, es zur Adoption freizugeben. 102 Paare oder Menschen, die auf diese Weise Eltern wurden. Und 102 Menschen, die so zu ihrer Familie kamen und von denen manchmal einer anruft: »Sie haben mich als Baby vermittelt, kann ich Sie mal besuchen?« Beate Kuhn spielt eine entscheidende Rolle in etlichen Lebensgeschichten. 102 Adoptionen hat die Leiterin des Sozialen Dienstes im städtischen Jugendamt in den vergangenen 28 Jahren in die Wege geleitet; dabei sind die Adoptionen durch Stiefvater oder -mutter nicht berücksichtigt. In dieser Zeit habe sich viel verändert, erzählte die 58-Jährige im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung: So wüssten die Beteiligten heute oft einiges voneinander.

»Früher hat man gesagt: Freigegeben, abgeschnitten, aus«, erinnert sich Beate Kuhn, die seit 1978 im Jugendamt arbeitet und seit 1984 unter anderem für Adoptionen zuständig ist. »Aber dann habe ich von Menschen erfahren, die ihre leiblichen Eltern suchten, wie schwierig es war, mit Nichtwissen, Halbwissen oder Lügen zu leben. « Auch für die abgebenden und annehmenden Erwachsenen sei ein offener oder halboffener Umgang mit dem Thema »beziehungs- und gesundheitsfördernd«. Deshalb »werbe ich dafür« – auch wenn die Gesetzeslage der Behörde verbietet, gegen den Willen eines Beteiligten Informationen herauszugeben.

Gute Erfahrungen mit Offenheit

Offen oder halboffen, das kann zum Beispiel so aussehen: Die leibliche Mutter und die Adoptionseltern begegnen sich einmal im Jugendamt, ohne Namen und Adressen zu nennen. Oder: Die neuen Eltern verfassen jedes Jahr einen Brief über die Entwicklung des Kindes, legen Fotos bei, und Beate Kuhn leitet das Schreiben an die Frau weiter, die das Kind zur Welt gebracht hat. »Mit der Wahrheit habe ich gute Erfahrungen gemacht.« Von der leiblichen Mutter höre sie etwa: »Es ist so schwer, das Foto anzusehen – aber wie gut, dass ich es habe!« Für das Kind sei es hilfreich zu wissen: »Die Mama, die mich geboren hat, weiß, wie es mir geht.« Und Adoptiveltern sollten ihrem Kind so wichtige Tatsachen nicht vorenthalten.

Die Zahl der Adoptionen ist in den letzten Jahrzehnten deutlich gesunken. Für die Sozialarbeiterin erfreulich: Immer weniger Kinder müssten eine Trennung von den leiblichen Eltern verarbeiten. Das habe viel mit gesetzlichen und gesellschaftlichen Veränderungen zu tun, berichtet Beate Kuhn. Sahen sich Mütter früher oft außerstande, ein unehelich geborenes Kind großzuziehen, so helfe ihnen heute beispielsweise der Unterhaltsvorschuss (das Jugendamt streckt Geld vor, wenn der Vater nicht zahlt) und die Tatsache, dass sie nicht mehr schief angesehen werden. Heute spielten immer mehrere Gründe – Einkommen, Wohnsituation, Ausbildung – eine Rolle, wenn Mütter sich entschließen, ihr Kind zur Adoption freizugeben. In den meisten Fällen sei in ihrem Leben zu diesem Zeitpunkt im übertragenen Sinne kein Platz für ein Kind.

Zugleich weiß die 58-Jährige nur zu gut, wie sehr einige ungewollt kinderlose Paare auf ein Kind hoffen. »Ich berate hier beide Seiten.« In der Regel vermittle sie – nach deren Überprüfung – nur an Bewerber aus Gießen. Etliche warten jahrelang, in dieser Zeit gebe es regelmäßig Gespräche. In manchen Jahren wird gar kein Kind zur Adoption freigegeben. Im Jahr 2011 waren es vier und damit besonders viele; darunter waren allerdings zwei Annahmen durch ein Stiefelternteil. Diese machen mittlerweile den Großteil der Adoptionen aus.

Manche Menschen, die sich ein Leben mit Kindern wünschen, entschieden sich schließlich, Pflegefamilie zu werden. Diese werden stets gesucht. Andere wichen auf die Auslandsadoption aus. Zur Zeit kämen besonders viele Kinder aus Osteuropa, weiß Beate Kuhn. Vor 50, 60 Jahren übrigens wurden zahlreiche Kinder deutscher Frauen ins Ausland vermittelt. War der Vater etwa ein schwarzer US-Soldat, war es schwer, in Deutschland ein Zuhause für sie zu finden. Diese Kinder kamen oft nach Norwegen oder Dänemark.

Früher hatten nur Ältere eine Chance

In Deutschland musste man bis 1961 mindestens 50 Jahre alt sein, um ein Kind adoptieren zu dürfen: Wer nicht mehr auf eigenen Nachwuchs hoffen konnte, konnte auf diesem Wege zu einem Erben kommen. Heute gelten etliche Interessierte als zu alt. Höchstens 40 Jahre sollen zwischen dem Kind und den neuen Eltern liegen, so die Empfehlung. »Ich finde das grundsätzlich richtig«, sagt Beate Kuhn. Es sei im Interesse des Kindes, dass es auch im Pubertätsalter noch möglichst »stabile« Eltern hat.

Im kommenden Frühjahr geht Beate Kuhn in die Freistellungsphase der Altersteilzeit. Viele weitere Adoptionen wird sie also nicht mehr einfädeln. Auf »ihre« 102 Vermittlungen blickt sie gern zurück: »Das ist ein verhältnismäßig kleiner, aber sehr befriedigender Teil meiner Arbeit.«

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