Wettenberg

In Hoffnung auf brisante Daten Ehepaar erpresst

19. April 2012, 19:18 Uhr

Die beiden anderen Angeklagten dagegen wurden wegen gemeinschaftlicher versuchter Erpressung zu Bewährungsstrafen verurteilt. Den drei Chinesen war vorgeworfen worden, einem China-Restaurant in Krofdorf den Kassencomputer gestohlen und für die Rückgabe 100 000 Euro gefordert zu haben. Dabei hatte die Staatsanwaltschaft angenommen, dass der jetzt Freigesprochene die Fäden in der Hand hielt.

Belastet worden war er von den anderen zwei nicht. Die hatten ihren Tatbeitrag zwar gestanden, aber laut richterlicher Vernehmung gesagt: »Außer uns beiden waren keine weiteren Personen an der Sache beteiligt.« Zweifel daran streuten vor allem Überwachungen, bei denen aus Sicht des Staatsanwaltes »reger Telefonverkehr zwischen allen Beteiligten« nachgewiesen wurde. Verteidiger Ramazan Schmidt dagegen meinte, dass sich keine Tatbeteiligung seines Mandanten, der bei den Behörden mit unterschiedlichen Namen und Geburtsdaten auftaucht und keinerlei Angaben machte, herleiten lasse.

Restaurantbesitzer »traumatisiert«

Möglicherweise sei es nur »die Spitze des Eisbergs« gewesen, mit der sich das Schöffengericht des Gießener Amtsgerichts gestern beschäftigte, vermutete Hendricks. Weil die Erpressung nicht gelungen war, sei zwar kein hoher materieller Schaden entstanden, doch das betroffene Ehepaar sei »traumatisiert«. Tatsächlich brach die 44-jährige Gastronomin in Tränen aus, als sie noch einmal von der Erpressung berichten sollte. Ende November 2011 waren die beiden verurteilten Chinesen nachts in das Restaurant eingebrochen und hatten den Kassencomputer gestohlen. Wohl in der Annahme, dass die meisten China-Restaurants Schwarzarbeiter beschäftigen und Steuern hinterziehen, hofften sie auf brisante Daten. Damit wollten sie die Inhaber unter Druck setzen. Diese erhielten am Mittag einen Anruf aus China, in dem sie aufgefordert wurden, 100 000 Euro zu zahlen, wollen sie den Computer zurück haben.

Das Ehepaar schaltete die Polizei ein und in Rücksprache mit den Beamten handelten sie die Erpresser auf 30 000 Euro herunter. Die sei der Computer nicht wert gewesen, berichtete der Gastronom, ebenso die darauf gespeicherten Daten. »Wir wollten wissen, wer dahintersteckt«, erklärte der 47-Jährige, warum er sich auf die Geldübergabe eingelassen hat. Er bekam die Anweisung, das Geld in einer Zug-Toilette zu deponieren. Als es einer der Angeklagten dort abholen wollte, musste er feststellen, dass er nur wertloses, bedrucktes Papier bekommen hat. Und sich dazu »im wahrsten Sinne des Wortes die Finger schmutzig gemacht hat«, wie der Richter sagte. Denn die Polizei hatte das Geld zuvor mit Silbernitrat präpariert, das auffällige Flecken an den Händen des Angeklagten hinterließ. Nachdem er den Zug verlassen hatte, klickten die Handschellen. Auch der zweite Angeklagte wurde kurz darauf festgenommen, er hatte im Auto gewartet und den gestohlenen Computer dabei.

Als das erpresste Ehepaar ihn auf der Anklagebank entdeckte, sah es einen alten Bekannten. Der Mann habe vor vielen Jahren einmal nach einem Job gefragt. Als ihm abgesagt wurde, habe er 1000 Mark verlangt und gedroht, sonst »passiert etwas«.

Das Restaurant mussten die beiden abgeben. Nach der Erpressung seien sie nicht mehr in der Verfassung gewesen, das Geschäft weiter zu führen. »Meine Frau ist total kaputt«, sagte der 47-Jährige. Und sie bestätigte: »Jeden Tag begleitet mich die Angst. Ich konnte nicht mehr weiterarbeiten.« Wie ihre Zukunft aussehen soll, wissen sie noch nicht. »Das Wichtigste ist, dass wir jetzt erst einmal zur Ruhe kommen.«

Staatsanwalt Raimund Moser hatte im Gegensatz zum Gericht keinen Zweifel daran, dass der Mitangeklagte der ominöse Dritte ist, der die Verfahrenbeteiligten während des ganzen Prozesstages beschäftigte. Er forderte für den wegen gefährlicher Körperverletzung vorbestraften Mann zwei Jahre Haft. Den beiden anderen hielt er die Geständnisse zugute, die allerdings nur eine »Flucht nach vorne« gewesen seien. Für sie hielt er jeweils 22 Monate Haft auf Bewährung mit Geld- oder Arbeitsauflagen für angemessen.

Schmerzensgeld für Opfer

Die Verteidiger Frank Richtberg und Dietmar Kleiner forderten jeweils Bewährungsstrafen für ihre Mandanten. Dass die Tat die Gastronomen so schwer treffe, sei nicht abzusehen gewesen, sagte Richtberg. Und Kleiner fügte hinzu, das angedrohte Übel – nämlich die Kasse zu verlieren – habe im untersten Bereich einer Erpressung gelegen. Rechtsanwalt Ramazan Schmidt plädierte für seinen Mandanten auf Freispruch.

Den Freispruch sprach das Schöffengericht dann auch aus. Die beiden anderen Angeklagten verurteilte es zu 22 und 15 Monaten Haft auf Bewährung. Sie müssen Arbeitsstunden ableisten, einer von ihnen außerdem 2000 Euro Schmerzensgeld an die Restaurantbesitzerin zahlen.

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