Lollar

»Kein schöner Land« 2.0

27. Oktober 2014, 10:38 Uhr
Alte Musik, neues Projekt: Im Tonstudio am Kirchberg arbeiten Dago Schelin (links) und Peter Herrmann an ersten Songs für »Rosas Heft«.

Dago Schelin ist »brasiliadeutsch«. Seine Vorfahren wanderten Anfang des 19. Jahrhunderts von Leipzig nach Südamerika aus, er selbst wuchs in São Paulo auf und lebt seit einem Jahr in Marburg. Mit dem Wiedererlernen der deutschen Sprache kehrte die Erinnerung an Lieder seiner Kindheit zurück. Lieder, die einst seine Mutter für ihn sang – die sie selbst viele Jahre zuvor als kleines Mädchen von der Oma gehört hatte.

Einige dieser Musikstücke sind Klassiker, etwa »Guten Abend, gute Nacht« von Johannes Brahms. Andere Lieder sind selbst beim quasi allwissenden Google unauffindbar. Viele Melodien gerieten hierzulande längst in Vergessenheit. Doch sie wurden von deutschen Einwanderern und ihren Nachkommen in Brasilien sorgsam verwahrt.

Als öffne man eine Zeitkapsel

Einige dieser Lieder hat Schelins Uroma Rosa Hetzel vor rund 100 Jahren in einem Heft aufgeschrieben. Diese wertvollen Erinnerungen an einen wichtigen Bestandteil der deutschen Kultur, konserviert in altmodischer Art, ermöglichen heute nun ein hochinteressantes Musikprojekt. Arbeitstitel: »Rosas Heft«.

Es geht nicht um Sehnsucht oder Nostalgie, sondern vor allem um die Wertschätzung für das, was schön ist. Und dazu zählt im konkreten Fall die Fusion von Bossa Nova mit deutschen Texten.

Dago Schelin lebt seit Anfang 2013 mit seiner Frau und der vierjährigen Tochter in Marburg. Dort an der Philipps-Universität promoviert er im Fachbereich Medienwissenschaft. Eine feste Größe in seinem Leben ist die Musik. Die Suche nach deutschen Musikern, die mit moderner brasilianischer Musik vertraut sind, brachte den 37-Jährigen mit Peter Herrmann zusammen. Der Bassist und Musikproduzent, der auf dem Kirchberg bei Lollar ein Tonstudio betreibt, hatte bereits in verschiedenen Formationen lateinamerikanische Musik gespielt.

In den vergangenen beiden Jahren brachte Herrmann zudem mit »Kultursommer Mittelhessen«-Unterstützung Musiker aus Afrika mit Kollegen aus der Region zusammen und organisierte zwei überaus erfolgreiche Tourneen (Kalahari Roses, Afro-Kunda). Nun also Lateinamerika …

Schon beim ersten Treffen der Musiker wurde klar, wie sehr die scheinbar konträren Musikgenres miteinander verschmelzen. Im brasilianischen Gewand erscheinen die alten Volkslieder in einem völlig neuen Licht. Im Altbekannten entdeckt man plötzlich völlig neue Facetten. »Guten Abend, gute Nacht« wirkt so, als hätte Brahms es an der Copacabana komponiert. Und »Hejo, spann den Wagen an« wird zur feurigen Samba und fordert zum Tanz heraus.

Peter Herrmann ist guter Dinge: »Sowohl unsere brasilianischen als auch die deutschen Freunde, denen wir unsere Probeaufnahmen vorspielten, waren einhellig der Meinung, dass wir damit etwas zusammenführen, was zusammenfinden soll. Die Musik, die erklingt, ist gleichermaßen vertraut und doch völlig einzigartig«. Das Duo Schelin/Herrmann möchten nun aber nicht nur Musik (und Musiker) aus unterschiedlichen Teilen der Welt zusammenführen: »Wir hoffen, dass Menschen aller Altersgruppen Freude an den Konzerten haben werden.«

Aus den zahlreichen Ideen soll bis zum Sommer gemeinsam mit Musikerkollegen aus Mittelhessen ein Programm erarbeitet werden. Allein das Line-up ist vielversprechend: Dago Schelin (Marburg/São Paulo; Gitarre, Gesang), Peter Herrmann (Lollar; Bass), Olaf Roth (Marburg; Piano), Moritz Weissinger (Wettenberg; Schlagzeug), Hans Kreuzinger (Lich; Saxofon), German Marstatt (Salzböden; Trompete).

Nach fünf, sechs Proben ist Dago Schelin begeistert: »Super Musiker! Es ist nicht so einfach, hier Leute zu finden, die einen richtigen brasilianischen Rhythmus machen können. Es klingt immer anders als in Brasilien. Aber ich habe jetzt wirklich Glück gehabt, denn Peter, Moritz, Hans, Olaf und German spielen echt gut! Ich würde sagen: Besser als die Brasilianer selbst!«

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