Musik aus Afrika wird im Gießener Land gemixt

02. November 2012, 13:53 Uhr
Studioarbeiten im Kulturzentrum »Botswana Craft«.

Im April 2011 absolvierte er mit seinen Freunden und Musikerkollegen Don O’Connor und Norbert Völker als Trio »Celtic Fusion« eine Mini-Tournee im Südlichen Afrika (die Gießener Allgemeine berichtete ausführlich). »Infiziert« von Afrikas Musik und Herzlichkeit, brachen die drei kürzlich abermals nach Botswana auf. Im Ergebnis wird nun eine CD entstehen. Die musiktechnischen Feinheiten sind demnächst im Fachblatt »Der Bass-Professor« nachzulesen. Im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung ließ Herrmann nun seine Eindrücke Revue passieren.

Ein Tonstudio geht auf die Reise

Botswana ist hierzulande fast unbekannt. Lediglich Safari-Touristen bereisen das Land. Die Hauptstadt Gaborone wird in Reiseführern entweder gar nicht erwähnt oder als uninteressant und langweilig beschrieben. Tatsächlich ist das offizielle kulturelle Angebot recht dünn. Hinter den Kulissen allerdings entdeckt man ein ungeahntes kreatives Potenzial. Die wenigen Konzerte, Jam Sessions und Poetry-Slams haben ein erstaunliches Niveau. Allerdings fehlen den Künstlern die Plattformen. Eine Musikindustrie ist im Land quasi nicht existent. Bands, die eine CD produzieren wollen, nehmen diese zumeist für teures Geld im benachbarten Südafrika auf oder müssen sich mit schlechtem Equipment abfinden.

Einer der wenigen Förderer der botswanischen Musiker ist Oliver Groth. Er ist Besitzer des Kulturzentrums Botswanacraft (Gaborone), wo regelmäßig Konzerte und Festivals stattfinden. Als er Peter Herrmann & Co. im Frühjahr anfragte, ob das Trio abermals auf einem Festival spielen wollen, gab es kein langes Überlegen. Allerdings würde man diesmal alles daran setzen, gute Tonaufnahmen mit zurückzubringen.

Dank Unterstützung von Ralf Gräbe, Produktmanager beim Marburger Musikinstrumenten-Vertrieb »Musik & Technik«, konnte man Anfang September quasi mit einem kompletten Studio (sechs Koffer voller Instrumente und Elektronik) reisen.

Gleich am ersten Abend waren die Reisenden zu einer CD-Präsentation der Sängerin Nnunu Kamogotsie eingeladen. Nnunu ist eine der drei »Women of Jazz«, gehört zur ersten Garde der Szene. Was dort auf der Bühne stattfand, war von allerhöchster Güte und kann sich mit internationalen Produktionen messen. Steve Kekana, ein Aushängeschild der Musik Südafrikas, gestaltete das Vorprogramm. In der Pause und nach der Show lernte Herrmann – dank Oliver Groth – fast alle angesagten Musiker des Landes kennen. Weitere »Women of Jazz«, Kearoma Rantao und Punah Gabasiane sowie Shanti Lo, der einzige »Star«, der auch im Ausland erfolgreich ist, und Banjo Mosele, dessen Musik inzwischen ständig auf Peter Herrmanns Ipod läuft, kamen hinzu. »Interessanterweise wussten alle, wer wir waren und was wir vorhatten«, heißt es in den Aufzeichnungen.

»Mogopong« heißt der Raum im Botswanacraft, der kurzerhand zum Studio umfunktioniert wurde. »Mogopong« bedeutet in der Landessprache Setswana so etwas wie Eintopf – und »Mogopong« wird die CD heißen.

»Eigentlich war es meine Idee, möglichst viele gute Musiker in unser kleines Studio zu holen, um so viele musikalische Eindrücke wie möglich zu erfassen und mit nach Hause zu nehmen«, resümiert Herrmann.

Er wollte eine CD aufnehmen, auf der die Zusammenarbeit von botswanischen Musikern und europäischen Kollegen aus seinem Umfeld präsentiert wird. Von einigen Kollegen, die er im letzten Jahr kennengelernt hatte, lagen für dieses Projekt bereits Zusagen vor. Für den Fall, dass die Sessions schwer in Gang kommen würden, hatte er bereits über Wochen hinweg Ideen gesammelt, eigene Kompositionen oder Anregungen von Musikern aus dem Gießener Land aufgenommen und vorproduziert. »Bei unserer Vorbesprechung zeigte sich aber schon, dass alle Beteiligten unglaublich motiviert sind. Sie waren genauso gespannt auf die Sessions wie wir«. Zunächst kamen etwa 15 Leute zum Workshop, bei dem es eine Einführung in die Bedienung des Mischpultes und der Pro-Tools-Software gab. Das Interesse war groß, die Teilnehmer überwiegend fachkundig und dankbar für jede Anregung. Intelligente Fragen zeugten davon, dass das Projekt auf fruchtbaren Boden fallen würde. Einige Musiker kamen in den folgenden Tagen regelmäßig vorbei und schauten Peter Herrmann über die Schulter. Schon eine Woche nach dem Start gelang den »Schülern« die erste selbstständige Live-Aufnahme bei einem Folk-Festival.

Zur ersten Session erschien die Rhythmusgruppe pünktlich und in Wunschbesetzung. Alle beteiligten Musiker inklusive der drei Europäer bestätigen am Ende der Arbeitswoche, dass sie nie zuvor eine so lange Zeit so kreativ haben arbeiten können.

»Im Laufe der Woche schauten dann so ziemlich alle Musiker Botswanas mal bei den Sessions vorbei«, erzählt Peter Herrmann, und: »Wir nahmen nicht nur Ideen auf, sondern produzierten elf fast fertig arrangierte Songs. Alle drei ›Women of Jazz» kamen ins Studio, ebenso Shanti Lo, Banjo Mosele und die Poetin Berry Heart. Manchmal waren so viele Musiker da, dass der eine oder andere nicht zum Spielen oder Singen kam. Dabei war die Stimmung unter den Musikern immer gut. Eifersüchteleien oder Missgunst habe ich nie festgestellt. (…) Am Tag vor unserer Abreise hatte ich bereits mehr im Kasten als ich mir erträumt habe.«

»Weihnachtsmusik« besonderer Art

Nach zehn überaus kreativen Tagen ging es mit einer Festplatte voll toller Musik nach Hause. »Ich war so glücklich und stolz auf das, was wir geschafft haben, dass ich die Tasche mit der Festplatte für keinen Moment abgelegt habe«, erzählt der Musiker. In den kommenden Wochen wird er mit einigen Kollegen in Deutschland zusätzliche Aufnahmen machen. Wenn alles gut geht, wird die fertige CD zu Weihnachten in Botswana bei den Musikern angekommen sein. »Dann werden wir auch über Pläne für das kommende Projekt reden, die jeder Beteiligte im Hinterkopf bereits schmiedet«, heißt es vielversprechend.

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