Ahmadiyya-Gemeinde Gießen spendet Stadt Lollar Baum

Lollar (khn). Die Gießener Ahmadiyya-Gemeinde schenkt der Stadt Lollar eine Blutbuche als Zeichen der Integration. Was als Routinetermin beginnt, wird ein Beispiel für Verständigung.
12. Mai 2015, 09:43 Uhr
Dr. Bernd Wieczorek (links), Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde Gießen und Rathausmitarbeiter setzen den Baum in den Rasen ein.

»Hast du nicht gesehen, wie Gott ein Gleichnis von einem gefälligen Wort anführt? Es ist wie ein guter Baum, dessen Stamm fest ist und dessen Zweige in den Himmel reichen.« Chaudhry Nasirs Stimme erfüllt leise den Konferenzraum des Lollarer Rathauses. Es ist die 14. Sure des Korans, benannt nach Abraham, die er auf arabisch rezitiert. Sein Singsang, das typische Dehnen der Vokale, die leicht melancholische Stimmung, sorgt dafür, dass in dem Teil des Verwaltungszentrums der Stadt für einen Moment die Räder stiller stehen als sonst. Es sollte ein Routinetermin sein; eine Baumspende der Ahmadiyya-Gemeinde Gießen an die Stadt Lollar. Es wurde ein Beispiel für Verständigung.

Lollars Bürgermeister Dr. Bernd Wieczorek hat vom Konferenzraum des Rathauses einen guten Blick auf den Brunnen, der bei frühlingshaften Temperaturen träge vor sich hinplätschert. Eine Gruppe von Männern versammelt sich dort. Die einen tragen Mützen in den Händen, andere Kuchen, deftige Speisen, Besteck, Teller und Getränke. Es sind Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde, die ihren Sitz an der Marburger Straße in Gießen hat. Vor einem Jahr hatte die reformorientierte muslimische Gemeinschaft die Idee, einen Baum in Lollar als Zeichen der Verständigung zu pflanzen. Am Donnerstagnachmittag schlussendlich der Termin.

Die Übergabe des Baumes – eine Blutbuche – geht schnell vonstatten. Rathausmitarbeiter und Gemeindemitglieder versammeln sich neben dem Gebäude auf dem Rasen; das Loch für das junge Bäumchen hat ein Angestellter des Bauhofs bereits gebuddelt. Für Pressefotos versammeln sie sich rund um den Aushub, während Wieczorek und einige seiner Gäste den noch dünnen Stamm einsetzen. Die Muslime halten für ein weiteres Bild ein Banner hoch mit der Aufschrift »Liebe für alle – Hass für keinen.« Das ist das Motto der Ahmadiyya-Gemeinden.

Die Gruppe geht zurück ins Rathaus. Über den »heiligen Rasen«, wie Lollars Bürgermeister mit einem Schmunzeln anmerkt. In seiner gesamten zehnjährigen Amtszeit sei er noch nie über den Rasen gelaufen, um eine Abkürzung zu nehmen, sagt er und lacht. Mitarbeiter und Freunde um ihn herum steigen mit ein. Es gebe immer ein erstes Mal. Wieder im Konferenzraum, sind Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde schon damit beschäftigt, aufzutischen. Es gibt zwei Torten – unter anderem Schwarzwälderkirsch – und Samosas. Das sind mit Kartoffeln und Kichererbsen gefüllte knusprige Teigtaschen. Dazu eine weiße Soße. Wieczorek entscheidet sich – der Uhrzeit entsprechend – für einen Kuchen, seine Mitarbeiter auch für die exotischen Speisen. »Vorsicht, das ist scharf«, warnt einer der Gemeindemitglieder mit einem Lächeln.

Mubashar Cheema ist der Sprecher der Gießener Ahmadiyyas. Er übersetzt das, was Nasir zuvor aus dem Koran auf arabisch rezitiert hat. »Der Baum ist unser Geschenk an die Stadt Lollar«, sagt er danach. Dieser solle ein Ausdruck der Freundschaft und Toleranz sein und ein Zeichen für die Verwurzelung der Muslime in der Gesellschaft. Cheema berichtet von der weiteren Integrationsarbeit der Gemeinde, wie sie zum Beispiel mit Sponsorenläufen und Aufräumaktionen – zum Beispiel an Neujahr – für ein Miteinander werben. Bäume haben sie bisher in Laubach, Gießen und Pohlheim gepflanzt. Staufenberg soll bald folgen.

Fußball-Fachsimpeln

Eine Mitarbeiterin fragt Cheema, seit wann er in Deutschland lebt. Er sei in Deutschland geboren, in Dortmund, sagt er ihr. Wieczorek schaltet sich ein: »Das ist sein einziger Fehler«, frotzelt der Bürgermeister mit einem Augenzwinkern, »er ist BVB-Fan.« Stadtrat Robert Metz schaltet sich ein. Als gebürtiger Darmstädter drücke er ja den 98ern die Daumen, die um den Aufstieg in die Bundesliga kämpfen. Cheema nickt, ruft ihm zu: »Sieht ja gut aus für Darmstadt.«

In der Zwischenzeit füllt der Bauhofmitarbeiter das Loch vor dem Rathaus wieder mit Erde, gibt der noch jungen Blutbuche eine neue Heimat. Im Ohr bleibt der Gesang von Nasir und seine Worte, die übersetzt bedeuten: »Mit einem schlechten Wort ist es wie mit einem schlechten Baum, der über der Erde herausgerissen wurde und keinen festen Grund mehr hat.«

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