Stolpersteine nun auch in Lollar und Ruttershausen

Lollar (khn). Inge Leinweber steht an der Gießener Straße auf dem Bürgersteig. Ihre Augen sind feucht. Sie schluckt, während der Künstler Gunter Demnig vor dem Haus mit der Nummer 20 Stolpersteine für Adele und Eugen Kahn einsetzt. »Ich habe die Familie gekannt«, sagt Leinweber, »und ich war dort integriert.«
17. Juni 2013, 09:58 Uhr
Gunter Demnig setzt die Stolpersteine in den Gehweg ein. (Foto: khn)

1942 deportierte die Gestapo die Familie Kahn; noch im selben Jahr ermordeten die Nationalsozialisten sie im Todeslager Treblinka. »Das«, sagt Leinweber, »belastet einen das ganze Leben lang.«

Am gestrigen Freitag setzte der Aktionskünstler und Erinnerer Demnig in der Kernstadt für die Familie Kahn und in Ruttershausen an der Mittelgasse 12 für Amalie Tobias und Bernhard Kann Stolpersteine in den Gehweg ein. Bei einer feierlichen Zeremonie stellten Schüler der Clemens-Brentano-Europaschule (CBES) zusammen mit den verantwortlichen Lehrern Nikolay Ivanov und Maria Seiler die Geschichten hinter den Namen vor. CBES-Lehrer Gerd Weitmann sagte, anhand von konkreten Biografien könnten die schwerwiegenden Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft für die Gesellschaft verdeutlicht werden. »Was im Buch fern erscheint, bekommt auf diese Weise eine persönliche Note.«

Wer war die Familie Kahn? Adele, Jahrgang 1891 und Eugen, geboren 1883, seien sozial, freundlich und hilfsbereit gewesen, sagte eine Schülerin. Bei ihnen wohnte Tochter Lotte; diese heiratete und hieß mit Nachnamen Nathan. An sie erinnert ein Stolperstein in Mainzlar. Eugen Kahn, ein Viehhändler, habe für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft und dafür das Eiserne Kreuz erhalten. Ein Passant, der etwas abseits stand, raunte: »Sogar erster Klasse«. Die Familie, erzählte das Mädchen, habe sich als Deutsche gesehen und wäre nie auf die Idee gekommen, zu flüchten. Das wurde den 1938 nach Lollar gezogenen Kahns zum Verhängnis. Waren sie vorher Repressalien im Alltag ausgesetzt, entlud sich der Hass der Nationalsozialisten bei den Novemberpogromen 1938. SA-Schergen hätten die Fensterscheiben des Hauses eingeschlagen. »Die Polizei schaute zu«, sagte die Schülerin.

Stadtrat Bernd Maroldt vertrat Bürgermeister Dr. Bernd Wieczorek bei der Veranstaltung. Gerade die aktuellen Ereignisse um eine »kleine Gruppe Neonazis gegen ehrbare Demokraten hat klargemacht, dass wir weiterhin auf die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes aufmerksam machen müssen«, sagte er. Passanten sollten über diese Steine stolpern und sie als Mahnung verstehen, nicht zu vergessen, was Nazideutschland den Menschen angetan habe. »Auch heute müssen wir wachsam sein und uns für unsere Demokratie einsetzen.«

 

»Wenn wir möchten«, sagte CBES-Leiterin Dr. Barbara Himmelsbach, »geben Stolpersteine Hinweise auf die Opfer.« Sie stellte die Frage nach den Tätern. Diese seien »unter uns« gewesen und hätten sich »in die Todesmaschinerie der Nationalsozialisten einbinden lassen«. Menschen seien getötet und ihr Hab und Gut weggenommen worden – selbst die menschlichen Überreste seien gewinnbringend veräußert worden. »Für diesen Raubmord, diesen Genozid findet man kaum Worte«, sagte Himmelsbach, »man ist fassungslos, auch deshalb, weil schon wieder die braune Brut durchs Land marschiert. « Die Stolpersteine seien »Zeugen der Untaten der Nazis« und »Denkmäler, die uns an das Schicksal der Gefolterten und Gequälten, an die Juden, die Sozialdemokraten, die Kommunisten, die Sinti und Roma, die Homosexuellen, die Behinderten und die Andersgläubigen erinnern sollen«. Himmelsbach hob das Engagement von Schülern, Seiler und Ivanov hervor. »Sie nennen die Opfer bei ihrem Namen, sie haben sich an sie erinnert und es wird an sie erinnert.«

Erinnerungen an die Familie hat nicht nur Inge Leinweber, die Vorsitzende des Seniorenbeirats. Auch ein Passant, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, stand am Rand der Gruppe und schaute zu. Er war es, der wusste, dass Eugen Kahn das Eiserne Kreuz erster Klasse verliehen bekommen hatte. 13 Jahre alt sei er gewesen, als die SA am 9. November 1938 das Haus der Kahns verwüstet habe. »Ich stand auf der anderen Straßenseite und habe gesehen, wie sie alles, was sie finden konnten, aus den Fenstern warfen.« Er schüttelte mit dem Kopf. Jeden Tag sei er am Haus der Kahns vorbeigelaufen, habe gesehen, wie die Familie belästigt worden sei. »Ich bin 88 Jahre alt, und bis heute kann ich das nicht vergessen. Deshalb bin ich heute hier.«

Leinweber war als Kind öfter bei den Kahns zum Kaffeetrinken eingeladen. Ihre Mutter sei ein Klassenkamerad vom Neffen der Familie gewesen. Bis heute besitzt Leinweber, die in Lollar selbst Repressalien erleiden musste, zwei Bücher – Geschenke von Lotte Nathan. »Das sind Erinnerungen und Eindrücke, die bleiben«, sagte sie. »Ganz tief in mir drin.«

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