Lich: Klös’ »St. Etienne«-Skizzen in der »edition noir«

Lich. Wann immer der den anmutigen Seiten des Lebens zugewandte Maler, Zeichner und »Alltagsfänger« Bodo W. Klös aus Nieder-Bessingen dem kreativen Dasein frönt in Barjac, einem verschlafenen 1500-Seelen-Nest an der Nahtstelle von Ardèche und Gard in Südfrankreich, haben die Altpapier- und Kartonagensammler gut Lachen. Sie müssen weniger tragen.
27. Oktober 2014, 17:08 Uhr
Dr. Friedhelm Häring und Bodo W. Klös am Sonntag in Nieder-Bessingens Edition »noir«.

Das hat einen einfachen Grund: Der gute Herr aus dem Oberhessischen fertigt nämlich seine Skizzen keineswegs ausschließlich auf reinweißes, zum Block gebundenes Papier, sondern mit Vorliebe auf irgendwelchen Fetzen, die er unterwegs aufliest. Seien es die Verpackung, in der gestern noch sechs Flaschen Pastis für den örtlichen Minimarkt steckten, ein Kassenzettel aus der Brasserie, die Seite mit dem Wetterbericht im nicht mehr ganz druckfrischen »Midi Libre«, der lokalen Tageszeitung, oder das Etikett von der letzten Flasche Wein am Ende eines sehr langen und nicht minder intensiven Abends mit Freunden.

Wer’s nicht wahrhaben will, sollte sich die am Sonntag in der Bessinger »edition noir« eröffnete Werkstattausstellung »St. Etienne. À l’ouest dans mon sud« anschauen. Zu sehen sind dort – bis Weihnachten – etliche jener Werke, die Klös während der vergangenen zwei Jahrzehnte bei seinen ausführlichen Aufenthalten im Midi fertigte und von denen er 80 ausgewählt hat für ein bemerkenswertes (Faksimiledruck-)Skizzenbuch.

Runder Geburtstag

Klös-Gattin Birgit, die Galeristin und Kunsthändlerin, äußerte sich überrascht angesichts des großen Echos auf ihre Einladung zur Vernissage. Vielleicht war’s der besondere Anlass, dessentwegen sich das kunstinteressierte Publikum im Atelier ebenso drängte wie draußen im herbstlich bunten Garten: Klösens freuen sich nämlich darüber, dass der 1994 in der Licher Altstadt gegründete und 2004 aufs Dorf versetzte Familienbetrieb einen runden Geburtstag feiern kann. Diesen Erfolg hätte man indes allein nicht hinbekommen, sagte die Gastgeberin eingangs: Zu verdanken sei er der Treue, der Neugier und dem Vertrauen der Kunstfreunde, der Verleger, der diversen Künstler und Künstlerinnen, der befreundeten Galeristen sowie der Druckereien und Buchbindereien.

Als Kunst-Erklärer hatte Birgit Klös einen dieser guten Bekannten eingeladen, der ihre Arbeit schon lang begleitet – Dr. Friedhelm Häring, Kunsthistoriker und langjähriger Gießener Museumsdirektor. Der »sehr gefragte Mann« (Klös) nahm gleich den ersten Ball gekonnt auf, den Anstoß: Gefragter werde man mit dem Alter, kokettierte der 67-Jährige, weil man dann unter anderem »ungefährlicher« gelte. Was folgte war eine 15-minütige Sternstunde an mitreißender Kunst-Rede, allein derentwegen der Besuch in Bessingen gelohnt hätte. Eben noch habe er Mozarts stimulierende Jupiter-Sinfonie gehört. Dazu meinten die Leute gern: »Ja, das ist vom Himmel!« Für Häring schlicht »Quatsch!« Mitten aus dem Leben sei das 1788 geschriebene Musikwerk, merkte er an, um dann Gemeinsamkeiten von Mozart und Bodo W. Klös zu skizzieren. Allem voran »die Vorliebe für schöne Frauenhintern, für die Erotik«.

Klös sei einer, der – wie Mozart es getan habe – »mit wachen Augen durchs Leben geht und den Alltag ernstnimmt«. Deshalb möge man seine nicht abgehobene, sehr realitätsnahe Kunst, die wiederum »angewandte Liebe« bezeichnet werden dürfe.

Häring hielt ein Büchlein in der Hand, Fritz Usingers »Canobus«-Gedichtband mit einer Illustration von Hans Arp auf dem Umschlag. Er streifte die Verbindungen von Kunst und Naturwissenschaft, nannte selbst Pythagoras »einen, der in den Krümeln suchte«, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Man könne versuchen, die Kristallschale des Himmels zu durchstoßen, oder man reche die Kleinigkeiten des Alltags zusammen, in denen – frei nach Émile Zola – »realité, vérité und la vie entière« stecke.

»Nur nichts vergessen …«

In Barjac, »im Westen seines Südens«, sammle Klös die Details, notiere Sinnliches, das die Seele erfreuen könne, um es als Notiz fürs nächste Kalenderblatt zur Seite zu legen. »Nur nichts vergessen, alles annehmen.«

Klös habe aus all dem Unvergessenen nun wieder ein Buch zusammengestellt mit den im Alltag gesammelten Objekten. Als Maler und Zeichner arbeite er wie ein Novellist, der sich einen Zettelkasten anlege, aus dem er endlos schöpfen könne. »Hinreißend« Klös’ Bild von Bleistift und Spitzer, kaum anders der stolze, noch nichts von seiner Zukunft als Coq au vin ahnende Hahn. Geradezu »atemberaubend« die Wein-Bilder, nicht minder die erotisch sinnlichen Motive. »Eben mozärtlich!«

Apropos Fritz Usinger und die Kristallschale: Auch der Bessinger Künstler plädiere für Alltäglichkeiten als Glücksentfacher. Es sei modern und zeitgemäß, hinter den Horizont zu gucken, dort nach Geheimnissen zu suchen, sage Klös, um bei einem Glas Wein und einer Selbstgedrehten lakonisch anzufügen: »Vielleicht machen wir erst mal vor dem Horizont klar Schiff!« Keine Frage: Der Mann ruht in sich selbst. No. Schmidt

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