»Das, was Ihr hier macht, ist genau richtig!«

Lich/Hungen (us). »Mensch, ich lieb' dich doch« hieß das Stück, mit dem das »Theater Traumstern« im Frühjahr 2006 sein viel gelobtes Debüt gab. Auch die beiden folgenden Produktionen des Jugend-Ensembles »Frühlings Erwachen« von Frank Wedekind und aktuell die »Dreigroschenoper« von Bertolt Brecht stießen auf große Resonanz. Hinter dem Erfolg stecken zwei Männer, die selbst bereits als Schüler ihre Leidenschaft fürs Theater entdeckt haben: Daniel Komma und Sebastian Hartings. Die »Allgemeine Zeitung« sprach mit den beiden über die besonderen Herausforderungen, die die Arbeit mit jugendlichen Schauspielern mit sich bringt.
28. März 2008, 18:56 Uhr
Der eine führt Regie, der andere stemmt die Organisation: Daniel Komma und Sebastian Hartings haben mit dem Jugend-Ensemble vom »Theater Traumstern« mittlerweile schon drei erfolgreiche Produktionen auf die Beine gestellt. (Foto: us)
Wie haben Sie Ihre Leidenschaft fürs Theater entdeckt?

 

Komma: Schon an der Gesamtschule Hungen. Wir haben beide beim »freien ensemble hungen« mitgemacht.

 

Hartings: Unser erstes gemeinsames Stück war »Die Ritter der Tafelrunde«. Anette Schauß, bei der ich einen Kurs »Darstellendes Spiel« belegt hatte, hat mich damals fürs »freie ensemble« angeworben. Sie ist bis heute unsere Mentorin geblieben.

 

Komma: Seit der 12. Klasse habe ich darüber nachgedacht, Schauspieler zu werden. Bei meinen ersten Bewerbungen an den Staatlichen Schauspielschulen in München, Köln und Bochum hatte ich allerdings den Andrang total unterschätzt und mich auch nicht gut genug vorbereitet. Das hat nicht geklappt. Ich habe erstmal in Heidelberg mit Grundschulpädagogik angefangen, aber ziemlich schnell gemerkt: Das isses nicht. Bei meiner zweiten Bewerbungsrunde bin ich dann dort genommen worden, wo ich niemals hin wollte: in Berlin.

 

Hartings: Bei mir war das etwas anders. Ich habe meine Rollen seit jeher eher komödiantisch angelegt und habe mich deshalb in Richtung Körpertheater orientiert. Meine Ausbildung habe ich an der Schule für Tanz, Clown und Theater (TuT) in Hannover gemacht. Nebenher waren Daniel und ich Freizeitleiter in St. Peter, daher auch der Draht zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

 

Und wie kam es zum »Theater Traumstern«?

 

Komma: Das lief über das »künstLich«-Filmprojekt »Bankgeflüster«. Ich war gerade mit dem Studium fertig und zurück in Lich, als Peter Damm anfragte, ob ich da mitmachen wolle. Sebastian war auch dabei, und das wurde dann eine ganz intensive Zeit.

 

Hartings: Bei dem Projekt war soviel Potential versammelt, da haben wir uns gedacht, dass man da was draus machen könnte, eine Kombination aus Film und Theater.

 

Komma: Ein Glück war, dass wir die Bühne im »Traumstern« nutzen konnten. Im Sommer 2005 haben wir mit den Proben für »Mensch ich lieb dich doch« begonnen, mit Leuten, die teils vom »Darstellenden Spiel« an der Gesamtschule Hungen und teils von »Bankgeflüster« kamen. »Mensch, ich lieb dich doch« war noch reines Jugendtheater, »Frühlings Erwachen« war schon breiter angelegt, und bei der »Dreigroschenoper« saßen nun auch viele ältere Leute unter den Zuschauern.

 

Wie wählen sie Ihre Stücke aus? Besprechen Sie das mit den Jugendlichen?

 

Hartings: Nein, überhaupt nicht. Wir entscheiden und suchen uns dann die passenden Leute. Meistens ist es so, dass Daniel mit einer Idee kommt und bei mir erstmal gegen eine Wand rennt. Er fängt dann trotzdem schon mal an, den Text umzuschreiben, und ich überlege, wie wir das organisieren können und was wir an Technik brauchen. Irgendwann ist dann klar, dass wir es machen. Bei der Arbeit ergänzen wir uns sehr gut. Ich kann nicht Regie führen....

 

Komma: ... und ich kann überhaupt nicht mit Zahlen.

 

In welchen Kreisen rekrutieren Sie die Schauspieler?

 

Komma: Sie sind Schüler, Zivis oder Studenten. Die Zusammensetzung der Gruppe wechselt. Einige sind immer von den vorherigen Produktionen dabei, andere kommen neu hinzu, häufig über die Kurse, die wir an verschiedenen Schulen geben, mittlerweile auch über Mundpropaganda.

 

Ist es nicht schwierig, so eine Gruppe zu organisieren, allein schon zeitlich?

 

Komma: Wir proben ja nicht immer alle zusammen. Allerdings machen wir von Anfang an klar, dass ernsthaft und verlässlich gearbeitet werden muss. Wer dazu nicht bereits ist, sollte lieber gleich gehen. Der brennende Punkt muss da sein: die Leidenschaft, das Feuer!

 

Hartings: Das Ensemble-Gefühl ist wichtig, die Verlässlichkeit.

 

Wie kamen Sie auf die »Dreigroschenoper«?

 

Komma: Das Stück hat uns über die Jahre immer wieder begleitet, schon seit dem »freien ensemble«. Viele haben zwar gesagt, »Passt mal auf, ist das nicht ein bisschen hoch gegriffen?!« Aber wenn man hundertprozentig dahintersteht, dann kriegt man es auch hin. Manche haben uns auch von Anfang an unterstützt. Peter Damm zum Beispiel, der den Kontakt zu den Musikern herstellte.

 

Hartings: Die ersten Gesangsproben waren schon hart. Die fanden im Bürgersaal statt. Ich wohne gegenüber und habe wirklich die Fenster zugemacht, damit ich es nicht mit anhören musste.

 

Komma: Und jetzt stehen Leute auf der Bühne und singen, die bis vor einem Dreivierteljahr nicht wussten, dass sie das können. Das macht einen schon stolz, wenn man so eine Entwicklung sieht.

 

Was reizt Sie besonders an der Arbeit mit Jugendlichen?

 

Komma: Sie sind sehr offen und lassen sich zu vielem hinreißen. Und sie stehen nicht unter Zwang. Ich habe schon beim Schauspielstudium erfahren, wie wichtig das Menschliche ist. Als erstens interessiert mich die Person. Und ich bin eher der praktische Typ, der sagt, »Komm', stell' dich auf die Bühne und probier' das aus.« Das Wort Theaterpädagogik mag ich nicht so.

 

Hartings: Aber eigentlich ist es das, was wir machen. Wir vermitteln Theater an Kinder und Jugendliche. Wichtig dabei ist die Motivation, dass sie Spaß haben an Wedekind oder Brecht.

 

Komma: Das ist Salbei für unsere Ohren, wenn wir hören: In der Schule habe ich mich gelangweilt, aber hier fand ich das Stück voll cool.

 

Und was haben die jungen Leute vom Theaterspielen?

 

Hartings: Sie schöpfen Selbstvertrauen, sie lernen, sich auszudrücken, aus sich rauszugehen, Stellung zu beziehen, Präsenz zu zeigen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

 

Komma: Sie üben den Umgang mit Krisen und müssen auch mal was einstecken. Aber letztendlich stehen sie alle mit Spaß auf der Bühne. Sie müssen viel geben, bekommen aber auch viel zurück. Und uns geht es genauso.

 

Wie kommen Sie finanziell über die Runden?

 

Komma: Natürlich ist das ein existenzieller Kampf. Wir haben viel Unterstützung: vom »Traumstern«, von »künstLich«, vom Offenen Kanal und vielen anderen, die das, was wir machen, gut finden, zum Beispiel Frau Blasini vom Kostümverleih »Wundertüte«.

 

Hartings: Bei »Mensch, ich lieb' dich doch« haben wir bei Null angefangen. Die Finanzierung kam dann so nach und nach. Wir versuchen, die Kosten zur Hälfte aus unseren Einnahmen zu bestreiten. Dazu kommt Projektförderung vom Jugendamt, bei der »Dreigroschenoper« hat uns »Zonta« unterstützt, der Bundesverband für professionelle freie Theater hat uns für »Frühlings Erwachen« Gastspiele gegen Festgage vermittelt. Ansonsten heißt es: sparen, sparen, sparen! Das Geld reicht für die Sachkosten und hier und da eine Aufwandsentschädigung.

 

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

 

Komma: Die Arbeit an der »Dreigroschenoper« war so anstrengend, dass wir auf eine kleinere Sache, die für den Sommer geplant war, verzichten. Im Herbst proben wir für den »Zauberer von Oz«, das wird eine gemeinsame Produktion des »Theaters Traumstern« mit dem Darstellenden Spiel an der Gesamtschule Hungen, mit Mitwirkenden von der fünften Klasse bis zur Oberstufe. Unser langfristiges Ziel ist ein eigenes Kinder- und Jugendtheater, ein Platz, an dem wir auch abends Vorstellungen geben können, an dem wir Requisiten lagern können und eine Werkstatt haben.

 

Hartings: Wir könnten dort all die Projekte bündeln, die wir jetzt im Grund genommen auch schon machen und mit verschiedenen Gruppen arbeiten. Was wir brauchen, sind ein Ort und eine Form. Um das zu realisieren, müssen wir den Schritt wagen und viel unangenehme Arbeit in Angriff nehmen.

 

Komma: Frei zu arbeiten ist das, was wir wollen - mit den Leuten arbeiten und nicht gegen sie. Ich habe Kollegen, die anderswo richtig Geld verdienen. Die sitzen in unseren Vorstellungen und sagen: »Das, was Ihr macht, ist genau richtig!«


Die »Dreigroschenoper« ist bislang dreimal vor ausverkauftem Haus gezeigt worden. Sie ist noch in zwei öffentlichen Aufführungen im Kino »Traumstern« in Lich zu sehen: am 1. Mai (Zusatzvorstellung wegen der großen Nachfrage) um 11 Uhr und am 18. Juni (Derniere) um 20 Uhr. Kartenvorbestellung im Internet ist möglich unter www.kuenstlich-ev.de

Außerdem werden zwei Aufführungen speziell für Schulen angeboten: am 12. und am 18. Juni jeweils um 10 Uhr. Reservierung per Telefon unter 06404/3810.


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