Die Last mit dem KiföG

Wenn früher ein Kind in den Kindergarten wollte, brauchte es einen freien Platz. Punkt. Heutzutage ist das nicht so einfach, denn Kind ist nicht mehr gleich Kind. Der Grund hat einen Namen: KiföG. Viele haben damit ihre Last. Zum Beispiel in Lich.
02. Dezember 2016, 18:23 Uhr
Immer mehr immer jüngere Kinder werden in Kindertagesstätten betreut. (Foto: DPA Deutsche Presseagentur)

Das KiföG sei »in der Ausführung eine Katastrophe.« Das hat Lichs Bürgermeister Bernd Klein neulich bei der Vorstellung des Haushalts für 2017 gesagt. Er wird nicht müde, es zu wiederholen. Ganz so drastisch drücken sich Bianca Heyer und Angelika Kahle nicht aus. KiföG, das 2014 eingeführte Kinderförderungsgesetz, ist für beide täglich Brot. Und sie haben ordentlich daran zu beißen. Heyer ist als Sachbearbeiterin in der Verwaltung für die Organisation der Kinderbetreuung zuständig, Kahle leitet die Kindertagesstätte am Gleienberg. Erstere hat die Aufgabe, möglichst alle Kinder nach einem komplizierten Berechnungssystem in den städtischen Kindergärten unterzubringen, denn schließlich haben die Eltern darauf einen Rechtsanspruch. Zweitere will pädagogische Konzepte umsetzen, die den Bedürfnissen der Kinder gerecht werden. Beides ist seit KiföG schwieriger geworden.

? Was ist so anders am KiföG?

Früher durfte eine Kindergartengruppe maximal 25 Plätze haben (bei Integrationsmaßnahmen und unter Dreijährigen weniger). Pro Gruppe mussten rechnerisch mindestens 1,5 Fachkräfte zur Verfügung stehen. So wollte es das Gesetz. Verließ ein Kind die Kita, konnte ein neues in seine Gruppe aufgenommen werden. KiföG rechnet nicht nach Gruppen, sondern arbeitet mit Betreuungspunkten. Dabei ist Kind nicht gleich Kind. Über Dreijährige werden zum Beispiel mit einem Betreuungspunkt bewertet, unter Zweijährige mit 2,5 Punkten.

? Was bedeutet das in der Praxis?

Da gibt es ein kleines Mädchen, nennen wir sie Maria. Sie ist eineinhalb Jahre alt. Ihre Eltern wollen sie gern in der Kindertagesstätte am Gleienberg unterbringen. Die Einrichtung mit ihren vier Gruppen hat eine Kapazität von 100 Punkten. Aus einer Gruppe ist gerade ein älteres Kind ausgeschieden. Damit ist ein Punkt frei geworden. In allen anderen drei Gruppen ist jeweils ein halber Punkt vakant. Macht zusammen 2,5 Punkte. Rein rechnerisch wäre also Platz für Maria. Nur: Wohin mit ihr? Jede Gruppe wäre mit der Kleinen überbelegt. »Eigentlich müssten wir sagen, dass wir nichts frei haben für ein so kleines Kind«, sagt Heyer. Oder die Gruppen müssten umbesetzt werden. Die Situation fordere allen Beteiligten viel guten Willen ab. Es gebe viele Diskussionen mit den Eltern. KiföG beeinträchtige die Betreuungskontinuität, bedauert Angelika Kahle. »Dabei brauchen Kinder feste Bezugspersonen. Umso mehr, je jünger sie sind.« Konzeptionelle Planungen über ein oder zwei Jahre hinweg seien unter den gegebenen Bedingungen nur noch schwer zu realisieren.

? Wäre es besser, die Kindergartengruppen aufzulösen?

Es gibt für die Kinderbetreuung geschlossene und offene Konzepte. Fachleute sind der Meinung, dass sich KiföG leichter auf offene Konzepte anwenden lässt. Dabei sind die Kinder nicht mehr festen Gruppen zugeteilt. Stattdessen gibt es verschiedene Funktionsräume mit verschiedenen Spiel- und Lernangeboten, in denen sie sich nach Lust und Laune bewegen können. Beide Betreuungsformen haben Vor- und Nachteile, Befürworter und Gegner. Laut Angelika Kahle kommt am Gleienberg das offene Konzept ohnehin nicht in Frage: »Dafür bräuchten wir einen kompletten Umbau und mehr Räume. « Auch so werde es in der vor gut 20 Jahren gebauten Kita langsam eng. Das hat nicht unbedingt mit KiföG zu tun, sondern mit der Tatsache, dass immer mehr immer jüngere Kinder den Kindergarten besuchen. Auch die Ganztagsbetreuung nimmt zu. Auf der Wunschliste am Gleienberg stehen ein größerer Essensraum, ein größerer Schlafraum und ein Projektraum, in dem man spezielle Lernmaterialien auch mal stehen lassen kann.

? Welche Auswirkungen hat KiföG auf die Personalsituation?

Laut Bürgermeister Klein hat der Magistrat in diesem Jahr 51 Personalentscheidungen in Sachen Kinderbetreuung gefällt: 17 Mitarbeiterinnen wurden neu eingestellt, 16 weiterbeschäftigt, 13-mal wurde die Arbeitszeit aufgestockt, vier Personen wurden umgesetzt und drei Verträge wurden aufgelöst. Die Planung sei sehr viel schwieriger geworden, bedauert der Bürgermeister. Grund: »Wir wissen nicht, in welchem Alter die Eltern ihre Kinder im Kindergarten anmelden.« Das Alter und die Betreuungsform – halbtags oder ganztags – seien entscheidend für die Auslastung der Einrichtungen. Da die Stadt aber nicht abschätzen könne, welche Kapaziäten demnächst gebraucht werden, könne sie keine unbefristeten Arbeitsverträge mehr abschließen. Auch das hat Folgen: »Wenn die Erzieherinnen etwas besseres finden, sind sie weg«, weiß Bianca Heyer.

? Kostet die Kinderbetreuung seit KiföG mehr Geld?

Ja. Seit 2015 sind die Personalkosten in den Kindergärten in Lich von 1, 5 Millionen Euro um mehr als 600 000 Euro auf 2,13 Millionen Euro gestiegen. »Das macht genau die Grundsteuer-Erhöhung aus,« ärgert sich der Bürgermeister. Dabei hatte Lich schon nach der alten Verordnung mehr Geld in die Kinderbetreuung gesteckt als gesetzlich gefordert. »Wir haben aus eigener Tasche zwei Fachkräfte pro Gruppe finanziert, vorgeschrieben waren nur 1,5«, sagt der Bürgermeister. Dass KiföG die Betreuungsqualität in den Fokus rücke, findet er grundsätzlich richtig. Aber das Gesetz sei ein Schnellschuss gewesen und konzeptionell unausgegoren. Bund und Land setzten die Standards, bezahlen müssten die Kommunen. Sie tragen laut Klein im Landesdurchschnitt zwischen 66 und 70 Prozent der Gesamtaufwendungen. Das fange schon in der Verwaltung an. Für die Kindergärten habe früher eine halbe Sachbearbeiter-Stelle gereicht. »Jetzt sind wir bei einer dreiviertel Stelle. Und demnächst bei einer ganzen,« sagt Klein. Das Defizit bei der Kinderbetreuung, das die Stadt schultern muss, belaufe sich mittlerweile auf 2,5 Millionen Euro.

? Bekommt die Stadt Zuschüsse?

Nicht genug, findet der Bürgermeister. Die Grundpauschale des Landes richtet sich nach den Öffnungszeiten sowie der Zahl und dem Alter der betreuten Kinder. Für die Öffnungszeitkategorien legt das Gesetz einen Mittelwert fest, der nicht unbedingt der Realität entspricht. Beispiel Gleienberg: Der Mittelwert für die 14-Uhr-Betreuung ist mit 30 Wochenstunden angesetzt, real geleistet werden 33,75 Stunden. Verzerrungen ergeben sich auch bei der Bewertung der Altersgruppen. Stichtag für die Bemessung ist der 1. März. Zu diesem Zeitpunkt sind mehr ältere Kinder in der Betreuung als im Herbst. Und für die Großen gibt es deutlich weniger Zuschüsse als für die Kleinen. Beispiel: Für ein Ü3-Kinder zahlt das Land bei 25 Stunden Betreuung 330 Euro, für ein U3-Kind 2070 Euro. All die kleinen Kinder, die üblicherweise nach dem Sommer neu in die Kita kommen, fallen bis zum folgenden Frühjahr erst einmal aus der Berechnung raus. »Es gibt ein Spannungsfeld zwischen dem Wollen des Gesetzgebers und den Ansprüchen der Eltern«, sagt der Bürgermeister. »Und wir sind die, die dazwischen liegen.«

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