Langzeitstudie »Ländliches Leben«: Freienseen im Fokus

23. Juli 2014, 13:28 Uhr
Maria Meinert. (Foto: con)

Im Auftrag des Bundes erheben Mitarbeiter des Thünen-Instituts im Auftrag des Bundes alle 20 Jahre Daten, erstellen so ein langfristiges Entwicklungsbild der jeweiligen Gemeinde. Die Auswertung statistischer Daten sowie großflächige Befragungen der Bewohner sind Teil des Methodenkatalogs. Freitagabend wurden die Ergebnisse der Erhebungen aus 2012/2013 in der Mehrzweckhalle Freienseen vorgestellt. »Die Ergebnisse der Befragungen stellen eine Momentaufnahme der Bevölkerung im April 2012 dar. Deshalb kann es sein, dass die Meinungen zu den unterschiedlichen Themen sich bereits wieder geändert haben«, schickte Projektkoordinator Dr. Rolf Nolten voraus, der schon vor 20 Jahren bei der Untersuchung vor Ort mitgewirkt hat.

Weiter waren Projektleiter Dr. Heinrich Becker und Mitarbeiterin Maria Meinert (sie hat auch die Befragungen vorgenommen) von der Universität Bonn anwesend. Unter den Gästen befanden sich u.a. Bürgermeister Peter Klug, Stadtverordnetenvorsteher Joachim M. Kühn und Ortsvorsteher Hermann Hans Hermannski.

Von Windkraft-Planung überholt

Wie am Freitag zu vernehmen, ist auch in Freienseen die Bevölkerungsentwicklung negativ: Von 2002 bis 2012 sank die Einwohnerzahl um 4,6 Prozent, von 825 auf 787. Damit gehört Freienseen zu den Orten im Landkreis Gießen, die einen besonders hohen Einwohnerrückgang zu verzeichnen haben: Die Stadt Laubach verzeichnete in diesem Zeitraum einen Rückgang von gar 6,9 Prozent, der gesamte Landkreis Gießen dagegen nur um 0,9 Prozent.

Wesentlicher Gegenstand der Befragung waren sozioökonomische Aspekte: Die Situation am Arbeitsmarkt in der Region sahen 66 Prozent der Befragten eher kritisch: » gute Arbeitsplätze – Fehlanzeige«. 56 Prozent antworteten, die Unternehmen der Region zahlten zu geringe Löhne. Interessanterweise aber schätzen nur 4 Prozent ihre wirtschaftliche Lage als schlecht an, weitere 54 Prozent sogar als gut. Die weitere Entwicklung erachten dagegen wieder 57 Prozent als skeptisch, sie glauben, dass die Region auf Dauer wirtschaftlich nicht mithalten kann. Ein Thema, das auch den 725-Seelen-Ort im vorderen Vogelsberg besonders betrifft, ist der Leerstand. Besonders im Ortskern gibt es zahlreiche Häuser, die häufig aufgrund der hohen Kosten einer Sanierung unattraktiv für Käufer sind.

Keine Überraschung: Eine besonders starke Veränderung seit 2012 zeigt sich in der Auseinandersetzung um die Windkraft. Die These »Der Anblick von Windkraftanlagen stört mich nicht« beantworteten vor zwei Jahren – damals waren die Planungen für Freienseen noch im Anfangsstadium – noch 51 Prozent mit Ja, nur 21 Prozent gaben an, dass sie solche Anlagen als störend empfinden. Heute herrscht erheblicher Widerspruch vor Ort, eine Bürgerinitiative kämpft gegen den Bau des Windparks auf der Anhöhe Richtung Sellnrod.

Bevölkerungsverlust das Problem

Auf die Frage, was ihren Wohnort so attraktiv macht, antworteten 55 Prozent der Befragten, sie schätzten das ruhige Leben. 43 Prozent nannten Landschaft und Natur. Als weitere positive Aspekte wurden hervorragendes Vereins- und Sozialleben und der starke dörfliche Zusammenhalt genannt. Negativ fiel vor allem die schlechte Verkehrsanbindung, einhergehende schlechte Mobilität auf. Als negativer Punkt wurde häufig die schlechte Infrastruktur genannt.

Anhand der Untersuchungsergebnisse erstellten die Projektmitarbeiter ein Katalog von Herausforderungen, die sich Freienseen in der Zukunft stellen müsse: So gelte es, die Leerstandsproblematik in Griff zu bekommen, wenn der Ort attraktiv bleiben solle. Weiterhin müsse die (soziale) Infrastruktur, verbessert werden. Auch die finanziellen Probleme gehören zu den Herausforderungen, ein Zurückfahren der städtischen Dienstleistungen sei in Zeiten des knappen Geldes (Laubach ist unterm »Rettungsschirm«) zu vermuten. Verschärft werde die Gesamtproblematik durch den demografischen Wandel.

Anschließend an die Vorstellung der Ergebnisse wurde den Besuchern noch viel Zeit für Diskussionen und Anmerkungen geben. Zwei Themen brannten den Freienseenern besonders unter den Nägeln: Die Verkehrsanbindung an das öffentliche Verkehrsnetz ist alles andere als gut, erschwert auch die Versorgung und den Schulweg. Als zweites Problem wurde die (noch) schlechte Internetverbindung bemängelt. Dies sorge für einen zunehmenden Attraktivitätsverlust als Wohnort sowie auch beim ortsansässigen Gewerbe, für das der Zugang zum World Wide Web immer wichtiger werde.

Zum Hintergrund

Freienseen ist Teil eines Forschungsprojektes des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Titel: »Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993, 2013«. Seit 62 Jahren wird der heutige Laubacher Stadtteil alle 20 Jahre untersucht, 2013 somit zum vierten Mal. Ziel der Studie ist es, »das Wissen über ländliche Lebensverhältnisse zu verbessern und Grundlagen für lebensnahe politische Entscheidungen zu schaffen.«

Zum Abschluss der aktuellen Untersuchungen wurden am Freitag die Ergebnisse vor- und zur Diskussion gestellt. Diese
Diskussionen sollen, so die Autoren, wiederum Eingang in die Forschungsergebnisse finden.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Bevölkerungsentwicklung
  • Heinrich Becker
  • Langzeitstudien
  • Peter Klug
  • Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 4 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.