Familienunternehmen seit 120 Jahren: Café Göbel Laubach

Laubach (pm/tb). Es gibt nicht viele Betriebe in Deutschland, die wie das Café Göbel seit 120 Jahren stets von Familienmitgliedern geführt wurden und werden. Annette Eggebrecht, Inhaberin in vierter Generation, hat diese seltene Tradition in dem Bestreben bestärkt, die alte Handwerkskunst weiterhin zu pflegen.
13. Juli 2013, 16:38 Uhr
Das Café Göbel heute. (Foto: tb)

Die Brote wurden zwar schon immer mit hauseigenem Natursauerteig gebacken. Doch jetzt, zum »halbrunden Jubiläum«, geht Annette Eggebrecht-Schumacher, seit 30 Jahren ist sie im Betrieb, noch einen Schritt weiter: Ab sofort verzichtet das Unternehmen auf alle unnatürlichen Hilfsmittel wie Fertigmischungen oder chemisch-synthetische Backmitte

Der Blick in die Geschichte: Hermann Göbel, Annette Eggebrechts Urgroßvater, lernte in den 1880er Jahren in Laubach den Bäckerberuf. Immer dann, wenn er auf dem Weg von seinem Lehrbetrieb in der Unteren Langgasse zum Oberpforte-Brunnen kam (hier schöpfte er das Wasser fürs Brotbacken), träumte er von einem eigenen Betrieb: Das stattliche Haus Friedrichstraße 2, direkt neben dem Brunnen, hatte es ihm angetan, hier könnte sein eigenes Geschäft entstehen.

Landwirtschaft nebenher

1893, vor 120 Jahren, sollte sein Traum Wirklichkeit werden. Zusammen mit seiner Frau kaufte er das Anwesen und legte mit der »Wirtschaft und Bäckerei Hermann Göbel« den Grundstein für das Familienunternehmen. Ihre zweitgeborene Tochter Bertha Göbel heiratete den aus der Laubacher Bäckerei Göbel am Markt stammenden ältesten Sohn Friedrich Göbel. Auch Friedrich war Bäckermeister.

Neben der Bäckerei und Wirtschaft führte man, wie damals üblich, eine kleine Landwirtschaft. Als Bertha dann in den 30er Jahren auch noch ein Café einrichten wollte, bekam sie von ihrem Mann zu hören: »Eier, Mehl, Milch, Sahne und Butter, das bekommst du aus unserer Landwirtschaft – mach was daraus!« So gab es bald in Laubach das erste moderne Café. Nach dem frühen Tod ihres Mannes heiratete Bertha Göbel in zweiter Ehe Paul Hagen. Für Feriengäste wurde das Geschäft als Pension um einige Zimmer erweitert. In den 60er Jahren trat Friedel, älteste Tochter von Bertha und Friedrich Göbel, die Nachfolge an.

Verheiratet mit Bäckermeister Jürgen Eggebrecht, baute sie nun auch den in der Nachkriegszeit erworbenen Gebäudeteil Friedrichstraße 4 zu Café und Gesellschaftszimmer um. Ein nicht zuletzt auch finanziell großes Unternehmen, ist doch das Gebäude über 300 Jahre alt, hatte der Zahn der Zeit doch bereits kräftig am Gebälk genagt.

1983 bekam man Unterstützung von Tochter Annette Eggebrecht. Die zehn Gästezimmer wurden nach heutigen Anforderungen ausgestattet. »Unser kleines Hotel« ist mit 20 Betten eine beliebte Unterkunft für Reisende und Urlauber. 2002 hielt mit neuer Laden- und Café-Einrichtung die moderne Zeit Einzug. Der Charme des alten Kaffeehauses aber hat man bewusst erhalten. 2012 kam eine Filiale auf dem Licher Marktplatz hinzu. In diesem Jahr konnte der neue Café-Garten mit dem historischen »Waschküchencafé« seine Pforten öffnen.

Was hat Annette Eggebrecht bewogen, neue Wege zu gehen, das Motto »Backen wie zu Urgroßvaters Zeiten« in die Tat umzusetzen? Wie sie im GAZ-Gespräch betont, sieht sie keinen Sinn mehr darin, sich weiter dem Druck der übermächtigen Konkurrenz auszusetzen und ein »Riesensortiment« anzubieten. Das sei mit dem kleinen Personalstamm – drei Bäcker und etwa 17 Servicekräfte – ohnehin nicht zu leisten. Daher der neue Kurs: »Ein kleineres Sortiment, aber dafür machen wir alles selbst.« Eben wie zu den Zeiten der Firmengründer. Eggebrecht: »Damals gab es die modernen Mittelchen mit ihren vielen E-Nummern noch nicht, und die ausschließliche Verwendung von Zutaten wie Mehl, Hefe und Salz war selbstverständlich.« Die Rückkehr zu den Anfängen vollzieht sie aus Überzeugung und zum Wohl der Kunden, wobei sie auch an Allergiker denkt.

Was den Unterschied zu herkömmlichen Bäckereien ausmacht: Durch die langen Reifezeiten, die man den Vorteigen sowie den Brot- und Brötchenteigen gewähre, bilde sich ein natürliches, vollmundiges Aroma. Eggebrecht: »Lange Sauerteigführungen sorgen für ein volles Brotaroma und eine lange Frischhaltung. Natürlichen, echten Genuss machen wir durch unsere Handwerkskunst und die gewissenhafte Auswahl bester Zutaten möglich.« Auf chemisch-synthetische Emulgatoren, gehärtete Fette, künstliche sowie naturidentische Aromen, fertige Teigsäuerungsmittel und alle weiteren unnötigen Zusatzstoffe werde ab sofort verzichtet.

Mohn mit Vollmilch aufgekocht

Die Beschränkung auf natürliche Rohstoffe, diese neue alte Maxime gelte auch für Nusshörnchen, Apfeltasche, Mohnschnecke & Co.. Den Vanillepudding zum Beispiel kochen die Bäcker frisch aus Vollmilch, französischem Vanilleextrakt und Zucker, für die Füllung wird frischer Quark und natürliche Zitronenschale gemischt, der Mohn wird mit Vollmilch aufgekocht, dazu kommt nur noch Honig und Marzipan.

Ebenso werden alle Fruchtfüllungen aus dem jeweiligen Obst und seinem Saft gemacht. Auch das wie in den Zeiten, als Annette Eggebrechts Urgroßvater Hermann als Lehrling noch von der eigenen Bäckerei träumte.

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