Das Wissen des Wikipedianers

10. Februar 2016, 12:13 Uhr
Walter Hilbrands in seinem Wohnzimmer in Lang-Göns. Von hier aus versorgt er die Welt mit Wissen. (Foto: chh)

Walter Hilbrands sitzt am Esstisch seines Einfamilienhauses. Das große Wohnzimmerfenster gewährt einen Blick über die Dächer von Lang-Göns. Wären da nicht die Nachbarhäuser, Hilbrands könnte die Aussicht auf die knapp zwei Kilometer weiter nördlich liegende Jakobus-Kirche genießen. Ein Bauwerk, über das der 50-Jährige vermutlich mehr weiß als jeder andere. Nicht nur Profanes wie den Namen des ersten Pfarrers oder die Höhe des Kirchturms, sondern auch Details wie Gussjahr, Inschrift und Durchmesser der vier Glocken. All das ist auf Wikipedia zu lesen. Und verfasst hat es Hilbrands. »Für mich ist Wikipedia ein Ausgleich zum Berufsleben. Außerdem habe ich das Anliegen, die kulturellen Schätze des Landkreises bekannt zu machen. Quasi ein Bildungsauftrag.« Ganz im Sinne des Ursprungsgedankens von Wikipedia.

Der Amerikaner Jimmy Wales rief Wikipedia am 15. Januar 2001 mit dem Ziel ins Leben, »eine frei lizenzierte und hochwertige Enzyklopädie zu schaffen und damit lexikalisches Wissen zu verbreiten«. Das ist ihm gelungen: Heute, 15 Jahre später, enthält die Online-Enzyklopädie über 37 Millionen Artikel in fast 300 Sprachen. Laut Wikipedia liegt Wikipedia auf Platz sieben der weltweit am häufigsten besuchten Internetseiten. Und das vollkommen kostenfrei, ohne jegliche Werbung. Hilbrands kann sich rühmen, einen kleinen Teil zur Erfolgsstory beigetragen zu haben.

Der studierte Theologe lebt mit seiner Frau und den zwei Kindern seit 18 Jahren in Langgöns. Die Arbeit – der 50-Jährige ist Dozent an der Freien Theologischen Hochschule in Gießen – führte die Familie nach Mittelhessen. Seinen ersten Wikipedia-Eintrag widmete Hilbrands aber seiner ostfriesischen Heimat. »Ich bin seit 2008 auf Wikipedia aktiv. Angefangen hat es mit kleinen Korrekturen und Ergänzungen zu bestehenden Artikeln.« Dann, einige Zeit später, wagte er sich an den ersten eigenen Beitrag. Hilbrands, der auch als Organist tätig ist, verfasste einen Artikel über die Orgel seines Heimatortes – und lernte sogleich die strengen Richtlinien von Wikipedia kennen. »Jemand stellte einen Löschantrag. Angeblich fehlte es dem Thema an Relevanz.« Es ist nämlich so: Zwar kann jeder etwas bei Wikipedia verfassen, aber nicht über jedes Thema. Relevanz ist eines der wichtigsten Kriterien. Sollte ein Hundebesitzer ein Eintrag über seinen geliebten Pfiffi schreiben, kann er sicher sein, dass der Artikel nicht lange überlebt. Artikel, die (zu viel) Werbung enthalten, sind ebenfalls tabu. Außerdem müssen die Einträge ausreichend belegt sein.

»Es gibt Vandalismus«

Hilbrands erster Artikel ist noch heute zu finden. Der Neuling erhielt Unterstützung von anderen Wikipedianern, die bescheinigten, dass es sich bei der ostfriesischen Orgel um ein besonderes Stück handelte. Trotzdem musste Hilbrands eine siebentägige Prüfungszeit überstehen, in der er den Administratoren unter anderem mit Zeitungsartikeln und Büchern die Bedeutung des Instruments nachweisen musste. »Das war eine sehr aufregende Zeit. Wenn der Artikel gelöscht worden wäre, wer weiß, ob ich dann weitergemacht hätte.«

Zum Glück kam es anders. Denn sonst könnten die Menschen nicht von den knapp 500 Artikeln profitieren, die Hilbrands inzwischen verfasst hat. Neben jeder bedeutenden Orgel in Ostfriesland hat er auch alle denkmalgeschützten Kirchen des Landkreises Gießen beschrieben, darunter jene in Großen-Buseck, Hungen, Großen-Linden und die Johanneskirche in Gießen. Hinzu kommen einige Kirchenbauten in der Wetterau und dem Vogelsberg. Auch über klassische Musik hat der Langgönser schon etliche Artikel gefasst. Wer etwas über Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium oder die Matthäus-Passion lesen will, liest die Zeilen von Hilbrands – zumindest zum großen Teil. Bei solch bedeutenden Themen sind etliche Autoren involviert, die Artikel werden ergänzt, geändert und aktualisiert. An der Matthäus-Passion haben beispielsweise mehrere Hundert Wikipedianer die Finger im Spiel gehabt.

Die Offenheit der Plattform birgt aber auch Gefahren. »Es gibt Vandalismus«, sagt Hilbrands. Menschen, die historische Daten ändern, Passagen löschen oder einfach persönliche Nachrichten wie »Ich liebe Beate« in den Text einarbeiten. »Meistens werden diese Änderungen aber innerhalb weniger Minuten gelöscht«, erzählt Hilbrands.

Stellt sich die Frage: Wie kommt der 50-Jährige an all das Wissen, das er an die Internet-Gemeinschaft weitergibt? Auf die klassische Weise: Durch Bücher. »Ich habe Zugriff auf die Universitätsbibliothek. Außerdem habe ich mir mit der Zeit viele eigene Bücher angeschafft.« Als Verfasser von Beiträgen kann er sich zudem Bücher vom gemeinnützigen Verein »Wikimedia« ausleihen. Neben seinem Laptop liegt solch ein Exemplar. Kaufpreis: 200 Euro. Als Wikipedianer darf er es umsonst nutzen.

Und wenn er mit der klassischen Literatur mal nicht weiterkommt? Für diesen Fall kennt Walter Hilbrands eine Internetseite, die ihm garantiert weiterhelfen wird.

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