Hungen

Sensationeller Fund bei Hof Grass

14. September 2012, 14:23 Uhr
Studenten aus Gießen und Marburg legen die Ruinen frei und dokumentieren die Funde.

Hungen (mlu). Hungen und die Salier: Im Zuge der Sanierung auf Hof Grass tut sich der Stadt Hungen nun ein ganz neues Kapitel ihrer Geschichte auf, kaum dass man mit der Aufbereitung der Römerzeit ans Ende gelangt ist – Stichwort: Limesinformationszentrum. Als sensationell erachten der stellvertretende Landesarchäologe Dr. Udo Recker und der örtliche Grabungsleiter Christoph Röder von Hessen-Archäologie die vorläufigen Ergebnisse der Grabungsarbeiten auf dem angrenzenden Grasser Berg, die sie am Donnerstag Bürgermeister Rainer Wengorsch sowie weiteren Vertretern von Magistrat und Parlament präsentierten. Röder: »Für Archäologen ist das hier so etwas wie ein Sechser im Lotto – und die Zusatzzahl steht noch aus.«

Ursprünglich habe man am Grasser Berg nur Sicherungsmaßnahmen durchführen wollen, erklärte Röder den Zuhörern, reine Routinearbeiten also, doch dies sei gründlich in die Hose gegangen. Zwar habe es Hinweise auf eine Kirche auf dem Grasser Berg gegeben, doch auf den Salierfund sei man nicht vorbereitet gewesen. Bereits Ende August war über die Entdeckungen in dieser Zeitung berichtet worden, doch nun ist aus Spekulationen Gewissheit geworden. Bei den freigelegten Mauern handelt es sich tatsächlich um eine Turmburg aus der Zeit der Salier. Partiell weist das Bauwerk eine Mauerstärke von bis zu drei Metern auf, mindestens 20 Meter ragte es einst auf der sagenumwobenen Anhöhe zwischen Hof Grass, Hungen und Inheiden in die Höhe, Weitblick gewährend in die Wetterau und auf den Taunus.

Vergoldeter Bronze-Löwe

Wie umfangreich die Anlage gewesen ist, kann vorerst nur erahnt werden, eine Seitenlänge von etwa zehn Metern sei jedoch anzunehmen. Die Bauweise sei typisch für einen Wohnturm des 11. Jahrhunderts, erklärte der Grabungsleiter. Auf der Süd- und Westseite des Turms trat eine Mauer zutage, die vermutlich zu einer Ringmauer gehört, die den Turm ehedem umlief. Bezüglich entsprechender Funde im näheren Umfeld ist besonders die Burgwüstung Arnsburg zu nennen.

Die dem Turm vorgelagerte Kirche, in deren Umfeld auch einige Gebeine gefunden wurden, ist jüngeren Datums. Wie erwähnt hatte man aufgrund spätmittelalterlicher Urkunden bereits Kenntnisse von diesem Bauwerk. Auch Grabungen fanden dort schon statt, zuletzt durch den Besitzer von Hof Grass im Jahr 1942, was die Forschungslage für Hessen-Archäologie allerdings nicht erleichtert. Gleiches gilt für den Steinraub, der dort über die Jahrhunderte stattgefunden hat. Und dennoch bieten die bislang freigelegten Fundamente einen beeindruckenden Anblick. Aber was ist nun das Besondere an der Entdeckung? Der wissenschaftliche Grabungsleiter Dr. Udo Recker erörterte die Zusammenhänge.

Nach der großen Salierausstellung im Jahr 1992 in Speyer sei es vonseiten der Forschung um dieses Herrschergeschlecht sehr ruhig geworden, zumal es sich bei den Saliern um eine »Zwischenerscheinung« gehandelt habe. Nach dem Niedergang der Ottonen hätten die Salier deren Machtzuwachs gehalten und den Landesausbau im Innern vorangetrieben. Dies alles zu einer Zeit, in der sich noch kein Adel herausgebildet hatte und große Stadtentwicklungen noch Zukunftsmusik waren. »Unser Wissen über die Salier beziehen wir vor allem aus historischen Quellen, die archäologischen Nachweise sind rar«, so der Landesarchäologe. Überdies belegten zahlreiche Artefakte – Pfeilspitzen, zerscherbte Keramik und dergleichen –, dass das Gebiet bereits in Bronze- und Eisenzeit besiedelt gewesen und mithin ein vielversprechendes Grabungsfeld ist. Besonders viele Fundstücke stammen aus dem 11. und 12. Jahrhundert, darunter ein vergoldeter Schildbeschlag sowie ein ebenfalls vergoldeter Bronzebeschlag in Form eines Löwen. Von daher komme dem Grasser Berg unter archäologischem Gesichtspunkt eine herausragende Bedeutung zu, so Recker.

Aber wie geht es nun weiter? Bislang handelt es sich »nur« um Lehrgrabungen, bei denen Marburger und Gießener Studenten unentgeltlich den Hessen-Archäologen assistieren. Die Grundfinanzierung erfolgt neben kleineren Sponsoren vor allem durch die Oberhessischen Versorgungsbetriebe (Ovag), in deren Besitz sich die Grabungsfläche befindet. Die bislang freigelegten Stellen sollen winterfest gemacht werden, dann wird die Baustelle vorerst ruhen.

Ob und wie es weitergeht, hängt davon ab, ob es gelingt, mit einem tragfähigen Konzept langfristig Geldmittel zu akquirieren. Recker: »Wir reden hier nicht von einer Sommerkampagne, sondern von einer Grabung, die sich über Jahre hinziehen könnte. Aber das geht nur mit höheren sechsstelligen Geldbeträgen.«

Bürgermeister Wengorsch hätte nichts dagegen, den touristischen Attraktionen seiner Stadt, die mit dem Bau der Schaukäserei, der Einweihung des Limesinformationszentrums und dem Ausbau des Limesradwegs einen Entwicklungsschub erfährt, ein weiteres Alleinstellungsmerkmal hinzuzufügen. »Das ist eine echte Chance«, meinte der Rathauschef angesichts der weitläufigen Fundamente auf der lauschigen Anhöhe.

Und was passiert nun mit den vielen Dingen, die schon ausgebuddelt wurden und derzeit restauriert werden? »Leider haben Sie in Hungen ja kein Museum...«, meinte Recker in leichter Verlegenheit. Die Erwiderung des angeregten Bürgermeisters kam prompt: »Noch nicht.«

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