Hungener haben sich »hochgewohnt«

25. August 2010, 17:50 Uhr
Ein Mitarbeiter des Ausgrabungsteams zeigt das Hufeisen, das in der Pflasterschicht des 14. Jahrhunderts gefunden wurde. (Foto: gl)

Über den Stand der Ausgrabungen berichteten vor Ort Ausgrabungsleiterin Dr. Franka Schwellnuss mit ihrer Kollegin Dr. Cathrin Hähn und dem Kreisarchäologen Dr. Udo Recker vom Landesamt für Denkmalpflege. Dabei waren auch Bürgermeister Klaus Peter Weber sowie Thomas Weichmann und Dirk Siebert von der Stadtverwaltung Hungen.

Schon im Mittelalter verlief die Hungener Ortsdurchfahrt dort, wo sie sich auch heute noch befindet. Der Straßenzug ist entsprechend in weiten Teilen erhalten geblieben, wurde allerdings im Laufe der Jahrhunderte um rund 1,50 Meter erhöht. Wenn heute eine Straße neu gemacht wird, wird der alte Belag entfernt. Früher, als dies noch in Handarbeit geschehen musste, verzichtete man darauf und legte die neue Straßenschicht einfach über die andere. So auch in Hungen. Dessen Bewohner haben sich im Laufe der Jahrhunderte »hochgewohnt«, was für Städte mittelalterlicher Gründung nicht ungewöhnlich ist. Daher finden sich in der Unter- und Obertorstraße drei Schichten von Pflaster übereinander. Die oberste aus dem 16./17. Jahrhundert, die mittlere aus dem 14. Jahrhundert und darunter noch eine ältere Schicht, die allerdings nicht genau datiert werden kann, weil Material für die Tiefbauarbeiten nicht entnommen wurde.

Da in vergangenen Jahrhunderten das Leben der Menschen in der Stadt zu großen Teilen auf der Straße stattfand, ist die Zahl der Funde groß. Hausrat, verlorene Dinge, Scherben - all dies haben die Archäologen ausgegraben, dokumentiert, fotografiert und gezeichnet. Die Funde selbst sind eher unspektakulär, geben aber einen guten Einblick in den Alltag der Leute vergangener Zeit. Zu den häufigsten Funden zählen Keramikscherben, die zum Teil sehr kleinteilig zerscherbt sind. Ein Hufeisen, das auf Grund der Schicht in der es gefunden wurde, aus dem 14. Jahrhundert stammen muss, findet sich in der kleinen Sammlung ebenso wie Scherben von Kugeltöpfen ähnlicher Datierung. Eine Keramikmurmel, Tierknochen, die Scherbe eines Trichterbauchgefäßes aus dem 16. Jahrhundert oder ein Stück einer grünbleiglasierten Ofenkachel aus dem 17. Jahrhundert (Dr. Recker: »Ein solcher Ofen stand sicherlich in einem höher gestellten Haushalt«) sind weitere Fundstücke. Sie sollen im kommenden Jahr zur 650-Jahr-Feier der Stadt in Hungen ausgestellt werden. Sämtliche Funde werden von den Archäologen genau dokumentiert, da sie zum größten Teil dem neuen Kanal weichen müssen. Übrigens: An Münzen wurden ganze zwei Stück gefunden, was angesichts der Fundstelle untypisch ist und Bürgermeister Klaus Peter Weber zu dem Spruch veranlasste, die Hungener seien ohnehin für ihre Sparsamkeit bekannt.

Rätsel gibt eine Mauer auf, die die Obertorstraße in Richtung Bitzenstraße quer durchschneidet. Ihr Zweck hat sich den Archäologen noch nicht erschlossen. An dieser Stelle ist kein Bauwerk überliefert und es ist auch verwunderlich, da sich die Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert - sowie jüngere Vorwerke - weiter westlich, kurz vor den Bahngleisen, im Boden erhalten haben dürften.

Ende der Woche wird die jetzige Ausgrabungsstelle - per Zufall günstigerweise zum Schäferfest - wieder verfüllt sein und die Ausgrabung rückt weiter vor bis zur Einmündung Erbsengasse. Dr. Recker betonte in diesem Zusammenhang noch einmal, dass bei einer Gesamtbauzeit der Maßnahme von zwei Jahren nur rund vier Wochen Verzögerung durch die Archäologen entstehen, denn man arbeite immer unmittelbar vor den Bauarbeitern.

Die Archäologen weisen zudem darauf hin, dass man mit der Hungener Jugendpflege ein Projekt anbieten wird, in dem Jugendliche aus Hungen selbst in der Ausgrabungsstelle tätig sein können beziehungsweise die Archäologen bei ihrer Arbeit beobachten können.

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