Für mehr Regionalität

Gießen/Hungen (no). Die knapp 50 Schweinezüchter im Gießener Land haben wieder einmal die Faxen dick. Weil es hier vor Ort keine Vermarktungswege gibt, nicht ausreichend Abnehmer, die ihre Schlachttiere nachfragen, sind die Bauern hinsichtlich ihrer Erlössituation ausschließlich von Großschlachthöfen abhängig, die ihnen den Preis diktieren – und der ist aktuell nicht einmal kostendeckend.
08. Januar 2016, 18:43 Uhr
Blick in einen Schweinestall der Bellersheimer Familie Mühling. Den Landwirten fehlen Vermarktungswege in der Region. (Foto: no)

»Wir brauchen einen Absatzmarkt hier bei uns.« Der aber lasse sich ohne politisches Zutun nicht aufbauen, hieß es am Freitag während eines Pressegesprächs in Bellersheim. Die gastgebenden Landwirte, Hans-Martin und Martina Mühling, und Michael Schlosser als Geschäftsführer der mittelhessischen Schlachtvieh-Erzeugergemeinschaft bezogen ebenso Stellung wie Manfred Paul aus Villingen, der Vorsitzende des Bauernverbandes Gießen/Lahn-Dill.

Die in der genossenschaftlichen Erzeugergemeinschft organisierten Landwirte, mittlerweile weniger als 100, laut Schlosser etwa die Hälfte davon Kreis-Gießener, vermissen einen tragfähigen Absatz vor Ort. Den Verbraucher direkt erreiche man nur, wenn man sich – wie auch der Fall – eine Nische selbst auftue. Aber das ist schwierig. Rückläufig sei die Anzahl der familiengeführten Metzgereien, nicht minder die der Schlachtstätten. Rund 400 Sauen vermarkte die Genossenschaft pro Woche, aber die Tiere müssten außer Landes gebracht werden. »Es gibt nur noch große Schlachthöfe wie Tönnies-Fleisch in Wiedenbrück, die täglich bis zu 30 000 Tiere schlachten.« Vier Unternehmen beherrschten den Markt, bestimmten die Preise.

Selbst Fleischhändler hier im Mittelhessischen – Namen wurden genannt – wollten »nur noch billige anonyme Ware«. Argument sei allein der Preis. Dabei könnten sie, die Bauern aus der Region, mit Qualität punkten, mit Nachhaltigkeit, mit Nähe und Rücksicht auf das Tierwohl. »Wo sind denn die Verbraucher, die doch eigentlich auf derlei Wert legen?«, fragen die Landwirte mit Hinweis auf die allseits vernehmbaren Ansprüche, von »Bio« ganz zu schweigen. Am Essen werde dann wohl doch mehr gespart als am Urlaub oder am Auto, mutmaßen sie.

»Dicke Bretter bohren«

Einen Hoffnungsschimmer gebe es aber, sagten Mühling, Schlosser und Paul. Die Landkreise Gießen und Marburg haben eine Studie in Auftrag gegeben. Die beurteilt zunächst die Zahl der Schlachtstätten, von denen es im Kreis Gießen gerade noch 16 gibt; meist Metzgereien. Die traditionellen Schlachthöfe sind Geschichte. Es gebe aber auch kleine Lohnschlachtereien, sagte Kreisbeigeordneter Dirk Oßwald auf Nachfrage dieser Zeitung, der Verbraucher- und Veterinärdezernent des Kreises. »Wir wollen nun schauen, wie groß hier bei uns das Absatzpotenzial für Fleisch aus der Region ist. « Dazu müsse man »die Akteure zusammenbringen«, darunter die Metzger, den weiteren Lebensmittelhandel, zudem die Gastronomie. »Wir brauchen eine Wertschöpfungskette«, präzisierte Oßwald. Damit Produzenten genauso Planungssicherheit hätten wie Abnehmer, wie letztlich auch der Verbraucher.

Das sei – wenn überhaupt – allein von Gießen aus nicht zu schaffen, sondern nur im mittelhessischen Verbund. Einzelne Nachbarkreise müsse man mit ins Boot holen. »In letzter Konsequenz wollen wir«, so Oßwald, »mit EU-Förderung für den ländlichen Raum, ein Vermarktungskonzept hinbekommen.« Dessen Erfolg werde indes nicht in einem halben Jahr eintreten. »Da muss man dicke Bretter bohren.«

Vielleicht profitiert davon erst Mühling Junior: Der Sohn der Bellersheimer Landwirtsfamilie hat seinen Bachelor gemacht, will aber jetzt erst noch einen Agrar-Studiengang zum Master anhängen.

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