Landwirt Franz schafft sein Milchvieh ab

21 Cent bekommt ein Bauer im Moment für den Liter Milch – etwa 35 Cent kostet ihn die Produktion. Seit diesem Frühjahr macht das Wort von der Milchpreiskrise die Runde. Und sie wirkt sich auch in der Region aus: Landwirt Franz aus Fernwald schafft sein Milchvieh ab. Es rechnet sich nicht mehr.
21. September 2016, 13:00 Uhr
(Foto: so)

(so) Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe. Platter Witz. Doch Michael Franz würde sie sich auch weiterhin machen. Wenn er einen Sinn darin sähe. Denn er mag seinen Beruf. So wie sein Vater und sein Großvater. Und die Ahnen zuvor. Seit 1903 haben die Franzens ihren Hof am Ortsrand von Steinbach, direkt an der A 5. Erbaut 1903 – auf dem Gelände einer ehemaligen Kalkbrennerei. Gut 30 Jahre bevor die Autobahn kam. Fünf Generationen Landwirtschaft an diesem Standort, weitere davor im Dorf. Und immer hat es Milchkühe gegeben – zuletzt bald 130 Tiere. Doch schon in zwei, drei Wochen wird es still sein im Stall, bleibt der Tank in der Milchkammer leer. Bis Ende des Monats soll die letzte Kuh vom Hof sein. Verkauft. Weil sich die Mühe eben nicht mehr lohnt.

Landwirt Franz ist kein Einzelfall: Vor wenigen Wochen erst hat Berufskollege Schäfer in Albach seine Milchviehhaltung aufgegeben. Rund 3000 Milchbetriebe gibt es in Hessen noch, und die Landesregierung hat angesichts der dramatisch gefallenen Preise für Milch im Juni fünf Millionen Euro Unterstützung zugesagt, um bäuerliche Existenzen zu sichern. Das löst derweil nicht das strukturelle Problem.

»Schauen Sie«, sagt Michael Franz, und deutet auf zwei Milchgeld-Abrechnungen der Hochwald. 2001 gab es 31 Cent für jeden Liter – bei einer Monatsmenge von rund 37 000 Litern Milch. Heute, 15 Jahre später liefert er der Molkerei knapp 90 000 Liter im Monat an – der Preis liegt derweil bei 21 Cent. Inflationsbereinigt müssten es 37 Cent sein, wenn man den Preis von vor 15 Jahren zugrunde legt, rechnet der Jungbauer vor. 37 Cent – das wären auch die Kosten, die faktisch bei der Milchproduktion je Liter anfallen – die Arbeit des Landwirts ist da noch gar nicht eingepreist, geschweige denn ein Gewinn.Warum ist das so? Weil die Milch beim Discounter für weniger als 50 Cent je Liter im Regal steht, Preise von mehr als einem Euro im Handel kaum gegeben sind.

Erst in diesem Mai sind die Preise für Milch, Butter und Sahne nochmals kräftig gefallen. Aldi und Norma senkten die Preise für einen Liter Vollmilch von 59 auf 46 Cent – also um mehr als 20 Prozent. Preisreduzierungen auch bei Butter, Quark, Joghurt, Sahne. Und das hat Signalwirkung. Viele in der Lebensmittelbranche, auch Supermärkte wie Edeka und Rewe, orientieren sich mit ihren günstigen Eigenmarken an Aldi und Lidl. Begründet wird die Preisreduzierung mit einem Überangebot von Milch am Markt in ganz Europa. Das drückt auf den Preis, und dies wird an den Kunden weitergegeben. Den Verbraucher freut’s. Den Landwirt schmerzt’s.

Mit mehr als 100 Stück Milchvieh ist der Betrieb von Franz noch lange keiner der Großen. Also doch weiter zulegen, um günstiger produzieren zu können? »Auch Wachstum hat nicht geholfen«, blickt Michael Franz auf die Zahlen von 2001 und von heute. Hin und her hat er gerechnet, hat sich Rat geholt beim Arbeitskreis Milchviehwirtschaft – und kommt immer wieder zum gleichen Ergebnis: »Mit und ohne Kühe – bei diesem Milchpreis kommt am Ende gleich viel raus.«

Denn die Arbeit allein mit dem Milchvieh schlägt bei den Franzens im Jahr mit rund 5200 Stunden zu Buche. Morgens um 5 Uhr geht es mit dem Melken los, abends gegen 20.30 Uhr ist die letzte Kuh gefüttert, ist der Melkstand wieder sauber. 365 Tage im Jahr. »Wenn ich so weitermache wie bisher, dann müsste ich noch einen Mann einstellen. Für Geld, das ich nicht habe«, sagt der Landwirt. Zudem sieht er Investitionen auf den Hof zukommen, neue Verordnungen etwa zu Düngemitteln werden unterm Strich Mehrkosten bringen, erwartet der Landwirt. Wenn er die Arbeitsbelastung jedoch etwas reduziert, dann kann er es alleine schaffen auf dem Hof, den er in diesem Sommer von den Eltern übernommen hat. Denn auch so ist klar: »Es darf keiner krank werden, sonst ist hier der Teufel los.« Und wenn es sich dann noch nicht mal rechnet… So ist er jetzt an den Punkt gekommen, um zu sagen: »Es geht nicht mehr mit dem Milchvieh.«

Dabei macht dem jungen Landwirt die Arbeit mit den Kühen Freude: Sorgsam geht er mit ihnen um, kennt alle seine Tiere, deren Arbeit er zu schätzen weiß: Gerne vergleicht er sie angesichts ihrer Milchproduktion mit Hochleistungssportlern. Nach der Schule hat er Landwirt gelernt, war auf der Berufsfachschule, der Winterschule, hat vor 14 Jahren seinen Meister gemacht.

Heute, mit 37 und als Vater eines anderthalbjährigen Sohnes, stellt er fest: Der Kuhstall, der in den Jahren 1999 und 2000, quasi in seiner Lehrzeit, gebaut wurde, hat damals eine Perspektive gehabt. Jetzt, 16 Jahre später, bietet er die leider nicht mehr.

Wie geht es weiter? Ackerbau und Grünlandbewirtschaftung werden fortgeführt auf dem Betrieb mit rund 200 Hektar Fläche. Hinzukommt noch etwas Selbstvermarktung: Fleisch und Wurst etwa von den 50 Schweinen, die auf dem Hof gehalten werden. Partner sind Franzens da im Landmarkt-Konzept von Rewe.

Heu, das nicht mehr benötigt wird, wird künftig verkauft, die Stallungen werden umgenutzt als Lager für Getreide und Maschinen. Milch gibt es dann in Steinbach wohl nur noch im Supermarkt – und das für weniger als 50 Cent je Liter.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Aldi Gruppe
  • Butter
  • Edeka-Gruppe
  • Kühe und Rinder
  • Landwirte und Bauern
  • Lidl
  • Michael Franz
  • Milch
  • Rewe Gruppe
  • Satan
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.