Buseck

Elf Stolpersteine in Buseck wider das Vergessen

14. Februar 2014, 18:28 Uhr
Der Kölner Künstler Gunter Demnig beim Verlegen der Stolpersteine in der Großen-Busecker Kaiserstraße 7.

»Wir stehen heute hier sehr nachdenklich an dieser Stelle, erschüttert von dem Schicksal der Menschen, die hier, aber auch an vielen anderen Stellen unserer Gemeinde Buseck gewohnt haben. Wir sind erschüttert über das Schicksal dieser Menschen, die Opfer der Wahnvorstellungen des Nationalsozialismus wurden. Es ist unsere Aufgabe, die Erinnerung an diese Menschen wach zu halten. Ihr Schicksal soll uns ewig eine Mahnung sein«, sagte Bürgermeister Erhard Reinl zu Beginn der Verlegung.

Die ersten vier Stolpersteine verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig in der Kaiserstraße 7, anschließend vier weitere im Beuerner Bornweg 15/17 und drei in der Alten-Busecker Straße 10. Nach dem Einsetzen der Steine legten die beiden Gesamtschülerinnen Fulya Özogul und Shana Appel Blumen an den Mahnmalen nieder. Zuvor hatten Schüler der IGS Busecker Tal unter der Leitung von Susanne Hooss-Biehl die Namen der Ermordeten und ihre Geschichte verlesen. Für den Transport der Teilnehmer nach Beuern und Alten-Buseck sorgte die Freiwillige Feuerwehr mit Bussen.

Dirk Haas vom Arbeitskreis Stolpersteine erinnerte an die Demütigungen der jüdischen Mitbürger durch eine menschenverachtende Ideologie. Sie seien unter Qualen ermordet worden. Haas begrüßte es, dass Schulen die Gedenkstätten in Auschwitz und Buchenwald besuchten und die Erinnerung wach hielten. Denn die Ereignisse im Lumdatal hätten gezeigt, dass diese menschenverachtende Ideologie noch immer einen Nährboden finde.

Die Stolpersteine, so Haas weiter, seien nicht groß und mächtig wie andere Denkmäler. Aber sie seien Denkmäler im wahrsten Sinne des Wortes. Mit ihnen bekämen »die Opfer aus unserer Nachbarschaft ihre Namen zurück«, sagte Haas.

In der Kaiserstraße 7E wohnte die Familie Wallenstein. Der Ehemann und Vater David wurde hier am 14. März 1894 als Sohn des Händlers Simon Wallenstein und seiner Frau Olga geboren. Zunächst arbeitete er als Handlungsgehilfe bei einem Händler in Großkrotzenburg und später bei den Vereinigten Getreidehändlern in Gießen. In dieser Zeit hatte er auch seinen Wohnort in den entsprechenden Städten.

Gegen Ende des Ersten Weltkrieges wurde er noch zum Heer eingezogen, konnte danach aber seine Arbeit in Gießen wieder aufnehmen. Am 1. Februar 1920 zog er zurück in sein Geburtshaus in Großen-Buseck. David Wallenstein betrieb dann zusammen mit seinem Vater Simon ein Handelsgeschäft für Kohlen, Düngemittel, Kolonialwaren und Landprodukte.

Seine Schwester Dina starb bereits am Tag ihrer Geburt. Sie ist auf dem jüdischen Friedhof bei Großen-Buseck beigesetzt, ebenso sein Vater, der am 1. April 1937 gestorben war. Der Bruder Adolf heiratete 1921 und wohnte dann in Aachen. Von dort wurde er mit seiner Frau nach Polen verschleppt und umgebracht.

Am 16. Februar 1923 heiratete David Wallenstein die aus Schlüchtern stammende Emma oder Emmi Adler (geb. am 25. September 1901. Ihr beider Sohn Alfred kam am 9. November 1923 zur Welt. Die Tochter Ilse wurde am 17. Januar 1927 geboren. Bereits im Alter von elf Jahren wurde sie von ihren Eltern in die scheinbar sicheren Niederlande geschickt.

Vergebliche Flucht in die Niederlande

Nach der Reichspogromnacht und der öffentlichen Schmähungen stieg der wirtschaftliche Druck auf das Handelsgeschäft der Familie Wallenstein. Sie musste dieses zum 29. Dezember 1938 aufgeben. Der Vater arbeitete danach noch gut neun Monate bei der Gemeinde Großen-Buseck, bis die Familie schließlich am 20. Oktober 1939 Buseck verließ. Die Eltern lebten dann in Schlüchtern, dem Geburtsort der Mutter.

In den Niederlanden waren die aus Deutschland geflüchteten Juden jedoch nicht gerne gesehen. Die Regierung legte zwei Internierungslager an. Ilse und Alfred wurden in das Lager Westerbork verbracht. Nach der Besetzung der Niederlande am 10. Mai 1940 durch die deutsche Wehrmacht, wurden die internierten jüdischen Bürger nach und nach mit Bahntransporten in die Vernichtungslager in Osteuropa deportiert. So erging es auch Ilse und Alfred Wallenstein.

Ilse Wallenstein wurde im Alter von 19 Jahren am 25. Mai 1943 deportiert und wahrscheinlich nur drei Tage später in Sobibor ermordet. Ihr Bruder Alfred wurde im gleichen Jahr nach Auschwitz gebracht. Sein Todesdatum ist nicht bekannt. Er wurde am 31. Juli 1944 für tot erklärt.

Beide Elternteile wurden bereits im Jahr 1942 verschleppt und nach Isbica deportiert. Das Ehepaar David und Emma Wallenstein, das bereits seine Kinder weggeben musste, wurde getrennt. Emma wurde in Sobibor ermordet, ihr Mann David in Majdanek. Niemand aus der Familie des Simon Wallenstein, der noch 1913 als ein angesehenes Mitglied im Gesangverein Germania in deren Mitgliederverzeichnis geführt wurde, dessen Sohn David noch 1918 für sein Vaterland Deutschland in den Krieg gezogen war, hat die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten überlebt.

Im Haus Borngasse 15 in Beuern wohnte die Familie des Berthold Edelmuth, zweites Kind des Ehepaares Süßmann und Johannette Edelmuth und geboren am 19. Dezember 1877. Traditionell hatte die Familie ihren Lebensunterhalt mit dem Handel mit Nutztieren bestritten. Berthold Edelmuth heiratete die aus Goßfelden bei Marburg stammende Bertha Lilienstein (geb. 21. Dezember 1880).

Am 1. Juli 1907 wurde ihr Sohn Leopold geboren, seine Schwester Irma am 14. Juni 1911. Der Vater verstarb bereits im Alter von 45 Jahren am 28. Januar 1913 und wurde auf dem jüdischen Friedhof am Rande von Großen-Buseck beigesetzt.

Die Mutter musste von nun an die beiden Kinder alleine aufziehen. Besondere Schwierigkeiten hatte die Tochter Irma. Sie erkrankte an Kinderlähmung und war daher in ihrer Mobilität stark eingeschränkt. Aufgrund von Bestimmungen die sich gegen behinderte Menschen richtete, war es ihr nicht möglich ohne besondere Erlaubnis der Behörden den Omnibus nach Gießen zu nutzen. So musste für jeden Arztbesuch eine entsprechende Genehmigung eingeholt werden.

Ihr Bruder Leopold wird als geistig zurückgeblieben beschrieben. Diese Behinderung führte dazu, dass er bereits im November 1938 kurzzeitig in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht wurde. Später arbeitete er in Gießen als Hilfsarbeiter. Bertha Edelmuth zog mit ihren Kindern im Mai 1942 nach Gießen. Von dort wurden die drei am 30. September 1942 nach Polen deportiert und wohl auch kurz darauf ermordet.

Aus der Familie lebten zu Beginn des Holocaust noch ein Zwillingsbruderpaar, Jacob und Hugo. Beide wurden ebenfalls in Lagern ermordet.

Direkt neben dem Haus der Familie von Berthold Edelmuth wohnte in der Borngasse 17 eine weitere Familie mit dem Familiennamen Edelmuth. Die Kinder Hermann und Jeanette Edelmuth, Leo, Martin und Gutkind Arthur konnte zusammen mit Selma, der Frau von Martin, in die USA emigrieren. Das Haus wurde rechtmäßig verkauft und der Kaufpreis in die USA überwiesen. In diesem Haus lebte jedoch auch der Witwer Jakob Edelmuth mit seiner Tochter Klemmi-Klara. Die Tochter emigrierte bereits 1937 in die USA, wo sie in New York wohnte und dort vor 13 Jahren starb.

Ihr Vater wurde 1938 nach Buchenwald gebracht und dort kurzfristig inhaftiert. Nach der Rückkehr aus diesem KZ lebte er in Beuern und arbeitete in der Matzenbäckerei von Julius Griesheim. Im April 1942 siedelte er nach Gießen um, von wo er am 30. September 1942 nach Polen deportiert und dort ermordet wurde.

In Theresienstadt ermordet

Im Gebäude Großen-Busecker-Straße 10 in Alten-Buseck lebte die Familie des Stoffhändlers Mayer Löber, der im Jahre 1929 verstarb (seine Frau Sarchen bereits 1908). Aus der Ehe gingen unter anderem die Tochter Hannchen und die Söhne Leopold und Simon hervor. Über das Leben von Hannchen Löber ist nur wenig überliefert. Geboren am 8. Januar 1874, wurde Sie am 27. September 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 13. November 1942 dort ermordet. Ihr Bruder Leopold, geboren am 6. Februar 1878 war wie sein Vater Händler. Er beging am 10. August 1942 in Frankfurt Suicid.

Der Bruder Simon Löber betrieb ebenfalls ein Handelsgeschäft. Dieses firmierte zeitweise in Gießen (Neue Bäue) und in Alten-Buseck (Hofburgstraße 9), von 1933 an dann im Hause seines Vaters. Später musste er als Tagelöhner für den Lebensunterhalt sorgen. Simon Löber heiratete die aus Münzenberg stammende Selma Katz. Mit ihr hatte er drei Kinder. Seine Frau starb 1930. Simon Löber wurde am 27. September 1942 deportiert und in Theresienstadt am 14. Januar 1944 ermordet. Über das Schicksal der beiden Söhne Martin und Ludwig ist nichts bekannt. Sie wurden nach dem Krieg für tot erklärt. Lina Zibora Wendel, geboren am 26. Juni 1869 als Tochter des in Alten-Buseck ansässigen Nathan Grünewald und seiner Frau Bertha geb. Schwalb, kam 1912 als Witwe nach Alten-Buseck zurück. Sie hatte zwei Töchter, Hertha und Erna. Lina Zibora arbeitete als Wochenpflegerin in der Klinik in Gießen. Sie wohnte wohl längere Zeit in ihrem Geburtshaus Großen-Busecker-Straße 9, wurde am 27. September 1942 von hier deportiert und am 28. Mai 1943 in Theresienstadt ermordet. Ihre Tochter Hertha zog nach Koblenz, von wo sie in 1942 nach Izbica/Sobibor verschleppt und ermordet wurde.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Beerdigungen
  • Brüder
  • Deportationen
  • Dirk Haas
  • Gesamtschule Busecker Tal
  • Gunter Demnig
  • Hochzeiten
  • Judenfriedhöfe
  • Menschenverachtung
  • Mord
  • Schicksal
  • Wallenstein
  • Wehrmacht
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 3 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.