Wird ehemalige Synagoge Großen-Buseck Gedenkstätte?

Buseck (rüg). Seit einigen Wochen steht das bis 1938 als Synagoge genutzte Haus Anger 10 in Großen-Buseck leer, die letzte Mieterin ist im Herbst vergangenen Jahres ausgezogen. Das denkmalgeschützte Gebäude könnte eine Gedenkstätte und ein Begegnungszentrum werden.
10. Januar 2014, 17:08 Uhr
Anger 10: Die ehemalige Synagoge in Großen-Buseck. Das denkmalgeschützte Gebäude könnte eine Gedenkstätte und ein Begegnungszentrum werden. (Foto: rüg)

Eine Beschwerde der fürstlichen Superintendenten und des fürstlichen Konsistoriums über die »Vierer und Ganerben« beim Landgrafen Ludwig VIII. von Hessen-Darmstadt ist der bislang älteste, mittlerweile 275 Jahre alte Beleg für das Vorhandensein eines jüdischen Gotteshauses in Großen-Buseck.

Die Reichspogromnacht vor gut 75 Jahren, am 9. November 1938, leitete auch im Busecker Tal das Ende des jüdischen Lebens ein. Der Gedenktag rückte das denkmalgeschützte Gebäude wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit. Um seinen Erhalt und die Einrichtung einer Gedenkstätte dort engagieren sich unter anderem die Arbeitsgruppe Anger 10 und der Heimatkundliche Arbeitskreis (HAK) Buseck.

Die nachweisbaren Anfänge der Synagoge in Großen-Buseck reichen 275 Jahre zurück. Der teilweise erhaltene Schriftwechsel aus den Jahren 1739 bis 1742 dreht sich um die Unzufriedenheit der Beschwerdeführer mit den adligen Herren des Busecker Tals, die über eine eigene Gerichtsbarkeit verfügten und in ihrem Machtbereich viele jüdische Familien siedeln ließen und ihnen erlaubten, eine Synagoge zu bauen. Nun würden sich diese Herren auch noch »anmaßen«, eine weitere Synagoge in Beuern zu gestatten.

Erste Synagoge in Kaiserstraße

Zielperson der Kritik war Friedrich Ludwig zu Buseck, genannt Münch, der im Alter von 76 Jahren kurz vor Weihnachten 1750 in Winnerod verstarb. Über den Ausgang des Prozesses gibt es nach jetzigem Kenntnisstand keine Unterlagen oder Akten mehr.

Als gesichert gilt, dass die Großen-Busecker Juden ihre schon vor 1739 vorhandene Synagoge renovierten und die Beuerner eine solche bauten, »denn am 16. Februar 1751 nahm der Vorstand der Judenschaft hierfür einen Kredit von 115 FL (Gulden) auf. Dieser war erst 80 Jahre später, 1830, abgetragen«, berichtete die Arbeitsgruppe Anger 10 im Rahmen einer Ausstellung am Busecker Samstag Ende November 2013.

Die erste (nachweisbare) Großen-Busecker Synagoge stand im Hof des Anwesens Kaiserstraße 13, der sogenannten Judengasse, dessen Haupthaus an der Straße mit der Aufschrift »Lager und Verkauf der Genossenschaftsbank« 1988 für den Bau der jetzigen Volksbank abgerissen worden war.

Wie in allen größeren jüdischen Gemeinden war auch der Großen-Busecker Synagoge eine jüdische Schule mit Lehrerwohnung angegliedert. In der sogenannten »Jirreschul« lernten die Kinder ihre Religion kennen und ein wenig Lesen und Schreiben. Mit Edikt des Großherzogs Ludwigs II. von Hessen-Darmstadt wurde die Judenschule zur israelitischen Elementarschule. Sie unterstand dem Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde, die Elementarschule der christlichen Kinder dagegen dem örtlichen Pfarrer.

In den 1830er Jahren wurde der Zustand des Synagogengebäudes immer schlechter. »Die Dienstwohnung des an der israelitischen Schule zu Großenbuseck angestellten Großh. Schullehrers Weil ist in so schlechtem u. baufälligen Zustand, daß der Schulunterricht den ganzen Winter über in der Familienstube des Lehrers gehalten werden muß u. diese ist wiederum in so trauriger Beschaffenheit, daß die Juden selbst darüber Klage führen«, schrieb der Schulvorstand an die Großherzogliche Schulkommission am 26. August 1843, nachzulesen in Unterlagen des evangelischen Kirchenarchivs in Großen-Buseck. Und: »Wenn nicht die Vorsicht bey der Reparatur angewendet wird, (dürfte sie) völlig übern Haufen stürzen.«

Es kam zu einer Absenkung des Gebäudes und zu Schäden durch Wasser, dass infolge einer fehlenden Regenrinne am neuen Stall des Gehöftbesitzers in die Wand eindringen konnte. Für die konsequente Instandhaltung des Gebäudes fehlte der jüdischen Gemeinde offenbar das Geld.

Hinzu kam ein weiteres Ärgernis, dass den Eingang zur Synagoge für die Besucher unzumutbar machte: »Durch die Beaugenscheinung ist bestätigt gefunden worden, dass nicht allein durch die Abtritte (…) auch durch die daselbst befindlichen Miststätten und die bestehende Unreinlichkeit (…) der Eingang in die Synagoge einen sehr ekelhaften Anblick darbietet.« Zeitweise war der Lehrer Mayer Weil in einer Mietwohnung an der Oberpforte 5 untergebracht.

Dann der Neubeginn. Nachdem die israelitische Gemeinde das Anwesen Anger 10, das seit 1837 im Besitz von Gottfried Hedderich war, 1844 gekauft hatte, folgte ein Jahr später der Eintrag im Busecker Katasterbuch: Aus einem »Wohnhaus 2 Stock mit Scheune unter einem Dach« wurde eine »Synagoge mit Wohnung (für den Lehrer Mayer Weil der jüdischen Elementarschule) und Schulraum. Im Dorf hieß auch diese Synagoge (in nicht negativer Weise) »die Jirreschul«.

1846 Umzug ins Haus Anger 10

Im Buch »Buseck – seine Dörfer und Burgen« von Günter Hans heißt es zu diesem Gebäude, dass es in einem Brandkassenregister von 1795 als Eigentum des hessischen Präceptors (im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit die Bezeichnung für einen Lehrer, besonders Hauslehrer) bezeichnet wird. Der Vorhof entstand möglicherweise durch das spätere Zurücksetzen des Gebäudes.

Beim Umbau des Hauses wurden anstelle des Scheunentores ein zweiter Eingang platziert und vermutlich auch eine Empore eingebaut. Im Gebäude waren außerdem eine Lehrerwohnung und die israelitische Elementarschule untergebracht. Woher die israelitische Gemeinde das Geld für die neue Synagoge hatte, ist nicht überliefert. Ob es einen Sponsor gab?

Am 24. März 1846 teilte der Großherzoglich Hessische Kreisrat dem Großherzoglichen Bürgermeister der Gemeinde Großen-Buseck mit: »Die israel. Religionsgemeinde zu Großenbuseck beabsichtige, Morgen die dahige Synagoge einzu-weihen, und in feierlichem Zuge aus der alten Synagoge in diese umzuziehen. (…) Ich beauftrage Sie die (…) zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Ruhe nöthigen Vorkehrungen zu treffen, den Polizeidiener dazu anzuhalten. « Die neue Synagoge wurde 20 Jahre später noch einmal renoviert oder umgebaut, die Tora-Rolle erneut eingeweiht. Hierzu erfolgte am 16. Oktober 1867 im »Anzeige=Blatt für die Provinzialhauptstadt Gießen« eine Einladung: Thora-Einweihung mit anschließendem Ball in Großen-Buseck.

In der Weimarer Republik wurde die staatliche Grundschule allgemein verpflichtend für Kinder aller gesellschaftlichen Schichten. Die Lehrerwohnung wurde daraufhin anderweitig vermietet. Eine ehemalige Nachbarin berichtete, dass auch eine christliche Familie dort gewohnt habe.

Was dann in der Reichspogromnacht mit dem Gebäude geschah, schilderte ein Augenzeuge so: »Als Angehöriger der örtlichen Feuerwehr wurde ich am Abend des 9. November 1938 alarmiert und sollte auf den Anger kommen. Auf dem Anger angekommen, sah ich, dass Vorbereitungen getroffen wurden, die Synagoge und Schule der Juden in Brand zu stecken. Wir sollten als Feuerwehr das Übergreifen der Flammen auf die Nachbarhäuser verhindern. Es gelang uns, die örtlichen Nazi-Führer von ihrem Vorhaben abzubringen. Daraufhin drangen die Nazis in die Synagoge ein, schleppten das brennbare Material wie Bücher und Möbel heraus und trugen es auf einen Reisighaufen, der auf dem Anger aufgeschichtet war. Das Gebäude wurde innen verwüstet und demoliert. Der Reisighaufen wurde angesteckt, und die Bücher und weitere Dinge verbrannten.«

Die jüdische Gemeinde sah sich gezwungen, das Anwesen 1939 an die Gemeinde Großen-Buseck zu verkaufen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die ehemalige Synagoge an Vertriebene und Bedürftige vermietet, zeit- und teilweise auch an die Leih-und Sparkasse (spätere Volksbank). 1948 waren dort 30 Vertriebene untergebracht, die mittlerweile verstorbene letzte Bewohnerin war im vergangenen Herbst ausgezogen.

Juden habe es seit mindestens 1560 im Busecker Tal gegeben, erklärte Gemeindearchivarin Ilse Reinholz-Hein im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung. Aber schon früher seien Flurnamen wie »Am Judengraben« bei Großen-Buseck aufgetaucht.

Sie plädiert dafür, die jüdische Geschichte nicht allein auf die Jahre des Nationalsozialismus’ zu reduzieren. Es habe ein vernünftiges Zusammenleben gerade auch im Busecker Tal gegeben, hier sei die Haltung gegegnüber den Juden großzügiger gewesen. Es habe zwar auch Streitpunkte gegeben, aber auch große nachbarschaftliche Hilfe bei den jeweiligen Feiertagen.

»Das zeigt auch, dass es andere Möglichkeiten des Zusammenlebens gab. Daran muss man auch immer wieder erinnern«, unterstreicht Martha Kuhl-Greif von der Arbeitsgruppe Anger 10. Die AG hat sich Mitte Dezember mit einem Schreiben an die Gemeindeverwaltung gewandt, in dem auf die historische Bedeutung des Hauses Anger 10 hingewiesen wird: »Wir bitten, auf eine Veräußerung zu verzichten und die baulichen Mängel zu beseitigen.«

Ausstellungen, Vorträge, Forschung

Vorgeschlagen wird ein Haus, das für kleine Ausstellungen, Vorträge, Lesungen und für die Archivforschung genutzt wird: »Die Geschichte des Hauses und des ganzen Busecker Tals, die geprägt ist von Zu- und Auswanderung, kann den Orientierungsrahmen geben. Als authentischer Ort kann Anger 10 Begegnung von Vergangenheit und Zukunft, von Menschen unterschiedlicher Religion und Herkunft ermöglichen.«

Klar ist für die Initiatoren: Träger muss die Gemeinde Buseck sein, aber auch die Uni Gießen möchte man gerne als Partner, beispielsweise für Forschungsarbeiten, mit ins Boot holen. Fördermittel könne man bekommen, sofern es wechselnde Ausstellungen gebe, zum Beispiel im Erdgeschoss. Da sei man offen für alles.

Die Darstellung des jüdischen Lebens im Busecker Tal müsse in der ehemaligen Synagoge einen zentralen Punkt darstellen. Denn: »Wichtig ist es, den Mechanismus aufzuzeigen, wie es zu solchen Exzessen (wie in der Nazi-Zeit) kommen kann. Das sollte die zentrale Aussage der Ausstellung sein«, erklärte Reinholz-Hein. Rüdiger Geis

Was wird aus der ehemaligen Synagoge in Großen-Buseck?

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