Buseck

250 Jahre jüdisches Leben im Busecker Tal dokumentiert

25. September 2013, 18:38 Uhr
Vorstellung des neuen Doppelbandes »Juden im Busecker Tal«: (oben von links) Bürgermeister Erhard Reinl, die Autoren Andreas Schmidt und Hanno Müller und Gemeindearchivarin Ilse Reinholz-Hein. (Foto: rüg)

In Alten-Buseck, Großen-Buseck, Beuern, Burkhardsfelden, Reiskirchen, Ettingshausen und Rödgen lebten jüdische Familien, sie trieben Viehhandel, hatten Geschäfte oder waren in der Landwirtschaft tätig. Während der nationalsozialistischen Schreckensherschafft und im Zweiten Weltkrieg endete das Zusammenleben durch Ausgrenzung, Diskriminierung, Deportation und Vernichtung. Am Mittwochvormittag stellten Müller und Schmidt den neuen Doppelband gemeinsam mit Bürgermeister Erhard Reinl und Gemeindearchivarin Ilse Reinholz-Hein im Busecker Schloss der Öffentlichkeit vor.

Das Werk besteht aus zwei Teilbänden mit festem Einband und Fadenheftung im Format A4. Es ist in einer Auflage von je 250 Exemplaren gedruckt, in einem Schuber erhältlich und kostet 15 Euro. Dieser »erstaunlich niedrige Preis« war möglich, weil die ehrenamtlich arbeitenden Autoren tatkräftige und finanzielle Unterstützung der Gemeinden Buseck und Reiskirchen, der evangelischen Kirchengemeinden, durch Vereine, Parteien und Privatpersonen erhalten hatten, erklärte der Geschichtsforscher Hanno Müller aus Steinbach im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung.

Besonderer Dank der Autoren galt neben Gemeindearchivarin Ilse Reinholz-Hein und Elke Noppes (Heimatkundlicher Arbeitskreis Buseck) auch der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung in Lich für die Unterstützung.

Bürgermeister Erhard Reinl nannte den Doppelband »hochinteressant, wenn man verfolgt, wie das jüdische Leben in Buseck einmal war«. Es sei wichtig, dies zu dokumentieren und für die Nachwelt zu erhalten.

Der von Müller erstellte Teilband I widmet sich auf 269 Seiten und mit 169 Abbildungen den »Familien«. Er enthält Familienbücher für den Zeitraum vom frühen 19. Jahrhundert bis 1942 für jeden Ort des Busecker Tals, in dem früher Juden lebten.

»Höchste Zeit, auszuwandern«

Enthalten ist auch ein Bericht von Walter Blondheim aus Alten-Buseck über seine Erlebnisse von 1933 bis zu seiner abenteuerlichen Emigration 1938. Blondheim, damals Hilfsarbeiter bei einer Gießener Firma, sah am Morgen des 9. November 1938 die Synagogen brennen. »Da wusste ich, dass es höchste Zeit war, auszuwandern, denn wer Gotteshäuser verbrennt, vernichtet auch Menschen«, berichtete er 1987.

Er wurde zwar verhaftet und ins KZ Buchenwald verschleppt, dort aber nach 14 Tagen wieder entlassen, da seine Familie schon gültige Papiere für die Auswanderung nach Argentinien besaß. Dort kam die Familie Blondheim am 27. Dezember 1938 an. Andere jüdische Mitbürger, die die Dörfer im Busecker Tal nicht verlassen wollten, wurden spätestens 1942 deportiert. Viele von ihnen starben in Konzentrationslagern.

Vorgestellt und ausgewertet wird auch das Beuerner Gemeindebuch (1822 bis 1915), das Julius Griesheim 1940 bei seiner Emigration in die USA rettete und dem Leo-Baeck-Institut in New York übergab. Es enthält die Erinnerungen von Katharine Alexander (Reiskirchen) an die früher in Reiskirchen lebenden Juden und ausführliche Informationen über das Schicksal jüdischer Auswanderer wie der Familien Löwenstein aus Daubringen und Alten-Buseck sowie Edelmuth aus Beuern, die in den Vereinigten Staaten zu erfolgreichen Geschäftsleuten aufstiegen.

Zu Griesheims Schenkung gehörten auch ein Brief des Rabbiners Dr. Levi aus dem Jahr 1938 und der Kostenvoranschlag für den (nicht verwirklichten) Bau einer Mikwe (jüdisches Tauchbad) in Beuern.

1945 in Theresienstadt befreit

Ein Aufsatz von Renate Hebauf (Frankfurt/M. berichtet über Fanny Joelson verwitwete Krämer geborene Berlin aus Großen-Buseck. Sie erinnerte sich an den 10. November 1938, als SA-Leute nach der Reichspogromnacht ihren Vater, den Textilhändler Bernhard Berlin, festnahmen und alles im Geschäft zerschlugen. Fanny Joelsons Leidensweg führte über ein sogenanntes Ghettohaus« in Frankfurt ins KZ Theresienstadt, wo sie 1945 befreit wurde. An die dem Holocaust zum Opfer gefallenen Juden erinnert Monica Kingreen (Mitarbeiterin des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt/M.).

Für den zweiten Teilband »Grabsteine und ihre Inschriften« (256 Seiten und 388 Abbildungen) zeichneten Andreas Schmidt und Friedrich Damrath verantwortlich. Er enthält neben Lageplänen der jüdischen Friedhöfe in Alten-Buseck und Großen-Buseck auch Fotos und die Abschriften und Übersetzungen der hebräischen Inschriften aller dort befindlichen Grabsteine – rund 200.

Dabei haben die beiden Autoren keine Mühen gescheut, alle Inschriften zu erfassen. Mehrere bis dato vom Erdreich bedeckte Steine wurden frei gelegt und umgelegte Steine angehoben, um die Schrift erfassen und verstreute Bruchstücke wieder vereinen zu können.

Der Teilband enthält zusätzlich die Dokumentation von knapp 100 Grabsteinen für die aus dem Busecker Tal stammenden Juden, die auf anderen hessischen Friedhöfen begraben sind – »zwischen Wetter und Ranstadt, zwischen Alsfeld und Burgsolms«, wie es Schmidt formulierte. Der Krofdorf-Gleiberger Vermessungstechniker und Dipolmingenieur sparte aber auch nicht mit Kritik am Zustand des Judenfriedhofs in Großen-Buseck. Der sei, bis auf die gemähten Flächen, in keinem guten Zustand. Gut 80 Prozent der Grabsteine seien umgestürzt oder nur angelehnt: »Das tut den Steinen nicht gut und ist dieser Stätte unwürdig. Andere Gemeinden in der Umgebung sind da schon weiter.« Hierfür gebe es auch finanzielle Unterstützung zum Beispiel über das RP.

Bürgermeister Reinl entgegnete, er sei der falsche Ansprechpartner. Es habe vor einigen Jahren einen Kontakt der Gesamtschule zur jüdischen Gemeinde in Gießen gegeben, mit dem Angebot, auf dem Friedhof Pflegearbeiten auszuführen. Dies sei aber mit dem Hinweis zurückgewiesen worden, es müssten bei der Pflege bestimmte Kriterien beachtet werden. Ilse Reinholz-Hein schlug vor, nochmals den Kontakt zur jüdischen Gemeinde zu suchen: »Wir gehen das an.«

Hanno Müller unterrichtete bis 2002 an der Brüder-Grimm-Schule in Kleinlinden unter anderem Geschichte. Seit 1983 beschäftigt er sich mit der Historie seines Heimatdorfes Steinbach und nicht zuletzt mit der Genealogie der Juden in Oberhessen.

Andreas Schmidt ist freier Mitarbeiter der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen und beschäftigt sich seit gut 20 Jahren in seiner Freizeit mit der Dokumentation historischer christlicher Grabdenkmäler, jüdischer Friedhöfe und ihrer Grabsteine.

Friedrich Damrath war Lehrer unter anderem für Hebräisch am Laubach-Kolleg. Er beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit der Entzifferung und Übersetzung von Grabinschriften und ist seit Jahrzehnten im Freundeskreis Kloster Arnsburg engagiert.

»Juden im Busecker Tal« ist erhältlich im »Lädchen« in der Großen-Busecker Kaiserstraße, bei der Gemeindeverwaltung im Schloss, beim Heimatkundlichen Arbeitskreis und bei Hanno Müller (0 64 04/57 68).

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