Buseck

Kreisbürger gedachten der Opfer der »Reichspogromnacht«

10. November 2012, 14:53 Uhr
Vor 74 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen. Die Erinnerung an die Pogromnacht bot auch in Großen-Buseck Anlass zu mahnen: »Wehret den Anfängen!« (Foto: rüg)

Den Opfern einen Namen geben, war den 25 Schülern der Klasse 9a der IGS Busecker Tal in wichtiges Anliegen. In Großen-Buseck verlasen die Mädchen und Jungen die Namen der 34 jüdischen Mitbürger aus zehn Familien, die 1933, beim Beginn des Nazi-Regimes, im Ort gelebt hatten. Sie und ihre Häuser waren am 9. November 1938 zum Ziel von Übergriffen durch Faschisten geworden. Sie wurden vertrieben, flüchteten wie beispielsweise Julius Berlin oder kamen in Konzentrationslagern um. Veranstalter dieses Gedenkens waren die Arbeitsgruppe Anger 10, die Friedensgruppe Buseck mit Unterstützung der SPD, Grünen und der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung.

»Offene Gewalt nur Spitze des Eisbergs«

In Laubach folgten rund 80 Menschen dem Aufruf der Veranstalter, einem Bündnis aus Friedenskooperative, Kirchen, Stadt und Parteien, zum Mahngang. Bürgermeister Klug verlangte, das Gedenken dürfe sich nicht auf den Blick in die Vergangenheit beschränken, Werte wie Toleranz, Freiheit, Demokratie müssten immer aufs Neue verteidigt werden. »Die Hetzparolen der Neonazis ziehen immer weitere Kreise, finden erschreckenderweise vor allem bei Jugendlichen Anklang. Dabei ist offene Gewalt nur die Spitze des Eisbergs, jedem Anschlag liegt eine bereits verfestigte Haltung oder ein die Tat begünstigendes Klima zugrunde.«

Der Mahngang führte schließlich zur Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge, wo Konfirmanden die Namen der Laubacher Juden verlasen und für jeden eine weiße Nelke niederlegten.

Fast 100 Menschen, darunter 40 Konfirmanden, versammelten sich in Lich nach einer Andacht vor dem Mahnmal an der Marienstiftskirche. Pfarrer Lutz Neumeier erinnerte daran, dass auch 34 Einwohner aus Lich in Konzentrationslager gebracht und getötet wurden. Namens des Magistrats gab Stadtrat Franz-Gerd Richarz der Hoffnung Ausdruck, dass menschenverachtendes Gedankengut hierzulande nie wieder einen Nährboden finden möge. Auch Stadtverordnetenvorsteher Günter Block nahm an der Gedenkstunde teil. Die Konfirmanden nannten die Namen der 16 jüdischen Familien, die damals in Lich gelebt hatten und legten nach jüdischem Brauch Steine an der Gedenkstätte nieder.

Im Kirchgarten von Krofdorf-Gleiberg rief Pfarrer Schaaf zu einer »Kultur des Erinnerns« auf. Dieser Aufgabe stellten sich im Ort dankenswerterweise viele Bürger, Vereine, die Kirchen, die Freireligiöse Gemeinde und die Vertreter der Kommunen. Die etwa 40 Versammelten entzündeten Kerzen und legten Steine an der Gedenktafel ab. Konfirmanden erinnerten mit einer Lesung an die Pogrome vom November 1938. Bürgermeister Thomas Brunner forderte Wachsamkeit. Es gelte, den Anfängen zu wehren. Für den musikalischen Rahmen sorgten die Klarinettisten Ludger Busch und Katrin Schmidt.

Lollar: »Lesung gegen das Vergessen«

(mlu). Vor dem Hintergrund der rechtextremistischen Aktivitäten, die in der jüngeren Vergangeneheit in Allendorf/Lumda für Aufsehen sorgten, veranstaltete die Clemens-Brentano-Europa-Schule (CBES) in Lollar am Freitagabend kurzfristig eine »Lesung gegen das Vergessen« anlässlich des Jahrestages der »Reichspogromnacht«. Initiatoren der Veranstaltung waren die Vorsitzende des Schulelternbeirates, Susanne Pickenbrock-Hindges, der Lehrer Gerd Weidmann und die Integrationsbeauftragte der Stadt Lollar, Carolin Müller. Neben Schülern und weiteren Angehörigen der CBES lasen Allendorfs Bürgermeisterin Annette Bergen-Krause und ihr Staufenberger Amtskollege Peter Gefeller. Zu den Zuhörern zählte auch Kreisschuldezernentin Dr. Christiane Schmahl.

»Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir widerspruchslos hinnehmen«, zitierte Carolin Müller als Moderatorin den Philosophen Arthur Schopenhauer zu Beginn der Lesereihe, mit der man seitens der Schule »rechtsmotivierten Aktionen entschlossen entgegentreten und an die Opfer der Judenverfolgung in Deutschland erinnern wolle«.

Verwiesen wurde auf die Verunstaltung von öffentlichen Gebäuden und Grabmälern mit Symbolen aus der rechten Szene im vergangenen Jahr. Betroffen war unter anderem das Gebäude der ezidischen Gemeinde in Lollar, die wie auch die türkische Gemeinde im Publikum vertreten war. Wie diese Zeitung berichtete, wurden in Allendorf/Lumda jüngst Bürger eingeschüchtert und bedroht, nachdem sie sich öffentlich gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus ausgesprochen hatten.

»Ja, wir haben ein Problem mit Rechtsextremismus in Allendorf«, räumte Bürgermeisterin Bergen-Krause ein, ehe sie in Auszügen die »Erklärung von Prinzipien der Toleranz«, die 1995 von Mitgliedstaaten der Unesco auf der 28. Generalkonferenz der internationalen Organisation verabschiedeten wurden. In sechs Artikeln wird in diesem Dokument definiert, was Toleranz bedeutet und was aus dieser Definition für Individuen wie auch für Staaten im Hinblick auf ihr Verhalten und Handeln folgt. Gleich im ersten Satz wird in Artikel 4 herausgestellt: »Bildung ist das wirksamste Mittel gegen Intoleranz«.

Bürgermeister Peter Gefeller las unter anderem demagogische Artikel aus der Nationalsozialistischen Oberhessischen Tagespresse aus den 1930er Jahren.

Silke Röske, Berufsberaterin an der CBES, rezitierte ein Gedicht mit dem Titel »Gebt keinen unseresgleichen auf« von Berthold Brecht.

Ein von den Schülern Miguel, Jokubas und Mark spontan verfasster Rap-Beitrag endete mit den Worten: »Was Schlimmeres als Rassismus kann es nicht geben, lasst uns doch in Frieden leben.«

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