Kreis Gießen

»Der Angeklagte ist eine tickende Zeitbombe«

28. Oktober 2014, 18:48 Uhr

Vor einem Jugendschöffengericht des Gießener Amtsgerichts fand ein Arzt sehr klare Worte: »Der Angeklagte ist eine tickende Zeitbombe. Alles andere wäre gelogen.«

Diese Deutlichkeit hat einen Grund, der sich in zwei Worten zusammenfassen lässt: gefährliche Körperverletzung. So lautet die Anklage. Im Falle des 19-jährigen Täters kann sogar von lebensgefährlichen Verletzungen gesprochen werden. Denn: Dass ein 23 Jahre alter Mann aus Gießen die Prügelattacke des Angeklagten überlebte, war schlicht Glück, betonte der Mediziner. Mit nur einem gezielten Faustschlag ins Gesicht des Opfers hatte der Täter – er trainierte Thai-Boxen – dem jungen Mann den Mittelgesichtsknochen vom Rest des Schädels abgerissen. Hirnblutungen oder Ersticken am eigenen Blut wären mögliche Folgen gewesen. Das Opfer überlebte. 13 Titanplatten halten sein Gesicht zusammen. Eine dritte Operation steht dem jungen Mann noch bevor. Was er am Tattag, dem 2. Juni vergangenen Jahres, durchlitten hat, illustrierte der Mediziner erneut mit einem drastischen Wort: »Vernichtungsschmerz.«

Der Gießener war nicht das einzige Opfer. An mehreren Tagen dieses und des vergangenen Jahres schlug der Angeklagte auch in Hungen und Lich zu. Unter anderem beim Feuerwehrfest in Langsdorf. Teils unterstützt von ebenfalls mitangeklagten Kumpels (die GAZ berichtete). Die Schläge, die zu schweren Verletzungen führten, setzte jedoch immer der 19-jährige Hauptangeklagte. Er befindet sich daher auch als Einziger in Untersuchungshaft. Dabei hatten die anderen Opfer noch mehr »Glück« als der Gießener. Sie erlitten überwiegend »nur« Nasenbeinbrüche, Platzwunden und Prellungen. »Ihnen hätte das Gleiche passieren können«, warnte der Rechtsmediziner. Der Angeklagte »schlägt sofort zu«.

Aggression statt Entschuldigung

Alkohol und Drogen allein sind für den Arzt nicht das Hauptproblem, sondern vielmehr die Persönlichkeit des Täters, die weitere Gewalttaten befürchten lasse. Deshalb empfahl der Mediziner, den 19-Jährigen psychiatrisch untersuchen zu lassen. Der Täter hatte immer behauptet, jede Menge Alkohol und Drogen konsumiert zu haben und daher kaum noch Erinnerungen an das Geschehene zu haben. Das ließ der Mediziner so nicht gelten. Zwar waren bei dem Angeklagten Atemalkoholwerte von 1,1 bis 1,8 Promille gemessen worden und Polizisten hatten von geweiteten Pupillen (infolge des Drogenkonsums) gesprochen. Gravierende »Ausfallerscheinungen« waren aber weder den Beamten noch Zeugen aufgefallen. Auch der Mediziner sagte, der 19-Jährige habe trotzdem noch »reflektiert« gehandelt, wenn er etwa nach einer Tat fliehen wollte.

Obwohl die Opfer sich bei diesem Verfahren nur so die Klinke in die Hand geben, brachte der Täter bisher nicht eine Entschuldigung über die Lippen. Im Gegenteil: Am Dienstag berichtete ein 25-jähriger Student aus Hungen, wie er am Rosenmontag in der Toilette der Stadthalle von dem Angeklagten niedergeschlagen wurde. »Das nächste, was ich weiß, ist, dass ich in einer Blutlache wieder aufgewacht bin.« Den Täter kannte er nicht. Konnte sich an kein Zusammentreffen erinnern. Beim Verlassen des Gerichtssaal wagte er ein fragendes »Warum« in Richtung des gebürtigen Frankfurters. Der nahm eine drohende Körperhaltung auf seinem Stuhl ein und herrschte den 25-Jährigen an: »Du hast mich den ganzen Abend dumm angemacht. Wenn ich jetzt auf Student mache, habe ich auch zehn Zeugen.«

Aggressiv reagierte er auch, als die Wachtmeister ihm in einer Pause wieder Handschellen anlegen wollten. Mit einer abwehrenden Handbewegung versuchte er, das zu verhindern. Zuerst wollte er noch von seiner im Zuschauerraum sitzenden Mutter Zigaretten entgegennehmen. Es ist jedoch verboten, Zigaretten mit ins Gefängnis zu nehmen. Die Handfesseln klickten. Für wie lange noch, wird sich nächste Woche entscheiden. Dann spricht das Gericht sein Urteil.

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