Pflegeeltern

Eltern auf Abruf: Wenn das Pflegekind wieder geht

Wenn Kinder in Not sind, springen sie ein: Pflegeeltern. Wie lebt es sich in einer Familie auf Abruf?
12. Oktober 2017, 17:29 Uhr
Geborgen sein in einer heilen Familie, das ist das Ideal. Aber manchmal können sich Eltern nicht selbst um ihre Kinder kümmern. Dann sucht das Jugendamt nach geeigneten Pflegefamilien. (Foto: Fotolia/Halfpoint)

Antje und Stephan Ranze haben ein Herz für Kinder. Vier eigene haben sie groß gezogen. Schon lange betreut Antje Ranze Tageskinder. Und vor drei Jahren meldeten sich die Eheleute beim Kreisjugendamt für die Bereitschaftspflege. Wenn ein Kind in Not ist, springen sie ein. Acht Kindern haben sie schon ein Zuhause auf Zeit gegeben. Manchmal kommt ein Anruf und eine halbe Stunde später ist das Kind da. Manchmal bleibt es länger als geplant. Vor allem dann fällt die Trennung schwer.

Pflegeeltern werden: Mit diesem Gedanken haben die Ranzes gespielt, seit ihre eigenen Kinder flügge wurden. »Die Zeit war da und auch der Platz«, beschreibt Antje Ranze die Situation. »Außerdem sind wir es gewohnt, mit Kindern zu leben«, ergänzt ihr Mann.

 

Auch mal Pause machen

 

Zwei Jahre lang überlegten sie hin und her. Dann entdeckten sie in der Zeitung ganz kurzfristig die Einladung zu einem Info-Abend des Jugendamts. Antje Ranze hatte keine Zeit, ihr Mann ging hin. Danach war klar: »Wir probieren das.« Auch die vier eigenen Kinder waren einverstanden. »Die ganze Familie muss hinter einer solchen Entscheidung stehen«, sagt Stephan Ranze.

Pflegeeltern wird man nicht von heute auf morgen. Die Interessenten durchlaufen ein mehrstufiges Bewerberverfahren, bei dem sie vom Jugendamt in ihrer Entscheidungsfindung unterstützt werden. »Das hat einiges an Zeit gekostet«, erinnert sich Stephan Ranze. Letztlich entschieden sich die Ranzes für die zeitlich befristete Bereitschaftspflege. Vor allem auf Betreiben des Vaters: »Für Vollzeit sind wir zu alt«, findet der 51-Jährige. »Und es tut uns gut, zwischendurch gut, mal keine Kinder im Haus zu haben.«

In einer solchen Phase sind die beiden seit zwei Monaten, sofern man die Tageskinder, die durchs Haus wuseln, nicht mitzählt. Das letzte Pflegekind ist Ende Juli gegangen. Inzwischen haben die Eheleute dem Jugendamt signalisiert, dass sie bereit sind für die Aufnahme eines neuen Kindes. »Wir sind gespannt, was auf uns zukommt.« Gerade die Bereitschaftspflege stellt an die Pflegeeltern hohe Anforderungen. »Sie müssen belastbar sein und flexibel«, sagt Liane Becker vom Pflegekinderdienst des Landkreises. Nicht selten müssten sie von jetzt auf gleich in Krisensituationen einspringen. Auch die Ranzes haben das schon erlebt. »Das Jugendamt rief an und eine gute halbe Stunde später war das Kind da«, erinnert sich Stephan Ranze. »Und man kennt es überhaupt nicht.« Auch Liane Becker weiß: »Da ist sehr viel Einfühlungsvermögen gefragt.«

Das Jugendamt rief an und eine halbe Stunde später war das Kind da

Antje Ranze

Die Bereitschaftspflege soll dem Jugendamt die nötige Zeit verschaffen, um die Perspektiven des Kindes zu klären und, sofern nötig, eine passende Dauerpflegestelle zu finden. Eigentlich soll sie auf maximal vier Monate begrenzt sein. »Soll«, sagt Becker. »Aber die Realität ist manchmal eine andere. Das weiß auch die Familie Ranze. Sie hat Kinder für nur ein paar Tage aufgenommen. Aber auch für zehn Monate. Und ein Geschwisterpaar lebte ein ganzes Jahr in ihrem hellen, freundlichen Haus in einem Dorf mitten im Landkreis.

An die Trennung vom ersten Langzeit-Pflegekind erinnert sich Antje Ranze noch genau. Die kleine Emily (die eigentlich anders heißt) war im Alter von gut zwei Jahren gekommen. Sie sollte nur ein paar Wochen bleiben, bis sich die Mutter von einer Krankheit erholt hatte. Dann gab es Verwicklungen. Die Kleine konnte nicht in ihre Ursprungsfamilie zurück. Erst nach zehn Monaten fand das Jugendamt eine passende Dauerpflegestelle. »Als sie ging, konnte sie sich an nichts erinnern außer an uns. Wir waren ihr Zuhause«, sagt Antje Ranze. »Das fand ich schlimm. Und für unsere jüngste Tochter, die damals noch im Haus lebte, war es auch schwer.« Mittlerweile kann die Krankenschwester mit solchen Trennungen, die vom Jugendamt begleitet werden und sich schrittweise vollziehen, gelassener umgehen. Zu manchen Pflegekindern besteht der Kontakt auch fort. Allerdings erst nach einer Pause, damit die Kinder in Ruhe in ihrer neuen Familie heimisch werden können.

Erhebliche Belastungen

Die Eheleute machen keinen Hehl daraus, dass die Belastungen der Bereitschaftspflege erheblich sein können. Eines ihrer Pflegekinder zum Beispiel hat keine Nacht durchgeschlafen. Vor allem Stephan Ranze, der im Schichtdienst arbeitet, hat das weh getan. »Aber so weit, dass wir dachten, wir machen es nicht mehr, waren wir noch nie«, sagt seine Frau. Beide finden ihre Aufgabe interessant und spannend, vor allem wegen der wechselnden Perspektiven. »Oft kreist man ja um sich selbst. Wir sehen jetzt auch, wie die Welt rundherum aussieht«, sagt der Pflegevater. Seine Frau hat noch eine andere, ganz einfache Erklärung für ihr Engagement: »Jedes Kind ist einfach liebenswert.«

Info-Kasten

Pflegestelle werden

Paare, Familien und Alleinstehende können sich um die Anerkennung als Pflegestelle bewerben. Sie müssen formelle Anforderungen erfüllen und ein mehrstufiges Bewerbungsverfahren durchlaufen. Weitere Informationen, auch über die finanzielle Unterstützung, finden Interessierte unter www.pflegekinderdienst.lkgi.de. Ansprechpartnerin beim Kreisjugendamt ist Liane Becker, Telefon 06 41/93 90-92 04,E-Mail: liane.becker @lkgi.de

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