Climbach von oben

Climbach von oben: Pumpen und Vulkane

Kaum ein Ort im Gießener Land hat steilere Wege wie das beschauliche Climbach. Auch deshalb nimmt das Dorf mit seinen 597 Einwohnern eine führende Rolle im Landkreis ein.
17. Juli 2017, 13:00 Uhr
Climbach ist ein Wohnort mit natürlichen und historischen Reizen. (Foto: Henß)

Wenn Allendorfer aus ihrem Tal fliehen und sich erholen wollen, fahren sie die kurvige Straße hoch nach Climbach. Dort warten auf sie Felder und Wiesen, auf denen Pferde grasen, und der Forstgarten mit seinen Teichen, vielen Vögeln und den Streuobstwiesen. Aus dem Forstgarten kommt auch das Trinkwasser für das Dorf, das viele der aktuell 597 Einwohner als ruhigen Wohnort schätzen. Dabei hat es viel versteckte und spannende Geschichte zu bieten.

Climbach taucht erstmals 1237 in historischen Urkunden auf; aber Historiker sind sich sicher, dass der heutige Stadtteil von Allendorf bereits 137 Jahre früher existiert hat. Bauern aus den Tälern des Lumdatals hatten nämlich in dieser Zeit neue Höfe am »Clincbach« gebaut, um sich den beschwerlichen Weg zu ihren höher gelegenen Feldern zu ersparen. Immerhin beträgt die Steigung 11 Prozent.

Wegen des Höhenunterschieds hat Climbach auch eine führende Rolle im Landkreis inne: Das Dorf war eines der ersten im Gießener Land, die eine Wasserrohrleitung bauten; 1883 war das. Die Menschen mussten vorher das Wasser aus dem Tal auf den Berg pumpen. Genau dafür brauchten sie ein Pumphaus. Dies entstand um 1883 am Forstgarten Richtung Treis.

Von dort verlegten die Climbacher eine Wasserleitung bis zum höchsten Punkt des Dorfes nahe der Kirche. Die stammt übrigens aus dem Jahr 1783 und zählt zu einer der Sehenswürdigkeiten des Ortes. Hier entstand ein Sammelbecken mit 40 Kubikmeter Fassungsvermögen.

Mit Hilfe eines sogenannten hydraulischen Widders pumpten die Menschen das Wasser nach Climbach. Die Technik kommt ohne Motor und Strom aus und wird bis heute auf entlegenen Höfen in Bergregionen verwendet. Das oben gesammelte Wasser leiteten die Climbacher an drei Verteilstellen entlang der Hauptstraße im Dorf: zur Allendorfer Straße, zur mittleren Linde und zum Busecker Weg. Für die damals 224 Einwohner erleichterte dieser technische Fortschritt den Alltag, mussten sie doch das Wasser vorher mit einem Joch und zwei Eimern aus dem Tal holen.

Bis 1908 nutzten die Climbacher das alte Wasserhäuschen, bauten dann aber ein neues mit einer Quelle und stellten im Ort einen Wasserturm auf. Auch das neue Wasserhaus war mit der Widder-Technik ausgestattet; aber Strom gab es erst 1912 im Ort. Im Jahr des Neubaus erhielten die Bewohner außerdem Hausanschlüsse. 1949 stellten die Climbacher fest, dass sich Ablagerungen in den Rohren festgesetzt hatten. Die Menschen mit Wasser zu versorgen war nicht mehr möglich. Deshalb folgte der Beschluss, Rohre mit einem größeren Durchmesser zu verlegen. In den folgenden Jahren fiel noch eine Quelle aus, weil sie verunreinigt war. Die Climbacher bohrten daraufhin einen neuen Brunnen, um die Bevölkerung zu versorgen.

Der Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte Allendorf/Lumda ist es zu verdanken, dass diese Geschichte bekannt ist. Die Ehrenamtlichen um Peter Stein und Werner Heibertshausen haben außerdem dafür gesorgt, dass das Wasserhäuschen denkmalgeschützt wird. Aktuell werden Einzelteile der Pumpe restauriert; das Gebäude an sich ist fertig renoviert. Im kommenden Jahr könnten alle Arbeiten beendet sein und das historische Gebäude zu bestimmten Anlässen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Direkt neben dem Wasserhaus befindet sich der »Aspenkippel« – ein kleiner, von steil abfallenden Wänden umgebener Kessel mit einer Erhöhung in der Mitte. Laut volkstümlicher Überlieferung soll er der letzte aktive Vulkan in Hessen gewesen sein. Früher bauten die Menschen hier Schichtkohle ab. Weil auch die Nationalsozialisten die dortigen Ressourcen nutzten und Kriegsgefangene aus Frankreich und anderen Ländern hier arbeiten ließen, bombardierte die US-Armee dieses Gebiet. Mittlerweile ist der Stollen zugeschüttet.

Vogelperspektive

Serie "von oben"

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir regelmäßig Fotos, die unser Luftfotograf Manfred Henß von seinem Ultraleichtflugzeug aus aufgenommen hat. Sie, liebe Leserinnen und Leser, erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive. Dazu gibt es kleine Geschichten über die Orte. Die bisher veröffentlichten Beiträge und ein Portrait über Henß gibt’s im Netz unter www.giessener-allgemeine.de/von+oben.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Naherholung
  • Peter Stein
  • Pumpen
  • Technischer Fortschritt
  • US-Armee
  • Von oben
  • Vulkane
  • Allendorf
  • Kays Al-Khanak
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 20 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.