Musiktherapie

Neues Angebot für Menschen mit Demenz

Einmal pro Woche lädt Musiktherapeutin Silke Kammer demenzkranke Menschen in Laubach zum Singen ein. Sie ist überzeugt: Musik kann Erinnerungen und Emotionen wecken.
06. Juni 2017, 18:00 Uhr

Ich kann überhaupt nicht singen«, beklagt die alte Dame, in Ehren ergraut und hoch in den 80ern, die an diesem Morgen die erste Stunde dieses etwas anderen Singkreises besucht. Dann aber stimmt sie doch ein, als eines der schönsten Volkslieder erklingt: »Kein schöner Land in dieser Zeit/als hier das unsre weit und breit/wo wir uns finden/wohl unter Linden/zur Abendzeit, Abendzeit. – Da haben wir so manche Stund/gesessen wohl in froher Rund/und taten singen/die Lieder klingen/im Eichengrund.«

Als kleines Mädchen in der Schule hat sie diese Strophen gesungen, erzählt sie. Und auch als junge Frau, beim Spazierengehen, wohl zur Abendzeit, untergehakt in den Arm der besten Freundin.

 

Verdienst des Fördervereins

 

Den Lebensabend verbringt sie nun im Altenpflegeheim des Oberhessischen Diakoniezentrums (OD) in Laubach, seit altersher bekannt als »Stift«. Einmal die Woche gibt es dort nun diesen etwas anderen Singkreis. Was ihn von anderen unterscheidet: Das Gros der Teilnehmer, an diesem ersten Morgen sechs Frauen und ein Mann, ist dement.

Der Gesetzgeber verpflichtet Heimbetreiber dazu, jedem stationär untergebrachten Bewohner mit Demenz eine seinen Bedürfnissen entsprechende Betreuung zu bieten – anderthalb Stunden die Woche. Das Regelangebot am Stift umfasst etwa Gedächtnistraining, Turnen im Sitzen und ähnliches. Musiktherapie gehört nicht dazu.

»Das geht nur dank der Spende des Fördervereins«, betont Gabriele Schäfer-Klaus, Leiterin des Sozialdienstes. Dankenswerterweise: Schon bei diesem ersten Termin nämlich wird erkenntlich, welchen Spaß es den Teilnehmern bereitet, mit alten Liedern Erinnerungen zu wecken, die »ganz hinten im Gedächtnis abgelegt sind«, wie es Schäfer-Klaus formuliert.

Singen oder den Takt schlagen

»Willkommen zur Musik. Willkommen. Schön, dass Sie da sind, Herr Lindemann! Schön, dass Sie da sind, Frau Hamann ...« – mit einem Begrüßungslied eröffnet Dipl-Musiktherapeutin Silke Kammer  die Singstunde. Jeden Liedvortrag begleitet sie mit ihrer Gitarre, lädt die Teilnehmer – auch jene, die tatsächlich nicht singen können – dazu ein, mit den auf dem Tisch verteilten Orff’schen Instrumenten in den Takt einzustimmen. Herr Lindemann (alle Namen der Patienten geändert, die Red.) folgt der Aufforderung stante pede – und wippt auch noch mit den Füßen dazu.

Silke Kammer hatte zunächst auf Lehramt studiert, dann noch das Fachstudium an der Uni Münster drangehängt. »Musik«, sagt sie, »ist der Königsweg«. Dann eben, wenn es um die Betreuung von Menschen geht, die unter dieser zumeist degenerativen Erkrankung des Gehirns leiden. Damit einher gehen nicht nur intellektuelle Defizite, auch emotionale und soziale Fähigkeiten verkümmern. Die geborene Laubacherin verweist an dieser Stelle auf jüngere Forschungen des Max-Planck-Instituts Freiburg. Ergebnis: »Das Musikgedächtnis ist von Alzheimer nicht betroffen.«

Doch auch wenn die Krankheit so weit fortgeschritten ist, dass ein Mensch nicht mal eine einzige Liedzeile mehr singen kann, ist er doch willkommen in ihrer Runde. »Darauf kommt es gar nicht so sehr an«, erklärt Kammer. Viel mehr gehe darum, »das Potenzial der Musik auszuschöpfen, geistige Ressourcen und Kommunikation zu fördern, nicht zuletzt Ängste abzubauen.«

 

Fast wie Hexenwerk

 

Wie gut das beim Singen funktioniert, hat die Musiktherapeutin in elf Jahren Berufserfahrung schon oft erfahren: »Das lässt sich bereits daran ablesen, wie rasch die Agitiertheit, diese oft krankhafte Unruhe der unter Demenz leidenden Menschen, verschwindet.«

Nach nur einer halben Stunde des Musizierens ist das an diesem Morgen auch im Aufenthaltsraum des Stifts zu bemerken: Die Stimmung ist gelöster, hie und da verdrängt ein Lächeln zuvor noch ernst und teilnahmslos erscheinende Gesichtszüge.

Silke Kammer begleitet Menschen bis in die allerletzte Lebensphase. Selbst da noch stellt sie diese segensreiche Wirkung fest, wenn sie zur Gitarre ein altbekanntes Lied anstimmt: »Es geht nicht zuletzt um die atmosphärische Wirkung. Musik löst Assoziationen aus, weckt Emotionen. Das kann Freude, aber ebenso Stille und Trauer sein.«

Wichtig erscheint ihr, sich auf sein Gegenüber einzulassen. Kammer schaut sich daher stets die biografischen Daten der Patienten an. Erstaunt hat sie, wie oft diese Einstimmung im übertragenen Sinn quasi automatisch abläuft: »Das ist fast wie »Hexenwerk.«

Auch an diesem Morgen ist das so, sind die Musiktherapeutin und ihre Mitsängerinnen doch schnell auf einer Wellenlänge, etwa was die Liederauswahl betrifft. »Egerland, Heimatland« etwa kennen mehrere. Ebenso »Tulpen aus Amsterdam«, bei denen einige recht textsicher mitträllern. Auch die hier so treffenden letzten Zeilen der ersten Strophe: »Wenn ich wiederkomm/dann bring ich dir Tulpen aus Amsterdam/tausend rote, tausend gelbe/alle wünschen dir dasselbe:/Was mein Mund nicht sagen kann/sagen Tulpen aus Amsterdam.« (tb/Fotos: tb)

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