Lutherjahr

Martin Luthers Einfluss auf Laubach

Luther prägte nicht nur die Geschichte Deutschlands und der deutschen Sprache, sondern auch die Historie Laubachs, wie die neue Ausstellung in der Schlossbibliothek zeigt.
16. April 2017, 08:45 Uhr
Die Scheld’sche Weltchronik.

Manchen, der sich heute mit Luther beschäf tigt und ihn bewertet, beschleicht ein Unbehagen. Das soll bei einer Führung durch die Ausstellung »500 Jahre Reformation in Laubach – Luther und Co.« in der Schlossbibliothek Laubach anders sein. Hier wird weniger der Theologe, der Reformator oder der Politiker in den Mittelpunkt gerückt, sondern im Zentrum steht Luther als Medienereignis, als »Portalfigur« der Neuzeit. Er, der seine Übersetzung der Bibel im Verbund mit der noch ganz neuen Technologie des Buchdrucks und der Künstlerwerkstatt eines Lucas Cranach in wenigen Jahren fast allen Deutschen nahebrachte, trug zur Herausbildung der neuhochdeutschen Sprache und damit der deutschen Nation maßgeblich bei.

 

Ein »literarischer Urknall«

 

An kaum einem anderen Ort kann man besser nachvollziehen, wie das Hand in Hand ging: Luthers Neues Testament (1522) als eine Art »literarischer Urknall« war die logische Konsequenz seiner Wertschätzung der Schrift (»sola scriptura«). Die rasche Verbreitung des Gesamtwerkes sorgte für einen Diskurs, also die Kommunikation eines jeden mit jedem mittels einer gemeinsamen Sprache. »Als unser Deutsch erfunden wurde«, kam es – vielleicht zum ersten Mal – dazu, dass so etwas wie Öffentlichkeit hergestellt und der Grundstein gelegt wurde für die Ausbildung Deutschlands zu einer Kulturnation.

Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man diesen Paradigmenwechsel mit der IT-Revolution der 90er Jahre vergleicht, erklärt Burkhard Wellenkötter. Wie jetzt waren auch damals die Folgen kaum absehbar.

 

Das Pfarrhaus und Angela Merkel

 

Nach dem Vorbild Luthers, der heiratete, Kinder zeugte und mit seiner Frau einen bürgerlichen Hausstand gründete, entstand das evangelische Pfarrhaus. Diese brachten teils auch Persönlichkeiten hervor, die teils sogar im Widerspruch oder Abrede zum Glauben standen, etwa Nietzsche. Aber auch Lessing, Gottfried Benn und Angela Merkel. In solch einem Haus gehörte für die Kinder eine christlich-bürgerliche Erziehung logischerweise dazu, wurde die Hausmusik gepflegt, waren Theater und Oper selbstverständliche Teile.

Dies sind Aspekte, auf welche die Sonderausstellung »500 Jahre Reformation in Laubach« eingeht. Konzipiert haben sie Trautel und Burkhard Wellenkötter. Dabei will man auch aufzeigen, dass die Reformation kein rein deutsches Phänomen und Luther nur einer – wenn vielleicht auch der genialste – ihrer Protagonisten war.

 

Mehrere Personen prägten Wandel

 

So berichtet sie auch von den Vorläufern – Hus in Böhmen, Wyclif in England – und den Mitstreitern in Wort und Tat: Erasmus von Rotterdam, Ulrich von Hutten und Konrad Reuchlin sowie den Mitarbeitern, von denen Philipp Melanchthon der wichtigste ist. Auch für Laubach, denn er hatte den Grafen Friedrich Magnus angeregt, eine Lateinschule zu gründen und damit auch eine Bibliothek anzulegen. Im Pilgerführer »Luthers Wormsreise und der Lutherweg 1521« wird denn auch die Bedeutung der Schlossbibliothek mit ihren unzähligen Werken von und über den Reformator ausdrücklich hervorgehoben.

Eine Konstante in der weltanschaulich-religiösen Ausrichtung aller Menschen war die Furcht vor dem Jüngsten Gericht, vor dem Teufel und der Hölle. In der Schedel’schen Weltchronik (Foto oben) ist diese Angst Bild geworden: Der Maler aus der Schule des Michael Wohlgemut lässt die Sünder von grässlichen Teufeln in den Orkus treiben, die Gerechten aber finden den Weg ins Paradies. Die Gerechten sind demnach die Menschen, die Gottes Geboten gerecht werden, und das geschieht nach Luther »sola fide«, nur durch den Glauben, nicht durch gute Werke, Geldspenden mittels Ablassbriefen.

Das ist Luthers zentrales Thema, das bewegt ihn zum Thesenanschlag am 31. Oktober 1517, das macht seine Kernbotschaft aus. Dafür wird er aber auch gebannt und geächtet, und dafür streitet er wider den Papst und die Welt.

Viele seiner »Briefe«, eigentlich »Kurzbotschaften«, die er unermüdlich verfasste und die sogleich gedruckt und verbreitet wurden, befinden sich zu Sammelkonvoluten gebunden in der Laubacher Bibliothek und werden in der Ausstellung präsentiert.

 

Lutherbibel von 1525

 

Über Philipp den Großmütigen führt eine direkte Linie zu dessen Halbbruder Friedrich Magnus zu Solms-Laubach, der 1544 in seinem Ländchen die Reformation eingeführt hatte (anders als sein Großvater Philipp zu Solms-Lich). Die unendlich vielen Schriften, Bildbände, Almanache und Sammelordner, die sich in der Bibliothek befinden, legen Zeugnis ab von der fortdauernden Beschäftigung mit dem protestantischen Glauben. Laubach war ein Hort der Frömmigkeit – dafür spricht nicht nur die Tatsache, dass es zeitweilig auch ein Zentrum des Pietismus geworden war.

Im zweiten Saal werden Lebensspuren des Reformators und seiner Familie aufgezeigt, die über die Jahrhunderte hinweg kultisch verfolgt wurden: Von der Sammelbüchse des Kurrendesängers hin zur kitschig verklärten Weihnachtsfeier im Kreis der Familie – ganz anders, als es Luther gewollt hätte.

 

96 Lutherbibeln

 

Eine Ausstellung zu Luther ohne Bibeln wäre undenkbar. Allein 96 Lutherbibeln finden sich in der Schlossbibliothek, aber auch mehrere Ausgaben der lateinischen Vulgata von 1477, eine deutschsprachige aus der Zeit vor Luther sowie einige nach seiner Pioniertat (darunter die des Erasmus von Rotterdam) sind hier zu finden. Die älteste Lutherbibel in der Bibliothek stammt von 1525; es ist »ein Drittteil des Alten Testamentes«. Von den knapp hundert Luther-Bibeln sind manche illustriert. Bibliophile Kostbarkeiten »ohne Luther« sind im oberen Stockwerk zu sehen.

 

Die Ausstellung wird am 19. April um 17 Uhr eröffnet. Sie ist bis Ende Oktober im Rahmen der Bibliotheksführungen mittwochs um 17 Uhr zu sehen. Anmeldung für Sonderführungen unter 0 64 05/91 04-00 oder 91 04 16 oder 0 64 05/13 48 sowie per Mail rentkammer@schloss-laubach.de oder wellenkoetter@t-online.de.

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