Tierische Völkerverständigung

12. April 2017, 19:41 Uhr
Die Künstlerin Birgit Kalkofen hat die Geschichten von Heidi Haas rund um den Hofhund Toni illustriert. (Foto: kdw)

Abseits des großen Wirbels hat die Biebertaler Autorin Heidi Haas jetzt ein Kinderbuch veröffentlicht: »Toni auf Entdeckungsreise«. Es geht um Hofhund Toni, der sich aufmacht, durch das große Tor zu gehen, um die weite Welt zu entdecken – oder jedenfalls die nähere Umgebung.

Haas wurde 1950 in Gießen geboren. Sie wuchs in Rodheim auf und absolvierte nach der Schule eine kaufmännische Ausbildung. Sie arbeitete im Gießener Textilgroßhandel Ernst Weimer, hat vier inzwischen erwachsene Kinder und eine Enkelin. Sie lebt und arbeitet in Biebertal. Die Autorin ist auch regional in literarischer Hinsicht keine Unbekannte. »Ich schreibe gern, und das seit etwa 15 Jahren«, sagt sie. Ihre vorerst letzte Arbeit war 2012 ein Band mit Erzählungen »Die Erben des Blauen Hauses«. Wie vor fünf Jahren ist auch ihr neues Werk bei der Gießener Edition Kalliope erschienen.

Wie kam sie auf die Geschichte mit dem Hund, der mal etwas anderes sehen möchte und in der Welt draußen fast verloren geht? »Die hab ich erfunden und meinen Kindern einfach so erzählt, als sie zwischen sechs und zehn Jahre alt waren«, erinnert sich Haas. »Und vor elf Monaten bekam ich eine Enkelin. Da dachte ich mir, vielleicht mache ich mal eine Geschichte für die Kleine.«

Die erste dieser Geschichten, die einst ihren Kindern zum Schlaf verhalf, hatte Haas der Verlegerin Katharina Feld von Kalliope gezeigt und gefragt, was sie davon hielt. »Die Geschichte ist gut, mach weiter«, sagte Feld. »Wenn du es schaffst, acht tragfähige Geschichten zu schreiben, machen wir ein Buch«, sagte die Verlegerin. »Die Entwicklung des Materials dauerte etwa ein Jahr, dann haben wir’s gedruckt«, erinnert sich Haas. Leicht sei es nicht gewesen, erinnern sich die beiden Frauen, schließlich ist ein solches Projekt mit viel Arbeit verbunden. Vor allem sollte der Text gut auf Kinder abgestimmt sein und dabei keine plumpen Bilder transportieren. Aber da bestand bei Haas keine große Gefahr, wie man beim Lesen schnell merkt.

Nun mussten Illustrationen her. Verlegerin Feld erinnert sich: 2013, auf der Suche nach bestimmten Bildern, war sie zufällig auf die Kunst von Birgit Kalkofen gestoßen. »Mein erster Gedanke war: tolle Arbeiten, und was für ein Hans Dampf in allen Gassen.« Fasziniert von der Einfachheit im Sinne von Reduktion auf Wesentliches, dem Ansatz ihres Abstraktionsvermögens, dem verschwenderischen Einsatz von leuchtenden Farben, nahm Feld mit der damals noch in Palma lebenden Künstlerin Kontakt auf. »Kunst ist auch etwas Persönliches«, sagt Feld, »die Kunst von Birgit Kalkofen strahlt Licht und Kraft aus.«

Kalkofen lebte in verschiedenen europäischen Ländern, in Amerika, Asien und in Afrika, davon allein 11 Jahre in Kenia. Diese Aufenthalte prägen ihre Kunst. Kalkofen, in Fulda aufgewachsen und regelmäßig auf Ferienbesuch bei ihrer Tante Roswitha in Wieseck, ist nach 22 Jahren Aufenthalt in Palma de Mallorca in ihre Heimat zurückgekehrt. Feld: »Es ist schön, dass sie dem Auftrag zugestimmt hat. Hin und wieder musste sie allerdings gebremst werden, sonst läge ein reines Bilderbuch vor.« Die Illustrationen begleiten den Text, bestimmen ihn aber nicht.

Ohne erhobenen Zeigefinger

Wer in die Welt des Buches eintaucht, begegnet der Hauptfigur, dem Hofhund Toni. Der kriegt eins auf den Deckel, weil er so laut bellt. Die Hühner nebenan im Stall hören dann nämlich auf, Eier zu legen. Die Hühner sind stinkig, vor allem Emmi: »Wenn du morgen früh wieder so laut bellst, dann komm ich raus und knall dir eine«, ruft sie. Hühnchen Luzzi gackert, »Dein Bellen ist unerträglich!« Dabei kann Toni die Hühner gut leiden, besonders Emmi. »Sie ist immer so witzig«, findet der Hofhund. »Manchmal tanzt sie ganz wild. Dabei gackert sie eine Melodie.« Und Toni wedelt im Takt dazu mit dem Schwanz. Für ihn ist der Hauptgrund, es mit dem Federvieh nicht zu verderben, dass Emmi dann aufhören könnte, zu tanzen.

Tatsächlich sind an diesem Morgen eigentlich alle Tiere genervt von Tonis Bellerei und lassen ihn das deutlich spüren. Haas findet hier einen einerseits trocken-witzigen und zum anderen verblüffend entspannt menschlichen Stil, dem die Rezipienten gerne folgen. Der erwachsene Leser oder Vorleser dürfte so manches Mal kichern.

Anderswo, bei den wilden Tieren, ist es ganz spannend. Da scheucht Nilgansmutter Azra ihre Küken hinter sich zusammen, denn Schwanenvater Albi tritt gerade ans Ufer. »Mutter Nilgans« beginnt er in ruhigem Schwanenton: »Ich tue Ihren Kindern nichts. Ich möchte euch zum Uferfest einladen, morgen Nachmittag um vier Uhr. Alle Vögel, die hier leben, sollen sich dann kennenlernen und zusammen fröhlich sein.« So diskret leitet Haas ihren integrativen Ansatz ein, und lässt die Nilgans nachdenken: »Die Idee findet Mutter Azra gut. Aber ob das so einfach geht? Es sind so viele verschiedene Tiere hier.« Aber sie sagt zu und wird sogar einen Gras-Salat mitbringen, »oder, was auch sehr gut schmeckt, ein Kleeblattgemüse«. Der tierischen Völkerverständigung sind Tor und Tür geöffnet. Haas verleiht ihren Figuren unterschwellig ein anständiges und ehrliches Verhalten und plädiert für Toleranz.

Das Resultat der vereinten schöpferischen Bemühungen liegt jetzt vor und nimmt nicht nur durch die originellen, gemütlichen Bilder für sich ein, sondern vor allem durch den Stil der Geschichten. Dem fehlt nämlich jeder offenkundig pädagogische Impetus. Vielmehr ergeben sich aus den Erlebnissen und der Art des Umgangs der Tiere miteinander gemeinschaftsfördernde, freundliche und einfach menschliche Beispiele: Es ist eine Welt, die noch im Lot ist. Man hält sich gerne dort auf.

Das Buch »Toni auf Entdeckungsreise und andere spannende Tiergeschichten« von Heidi Haas gibt es für 16,90 Euro in allen Buchhandlungen. Haas stellt ihr Buch außerdem am 2. Juli um 12 Uhr in den Marktlauben bei »Eine(r) liest vor«.

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