Kreis Gießen

Nächtlicher Überfall auf der Landstraße

Zwei Langgönser am Gießener Landgericht wegen Raubes verurteilt. Das 22 Jahre alte Opfer leidet bis heute an den Folgen einer posttraumatischen Belastungsstörung.
12. Februar 2017, 09:00 Uhr

»Sie sind eine Gefahr für jeden, der Ihnen über den Weg läuft!« Staatsanwalt Alexander Hahn nahm am Freitag bei seinem Plädoyer vor der Siebten Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts kein Blatt vor den Mund. Der Jüngere der beiden Angeklagten habe das Opfer bewusst »gedemütigt« und »gequält«, wollte »Macht ausüben«, empörte sich Hahn. Deshalb dürfe der 23-jährige Langgönser in diesem Revisionsverfahren auch keine Bewährungsstrafe bekommen, sondern müsse ins Gefängnis. Die deutlichen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht: Das Gericht verhängte eine zweieinhalbjährige Haftstrafe. Was hatte den Staatsanwalt zu diesem eindringlichen Appell getrieben?

Ein nächtlicher Überfall auf einer Landstraße. Der 23-Jährige und ein 25 Jahre alter Mittäter hatten mit ihrem Pkw das Fahrzeug eines anderen jungen Mannes ausgebremst und ihn zur Herausgabe von 700 Euro gezwungen, die das Opfer kurz zuvor in einer Spielothek gewonnen hatte. Als der jüngere Täter das Geld zählte, gelang dem Opfer die Flucht. Was nach einem actiongeladenen Krimi klingt, passierte jedoch nicht auf der Leinwand, sondern am Ortseingang von Langgöns. Am 12. November 2014, kurz nach Mitternacht. Und nur drei Monate, nachdem der jüngere Angeklagte wegen eines anderen Raubes bereits zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden war. »Das Maß ist voll«, betonte Vorsitzender Richter Heiko Söhnel bei der Begründung der aktuellen Entscheidung. Der 23-Jährige habe seine Chance vertan.

Entschuldigung abgelehnt

Die beiden Angeklagten waren wegen des Überfalls in Langgöns schon einmal verurteilt worden (wir berichteten). Zwei Jahre und drei Monate Haft hatte der ältere Täter kassiert, dreieinhalb Jahre der jüngere. Doch der Bundesgerichtshof (BGH) hatte das Urteil aufgehoben. Eine der Begründungen: Die Täter waren unter anderem wegen des Ausbremsens wegen eines »gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr« verurteilt worden. Laut BGH lag dieser Tatbestand aber nicht vor, da kein Unfall passiert und von den Tätern auch nicht geplant gewesen sei.

Doch so spektakulär das Tatgeschehen war – im Mittelpunkt dieses Prozesses standen die Folgen, unter denen das 22-jährige Opfer – wie die Täter aus Langgöns stammend – bis heute leidet. Der junge Mann, bei dem eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert wurde, musste seine Ausbildung abbrechen, war arbeitsunfähig. Noch immer befinde er sich in psychiatrischer Behandlung, wie Nebenklagevertreter Alexander Hauer unterstrich. Mit teils zittriger Stimme schilderte der schmal gebaute Mann, dass er immer noch Schlaf- und Konzentrationsstörungen habe. Ein Grund, weshalb er unsicher sei, ob er – wie eigentlich gewollt – ein Studium antreten solle. Eine Entschuldigung des 25-jährigen Angeklagten lehnte er ab. Er sei »zwiespältig«, ob die Täter es »ernst« meinten oder nur auf Anraten ihrer Verteidiger agierten, »um besser dazustehen«.

Staatsanwalt Hahn hatte vor allem kritisiert, wie der jüngere Täter, der den Älteren angestiftet hatte, vorgegangen war: Der 23-Jährige habe in der Spielothek beobachtet, wie das Opfer seinen Gewinn kassierte. Doch statt dem Langgönser das Geld später einfach nur »abzunehmen«, habe man das Opfer mit dem Auto verfolgt. Der 23-Jährige habe den Langgönser auch geschlagen, am Hals gepackt und mit dem Gesicht gegen eine Scheibe gedrückt. Immerhin: Der ältere Täter hatte sich bereits am Tag nach der Tat der Polizei gestellt und dem Opfer später sogar einen Brief geschrieben. Er macht auch eine Verhaltenstherapie. Seine Strafe wurde auf ein Jahr und neun Monate reduziert und zur Bewährung ausgesetzt. Außerdem müssen beide Täter zusammen 4500 Euro Schmerzensgeld an das Opfer zahlen.

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