Kreis Gießen

»Wir sind normale Menschen«

08. Februar 2017, 20:15 Uhr
Der Landtagsabgeordnete Gerhard Merz berichtet im Ausländerbeirat von seinem Libanon-Besuch. Eine Rolle spielt dabei auch Suleiman, den Merz hier im Gespräch mit einem Dolmetscher fotografiert hat. (Foto: pm)

Ganz chic sieht er aus, der kleine Süleiman. Er trägt einen Anzug und eine Krawatte. Die nackten Füße stecken in Badelatschen. Auf seiner Reise durch den Libanon hatte Landtagsabgeordneter Gerhard Merz (SPD) den kleinen Süleiman in einem Flüchtingslager getroffen und fotografiert. Beim Neujahrsempfang des Kreisausländerbeirats am Dienstagabend im Landratsamt stellte er Stationen seiner Reise vor.

Beiratsvorsitzender Tim van Slobbe hatte zuvor die Aktivitäten des Gremiums in einer Rückschau beleuchtet. Er versicherte den zahlreich Anwesenden: »Wir bleiben aktiv gegen alle, die mit Rassismus, Spaltung, Hass und Provokation versuchen, Macht zu gewinnen.« Großes Thema im Jahr 2016 war die Aufnahme von Flüchtlingen in den Kreiskommunen. Van Slobbe zeigte sich bewegt vom Engagement der Menschen in den Dörfern. Er betonte die Kooperation mit den Kreisbehörden und die vom Ausländerbeirat angestoßene Zusammenführung von Haupt- und Ehrenamtlichen.

In überspitzter Form benannte van Slobbe die in Deutschland kursierende Angst vor Menschen fremder Herkunft. »Wir Ausländer sind nicht ein kriminelles, gewaltbereites, sich einen Aufenthaltstitel erschleichendes, Sozialgelder schmarotzendes, islamistisches und ungebildetes Pack, vor dem man sich fürchten muss«, sagte der Vorsitzende im Namen der vom Beirat vertretenen Bevölkerungsgruppen. »Wir sind ganz normale Menschen. Wir sind Familienväter und -mütter, Demokraten, Steuerzahler, Akademiker und Ungelernte, ehrenamtlich Tätige, Muslime, Christen, Hindus oder Juden.« Van Slobbe sagte, er sei traurig, dass er im Jahr 2017 auf etwas so Selbstverständliches noch hinweisen müsse. Er rief dazu auf, sich gegenseitig kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen und fremde Sprachen zu erlernen. Und er rief dazu auf, die Welt zu bereisen, um zu erkennen, dass Menschen in anderen Ländern »genauso ticken wie wir.«

Zu Besuch im Libanon

Gerhard Merz zeigte Aufnahmen aus den Flüchtlingslagern im Libanon. Das von Bürgerkriegen gezeichnete Land beherbergt mehr als eine Million syrischer Flüchtlinge, und das bei nur 4,5 Millionen Einwohnern. Der Libanon sei ein konfessionell und ethnisch zersplittertes Land, berichtete Merz. Flüchtlinge auf Dauer zu integrieren, würde das fragile Gleichgewicht der einheimischen Bevölkerung ins Wanken bringen. Deshalb, so Merz, gebe es keine Bestrebungen, Wohnung, Schulen und Arbeitsplätze für die Flüchtlinge zu schaffen. Ohne Schule und Zeugnisse haben die Kinder keine Zukunftsperspektive. Ohne Geburtsurkunde und Pass haben sie nicht einmal eine Identität, so die düstere Aussicht.

Fluchtursachen zu bekämpfen bedeute auch, Verantwortung für die Menschen im Libanon zu übernehmen, sagte der Referent. Noch sei die Lage dort friedlich, aber man spüre die wachsende Spannung. Wo aber sollen die Flüchtlinge hin, wenn sie im Libanon nicht bleiben, in ihre Heimat aber auch nicht zurückkehren können, fragte Merz. Eine Antwort hatte er nicht. Kernproblem sei der Konflikt in Syrien, sagte Merz.

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