Allendorf

Tom Koenigs plädiert für mehr Zuwanderung

05. März 2014, 17:28 Uhr
Tom Koenigs (Mitte) diskutiert gestenreich mit den Allendorfer Gesamtschülern.

Ganz zum Schluss, als der Leiter der Gesamtschule Lumdatal, Klaus-Dieter Gimbel, dem Gast ein Geschenk zum Dank für dessen Besuch überreichen will, stellt ein Junge diese eine Frage. Er will vom Grünen-Bundestagsabgeordneten Tom Koenigs wissen, wie er mit rechtsextremen Sprüchen aus dem Bekanntenkreis umgehen soll. Der 70-Jährige beugt sich auf seinem Stuhl nach vorne. »Manche Typen brauchen ein Hassobjekt«, sagt er. »Mit denen kann man nicht diskutieren.« Aber diejenigen aus dem Umfeld der extremen Rechten, die könne man noch erreichen. »Hier in Allendorf ist es doch auch gelungen«, sagt Koenigs. Er ist gestern für eine Diskussionsrunde mit der Klasse G10 an die GSL gekommen.

Politik ist langweilig? Politik ist dröge? Mit dem Marathon-Menschenrechtler Tom Koenigs jedenfalls nicht. Der 70-Jährige hat den Gang durch die Institutionen hinter sich. Gestartet in der außerparlamentarischen Opposition, tritt er den Grünen bei, spendet als Bankierssohn sein Erbe an Widerstandskämpfer in Vietnam und Chile, wird Stadtverordneter in Frankfurt und später Umweltdezernent. Er ist für die UN weltweit unterwegs gewesen – als stellvertretender Sondergesandter im Kosovo, um dort die Zivilverwaltung aufzubauen, und als Leiter der Friedensmission in Afghanistan. Ehrenamtlich ist er im UNICEF-Vorstand tätig.

All das ist Thema in der Diskussionsrunde, für die die Gesamtschüler zusammen mit ihren Lehrerinnen Edith Mallek und Heidrun Backhaus 85 Fragen vorbereitet und sie dem Bundestagsabgeordneten im Vorfeld zugeschickt haben. Nicht alle können gestellt werden, deshalb wird ausgelost. Es gibt vier Kategorien: Privates, Asyl, »Armutszuwanderung« und Menschenrechte. Vor allem bei den letzten beiden Punkten zeigt sich Koenigs als leidenschaftlicher Verfechter für mehr Zuwanderung und gegen Rassismus.

Auf die Anti-Rassismus-Konvention der Vereinten Nationen angesprochen, sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus. Vor allem der Antiziganismus – die Diskriminierung von Sinti und Roma – sei hierzulange nicht aufgearbeitet. »Gewaltige Vorurteile« bestimmten die Debatte um Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien, sagt Koenigs. Er erinnert an den CSU-Slogan »Wer betrügt, der fliegt« (Koenigs: »Was ist dann mit Hoeneß?«) und sieht eine unterschwellige Diskriminierung von Roma. Der Begriff »Armutszuwanderung« ist für ihn ein heißer Kandidat für das Unwort des Jahres. Und auch die gezielte Kontrolle der Polizei nach ethnischer Zugehörigkeit, Religion und nationaler Herkunft – Racial profiling gennant – ist für ihn Rassismus, dem man entgegentreten müsse. »Wir brauchen Einwanderer«, sagt Koenigs klipp und klar, »vor allem junge.«

Gimbel habe ihm von der Diskussion um den Schulstandort Allendorf/Lumda erzählt. Dass es zu einem Verbund mit einer anderen Einrichtung kommen werde – wegen sinkender Schülerzahlen. Für ihn ein Beispiel, warum mehr Zuwanderung nötig ist. Denn ohne sie gebe es nicht ausreichend Fachkräfte, keine stabile Wirtschaftslage sowie Sozial- und Rentensysteme. Deutschland habe massiv von der Europäischen Gemeinschaft mit ihrem freien Waren- und Personenverkehr profitiert. »Dort mit eingeschlossen ist auch die Zuwanderung«, sagt Koenigs, der diese als »Freiheitsgewinn« bezeichnet.

In einfachen Worten, immer mit einer Anekdote zur Stelle, schafft es Koenigs, die eineinhalb Stunden kurzweilig zu halten. Seine zentrale Botschaft: »Engagiert und beschwert euch! Das hilft.«

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